„Wer sein Kind mit einem Handy ruhigstellt, kann ihm gleich Kokain geben!“, erklärt eine Expertin und verrät, warum die Sucht nach dem Handy ähnlich einer Sucht nach Drogen ist. imago images/Westend61

Kinder und Jugendliche wachsen heutzutage mit Tablet-Computern und Handys in den Händen auf. Und es geht auch nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu heben und jegliche Technik zu verfluchen. Doch die eindringlichen Worte, die eine britische Ärztin jetzt auf einer Fachtagung an Lehrer, Eltern und Forscher richtet, sollten einem doch zu denken geben. Sie sagt: „Wer sein Kind mit einem Handy ruhigstellt, kann ihm gleich Kokain geben!“

Bitte was? Vergleicht Mandy Saligari, die die Harley-Street-Charter-Klinik in London leitet, in ihrem Statement allen Ernstes das Daddeln am Smartphone mit richtig harten Drogen? Tut sie! Und das nicht ohne Grund.

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Sie und ihr Team sind in ihrer Klinik auf ambulante Suchtbehandlungen spezialisiert, die auf maladaptive Verhaltensweisen abzielt, die oft erst als Sucht angesehen werden, wenn es zu spät ist. Denn genau da liegt auch bei der Handy-Sucht das Problem: „Wenn Menschen über Sucht nachdenken, neigen sie dazu, ihre Augen auf die Substanz zu richten, die den Schaden anrichtet – aber in Wirklichkeit ist es ein Verhaltensmuster, das sich auf verschiedene Weise manifestieren kann“, erklärt die Expertin gegenüber der Zeitung Independent.

Handy als Sucht mit gefährlichen Nebenwirkungen

Es geht also weniger um das Handy als solches als um das Verhaltensmuster, mit dem wir es bedienen. Und die Kinder, denen solche Geräte in die Hand gedrückt werden, werden immer jünger. Schon Kindergarten-Kinder wissen oft ganz genau, welche Knöpfe sie drücken müssen, damit „Peppa Wutz“ oder „Feuerwehrmann Sam“ über den Bildschirm flimmern.

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Während solche Sendungen schon nicht das Gelbe vom Ei sind, wird der Inhalt dessen, was da auf dem Handy konsumiert wird, mit zunehmendem Alter immer schlimmer. In einer kürzlich durchgeführten Umfrage unter mehr als 1500 Lehrern gaben rund zwei Drittel an, dass sie wissen, dass Schüler sexuelle Inhalte teilen. Selbst jeder sechste Grundschüler betreibe sogenanntes Sexting.

„Viele meiner Klienten sind 13- und 14-jährige Mädchen, die Sexting betreiben und Sexting als ‚völlig normal‘ beschreiben“, erklärt Mandy Saligari. Vor allem viele junge Mädchen glauben, dass es „normal“ ist, jemandem ein Nacktfoto auf dem Handy zu schicken, und dass es erst „falsch“ wird, wenn ein Elternteil oder Erwachsener davon erfährt, fügt sie hinzu.

Papa braucht seine Ruhe? Dann wird das Kind eben mit dem Handy ruhiggestellt – ein gefährlicher Trend! imago/Westend61

Doch zurück zum Ursprung des Problems: Handys werden immer häufiger zur gefährlichen Sucht-Falle. In Umfragen gibt ein Drittel der Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren zu, dass sie keine gute Balance zwischen Bildschirmzeit und anderen Aktivitäten haben. Die Zahlen der Untersuchungen deuten darauf hin, dass es mehr als vier von zehn Eltern von 12- bis 15-Jährigen schwerfällt, die Bildschirmzeit ihrer Kinder zu kontrollieren.

„Wir haben unser Gehirn ausgelagert“, sagt der Psychologie-Professor Dr. Christian Montag gegenüber dem MDR, „wenn das Smartphone kaputtgeht, ist bei vielen Panik angesagt“. Es sei eine Art Schweizer Taschenmesser geworden. Wenn man immer und überall erreichbar ist, steigt die Angst, etwas zu verpassen.

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Die Sucht nach dem Handy ist noch keine eigenständig anerkannte Krankheit

Eine eigenständige Diagnose „Handy-Sucht“ gibt es noch nicht. Das exzessive Nutzen der Technik kann aber durchaus in den Bereich der Verhaltenssucht fallen. Forscher diskutieren, ob und wie sich Entzugssymptome beim Smartphone mit Entzugserscheinungen bei anderen Drogen vergleichen lassen. Ihre Erkenntnis: Viele Funktionen des Smartphones wirken auf das Gehirn in ähnlicher Weise. Alle haben eins gemein: Sie stimulieren das Belohnungssystem.

In Umfragen gibt ein Drittel der Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren zu, dass sie keine gute Balance zwischen Bildschirmzeit und anderen Aktivitäten haben. Das Handy wird immer mehr zur Sucht-Falle. imago stock&people

Vor allem deshalb prangert Sucht-Expertin Mandy Saligari den Umgang mit Smartphones so drastisch an. „Warum schenken wir diesen Dingen so viel weniger Aufmerksamkeit als Drogen und Alkohol, wenn sie auf die gleichen Gehirnimpulse wirken?“, fragt sie.

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Es gehe nicht darum, Handys zu verteufeln. Sie wirbt für einen bewussten Umgang damit. „Wenn sie früh genug geschult würden, könnte man Kindern beibringen, sich selbst zu regulieren, sodass wir sie nicht überwachen und ihnen genau sagen müssen, was sie tun sollen“, erklärt sie und nimmt dabei auch die Schulen in die Pflicht. Dort soll und muss ihrer Meinung nach smartphone-freie Zone sein. Für zu Hause gilt: Es muss Schlaf- und Handy-Auszeiten geben – immer! Im besten Fall lernen Kinder eben nicht frühzeitig, das selbst zu regulieren.