Für die Berliner Staatsanwaltschaft ist der Arzt Johannes M. ein Serientäter. 184 Zeugen, abgehörte Gespräche – und ein Schweigen, das schwer wiegt. Seit fast elf Monaten steht ein Berliner Palliativmediziner vor Gericht. Der Vorwurf: Mord an mindestens 15 Patienten. Ein Prozess, der Berlin erschüttert. Nach einer vierwöchigen Unterbrechung wird der Prozess am Mittwoch um 9.30 Uhr in Saal A700 vor dem Landgericht Berlin fortgesetzt.
Das jüngste Opfer war 25, das älteste 94 Jahre alt
Welche Vorwürfe gibt es? Die Staatsanwaltschaft spricht von Mord aus Heimtücke. Von niedrigen Beweggründen. Von einem Arzt, der ohne medizinische Notwendigkeit ein tödliches Medikamentengemisch verabreicht haben soll. Zwölf Frauen, drei Männer. Alle schwer krank, aber nicht im Sterben. Die Anklage ist 255 Seiten lang. Mehrmals soll er Feuer gelegt haben, um Spuren zu verwischen.
Wer sind die mutmaßlichen Opfer? Die Jüngste: 25. Die Älteste: 94. Menschen, die noch Pläne hatten. Noch Hoffnung. Noch Leben. „Meine Mutter wollte weiterleben“, sagt der Sohn einer 72-Jährigen. Eine Nebenklägerin weint um ihre Tochter. „Nie hat sie gesagt, dass sie sterben will.“ Die Fassungslosigkeit sitzt tief.
Welche Indizien gibt es? Exhumierte Leichen. Toxikologische Gutachten. Rückstände eines Muskelrelaxans, das ohne Beatmung in Minuten zum Tod führt. Bewegungsprofile des Arztes. Bestellungen in Apotheken. Und abgehörte Telefonate aus der Untersuchungshaft. Darin sagt der Arzt zu seiner Frau: Er habe „nicht wahllos getötet“. Er würde „immer wieder so handeln“. Er spricht von „moralischem Handeln mit falschen Mitteln“. Von Sterbehilfe. Von Medikamenten, die „therapeutisch oder zum Töten“ eingesetzt worden seien.
Johannes M.: „Er wurde vom ganzen Team geliebt“
Was weiß man über Johannes M.? 41 Jahre alt. Zwei Facharztausbildungen. Verheiratet, ein Sohn. Kollegen beschreiben ihn als einfühlsam, höflich, hilfsbereit. Seine frühere Chefin sagt: „Er wurde vom ganzen Team geliebt.“ Seit August 2024 sitzt er in U-Haft. Er schweigt. Auch gegenüber der psychiatrischen Gutachterin. Sie beobachtet ihn nun im Gerichtssaal. Am Ende soll sie sagen, wer dieser Mann ist – und ob er schuldfähig war.



