An einem zerstörten Auto halten Polizisten eine Plane. In Berlin-Mitte sind bei dem schweren Verkehrsunfall vier Menschen getötet worden. Ein Auto war an der Ecke Invalidenstraße und Ackerstraße auf einen Gehweg gefahren. Britta Pedersen/dpa

Zwei weiße Pappfiguren lehnen an einem Bauzaun vor einem mehrstöckigen Rohbau. Sie werden von wuchernden Sträuchern nahezu verdeckt, ebenso wie eine etwa zwei Meter lange Holzwanne, in der seinerzeit Kerzen und Blumen zum Gedenken an die Unfallopfer abgelegt worden sind. Vier Menschen, darunter ein dreijähriger Junge, sind an dieser Ecke an der Invalidenstraße vor gut zwei Jahren gestorben. An diesem Mittwoch (27. Oktober) beginnt in Berlin der Prozess, der die Hintergründe der Tragödie klären soll.

Angeklagt ist ein 44-Jähriger, der an jenem 6. September 2019 hinter dem Steuer seines schweren Autos einen epileptischen Anfall gehabt haben soll. Es geht um fahrlässige Tötung und fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, seinen SUV gefahren zu haben, obwohl bei ihm eine strukturelle Epilepsie bestanden habe und eine Gehirnoperation erst etwa einen Monat zurücklag. Er habe erkennen können, dass er gesundheitlich nicht in der Lage gewesen sei, das Fahrzeug sicher zu führen.

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Am Unfalltag sei es infolge eines epileptischen Anfalls zum Krampf gekommen, sodass er mit durchgedrücktem Gaspedal „konstant voll beschleunigend gradlinig“ etwa 80 Meter weitergefahren sei. Der Wagen rammte eine Ampel, überschlug sich mehrfach und erfasste dabei die wartenden Menschen auf dem Gehweg.

Unfall an der Invalidenstraße: Sind SUV besonders gefährlich?

Neun Hinterbliebene sind nach Angaben von Gerichtssprecherin Lisa Jani als Nebenkläger zu dem Prozess vor dem Landgericht Berlin zugelassen. Etwa 70 Zeuginnen und Zeugen hat die Staatsanwaltschaft demnach benannt. Ob diese alle vor Gericht erscheinen müssen, bleibt abzuwarten. Allein wegen der medizinischen Fragen ist jedoch von einer umfangreichen Beweisaufnahme auszugehen. Die 42. Strafkammer hat bislang 20 Prozesstage bis Anfang Februar 2022 geplant.

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Der Fall hatte bundesweit für Empörung gesorgt – und schnell eine Diskussion um die Gefahren im Straßenverkehr ausgelöst. Anfangs stand dabei die Frage im Fokus, ob SUV-Fahrzeuge (Sport Utility Vehicle) besonders gefährlich sind. Schnell konzentrierte sich die Debatte jedoch auf die insgesamt angespannte Verkehrssituation im Umfeld des Unfallortes Invalidenstraße Ecke Ackerstraße. Ein wesentlicher Grund dafür war die Internet-Petition „Sichere Wege für Schul- und Kita-Kinder auf der Invalidenstraße“, die binnen kurzer Zeit von 10.000 Menschen unterzeichnet wurde. „Letztlich gab es 15.000 Unterschriften“, berichtet Initiator Julian Kopmann.

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Figuren, die die Opfer darstellen, liegen bei der Mahnwache zum Jahrestag des SUV-Unfalls in der Invalidenstraße am Boden. Ein Unfall hier mit vier Toten hat vor zwei Jahren für großes Aufsehen gesorgt. Fabian Sommer/dpa

Er habe nach dem schrecklichen Unfall in Berlin-Mitte nicht untätig bleiben können, schildert der Vater von drei Kindern im Alter von drei und vier Jahren. Die Tragödie sei aber nur der Anstoß dafür gewesen, auf die gefährliche Situation im Kiez aufmerksam zu machen. „Es ging nicht gegen die Autofahrer“, erklärt Kopmann. Sein Anliegen sei es gewesen, den Straßenraum „fußgängerwürdiger“ zu gestalten.

Die Politik reagierte schnell: Rund drei Wochen nach dem tödlichen SUV-Unfall gab es ein Treffen von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) und weiteren Politikern mit Kopmann. Relativ schnell wurde Tempo 30 eingeführt, es entstanden sogenannte geschützte Fahrradwege auf beiden Straßenseiten. Rund 177.000 Euro investierte die Senatsverkehrsverwaltung nach eigenen Angaben dafür.

Veränderungen am Unfall-Ort sind „Symbolpolitik“

Dennoch fällt die Bilanz ernüchternd aus: „Aus meiner Sicht war das keine kluge Planung“, sagt Oliver Schwedes, Leiter des Fachgebiets für Integrierte Verkehrsplanung an der Technischen Universität (TU) Berlin. Die Veränderungen seien mehr „Symbolpolitik“ gewesen. „Der Fußgänger hat von den Veränderungen kaum etwas.“ Anwohner und Gewerbetreibende seien nicht zu ihren Bedürfnissen befragt worden. Dies soll nun innerhalb eines Projektes erfolgen, das Schwedes mit Studierenden begleitet, um das Quartier weiterzuentwickeln, damit es lebenswert bleibt und sicherer wird.

Blumen liegen bei der Mahnwache zum Jahrestag des SUV-Unfalls in der Invalidenstraße aus. Vier Menschen, darunter ein Kleinkind, wurden am 6. September 2019 bei einem Autounfall in der Invalidenstraße getötet. Fabian Sommer/dpa

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Kopmann hofft, dass so doch noch Ziele eines Modellprojektes verwirklicht werden, das Bezirk und Senat seinerzeit ebenfalls zugesagt hatten, dann aber aus Kapazitätsgründen eine Absage erteilten. Aus Sicht der Gewerbetreibenden im Kiez wäre dies dringend erforderlich: Die Situation der Fußgänger habe sich angesichts „durchrasender Radfahrer“ verschlechtert statt verbessert, klagt Sieglinde Schellig, Besitzerin eines Blumengeschäfts, die nach eigenen Angaben für die Händler im Kiez spricht.

„Die Petition wurde für eine Sache benutzt, die gar nicht das eigentliche Anliegen war“, sagt die 65-Jährige. „Der Unfall hat uns alle hier sehr erschüttert. Das hält bis heute an. Aber er hat nichts mit der Situation hier zu tun.“