Anti-Mobbing-Training

Klare Kante gegen Gewalt in Marzahn:  So lernen schon die Kleinsten, wie es geht

Natalia Fuchs übt mit Grundschülern, wie sie Konflikte ohne Gewalt lösen. Prävention kann nicht früh genug beginnen, sagt sie

Author - Stefanie Hildebrandt
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Anti-Gewalt-Training in der 37. Grundschule in Mahlsdorf. Natalia Fuchs übt mit den Kindern klare Kommunkation.
Anti-Gewalt-Training in der 37. Grundschule in Mahlsdorf. Natalia Fuchs übt mit den Kindern klare Kommunkation.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Kurier

Bei den kleinen „Wölfen“ in der 37. Grundschule in Berlin-Mahlsdorf ist heute ein besonderer Tag. Natalia Fuchs ist zu Gast und trainiert die Erst- und Zweitklässler. Die Kinder lernen mit dem Programm  von „Stay Cool“, wie sie in Konfliktsituationen gelassen bleiben, damit Gewalt keine Chance hat.

Gewalt im Klassenraum hat viele Gesichter

Mit dem Berliner Gewalt- und Konfliktbarometer hat Berlin erstmals mit einer Studie einen Überblick darüber gewonnen, wie groß das Problem Gewalt an Schulen wirklich ist. Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeitenden stuft Konflikte und Gewalt an der eigenen Schule als großes oder sehr großes Problem ein.

Besonders kritisch ist aus der Sicht von Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch, dass Probleme bereits bei den Jüngsten sichtbar werden. Drei Schlussfolgerungen zieht man aus den Daten: Mehr Prävention soll verhindern, dass Gewalt entsteht. Intervention soll Konflikte früh erkennen und stoppen. Und klare Konsequenzen sollen greifen, wenn Grenzen überschritten werden.

So lernen schon die Kleinsten, Konflikte ohne Gewalt zu lösen.
So lernen schon die Kleinsten, Konflikte ohne Gewalt zu lösen.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Kurier

Zu viel Bürokratie bei Präventionsarbeit

„Der Bedarf an Konflikt-Trainings, Anti-Mobbing-Workshops oder Resilienz-Übungen ist also da, das Angebot auch“, sagt Trainerin Natalia Fuchs. Nur wie beide Seiten, Schulen und Anbieter, zusammenkommen, sei noch immer  viel zu kompliziert.

Die Finanzierung ist die eine Frage. Die meisten Trainings werden aus dem Schulbudget bezahlt. Gelder gibt es hiefür beispielsweise aus dem Startchancen-Programm. Aber auch die Bürokratie ist noch immer ein Hindernis.

„Dass Verträge und Rechnungen im Original vorliegen müssen, oder  dass jeder Bezirk andere Vorgaben macht, das kostet viel Energie und Kraft“, sagt Natalia Fuchs. An den Schulen fehlen die Kapazitäten, sich durch den Papierdschungel zu kämpfen. Deswegen unterstützen Fuchs und ihr Team schon im Vorfeld eines Trainings bei der Organisation. 

„Regelmäßige Trainings und Input müssten der Standard sein“, sagen  die Lehrerinnen an der 37. Grundschule, die ihre kleinen „Wölfe“ heute einmal aus einer ganz anderen Perspektive kennenlernen.

Wie gehen Kinder besser mit Konflikten um

In der jahrgangsübergreifenden Klasse sollen die Mädchen und Jungen heute viel selbst machen. „Je jünger, desto mehr machen“, lacht Natalia Fuchs. Bei den Kursen, die sie für Erwachsene zum Thema Gewaltprävention und Resilienz gibt, darf es aber auch schon deutlich mehr Theorie sein. 

Im Grundtraining, das bei Stay cool für einen Tag 850 Euro kostet, lernen die Schüler, wie sie mit den häufigsten Konflikten wie Beleidigungen und Provokationen umgehen. Was tun, wenn dir etwas weggenommen wird, wenn dich einer ungewollt festhält oder Gewalt androht?

Schüler machen schon früh Erfahrungen mit Gewalt

Die Mädchen in der Klasse berichten in der Pause, dass sie es selbst auch schon erlebt haben,  dass sie jemand geärgert hat, oder dass auf dem Schulhof Mützen geklaut werden. Spielerisch probieren die „Wölfe“ nun aus, wie man dann am besten cool bleibt und entspannt reagiert. „Wie ein Löwe, gelassen und überlegen“, sagt Natalia Fuchs.

Als sie im Rollenspiel die Kinder festhält, kann jedes einzelne Kind am Ende stark und bestimmt sagen: „Lass meinen Arm los!“ Konzentriert üben die Kinder eine starke Haltung ein. Sie lernen, dass man Beleidigungen und Provokationen nicht annehmen muss. Auch Weggehen ist eine Strategie zur Deeskalation.

Gewaltfreie Kommunikation lernen

Das A und O im Miteinander ist die Kommunikation, lernen die Kinder. Komm zum Punkt, heißt die Devise. „Wir Erwachsenen reden oft nicht ordentlich mit euch Kindern“, sagt Coach Natalia Fuchs, „aber wir erwarten, dass ihr es gleich könnt.“

An diesem Vormittag lernen die Kinder also laut zu sagen, was sie wollen und was nicht, sie lernen, Grenzen zu setzen, und dass man sie nur ernst nimmt, wenn sie sich auch selbst ernst nehmen. „Du bist groß, Größe kommt von innen“, sagt Natalia zu einem kleinen Mädchen. Es ist gar nicht so leicht, vor allen anderen für sich einzustehen.

„Größe kommt von innen“, sagt Natalia Fuchs.
„Größe kommt von innen“, sagt Natalia Fuchs.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Kurier

„Uns gefallen die Ideen, die man hier bekommt.“, sagen die Mädchen in der Pause. Wie jeder Einzelne auf Provokationen und Gewalt reagiert, macht einen großen Unterschied.

Und auch Selbstvertrauen ist ein Baustein, der helfen kann, den Mobbern nicht das Feld zu überlassen. Als jedes Kind sich still eine Sache überlegen soll, die es besonders gut kann, fällt allen etwas ein. Karate, Dame spielen, lesen, tauchen, schnell rennen, zählen die Kinder auf. Und: Ich kann eine gute Freundin sein.

Während Erwachsene Kinder oft daran erinnern, was sie nicht können, hilft es, sich der Dinge gewahr zu werden, in denen man richtig gut ist. Als zum Schluss eine ganze Traube von Kindern um Bo herumsteht, um ihn in einem gespielten Konflikt zu unterstützen, ist das ein Gänsehautmoment. Sie halten zusammen, wie die Wölfe in einem Rudel. Wer Teil eines Teams ist, braucht keine Gewalt, um sich stark und gesehen zu fühlen.

Experten-Tipps: So läuft es stressfreier in der Klasse

Für Klassen hat die Expertin noch drei konkrete Tipps für ein stressfreieres Miteinander: Oft gibt es in Klassen zu viele Regeln. Stellen Sie lieber weniger Regeln auf, dafür gute.

1. Weniger Regeln sind besser
  • Höre zu, wenn jemand spricht. Wenn du kannst, schaue deinem Gegenüber dabei in die Augen.
  • Ich bleibe bei mir, körperlich, aber auch gedanklich.
  • Gib anderen den Raum, sich zu äußern.

„Zu diesen Regeln kann man Bewegungen machen. Wir benutzen viel zu selten den Körper in der Kommunikation, viel zu oft die Stimme“, so Fuchs.

2. „Lehrer und Erzieher, benutzt mehr den Raum. Lernt wieder, euch zu bewegen“, sagt Natalia Fuchs. Bewegung zieht Aufmerksamkeit an und als Lehrer kann man die Kinder auch mal von anderen Seiten betrachten.
3. Die Aufnahmespanne der Kinder ist sehr kurz – 10 bis 15 Minuten, wenn sie gut sind. Meist nur 5 bis 10 Minuten. Die Erwartung, Kinder könnten eine Stunde sitzen und still sein, ist falsch. Kurze Bewegungen helfen. Eine Bewegungseinheit kurz vor der Pause ist gut. Denn viele Konflikte spielen sich in den Pausen ab. Haben sich die Kinder vorher bewegt, gehen sie mit einer anderen Energie in die Pause.

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