Nennt man das, was dem 1. FC Union Berlin gerade widerfährt, Krise? Eine ziemlich ausgewachsene gar?
Nur von einer Ergebnisdelle zu sprechen, wäre zu niedlich. Das träfe es nicht mehr nach nur einem Sieg in den zehn Spielen dieses Jahres und lediglich sieben Punkten in dieser Zeit. Kaum hat das Profi-Team der Frauen, das nach einer dreiwöchigen Länderspielpause am Freitag mit dem Auswärtsspiel in Leipzig zum Saisonendspurt startet, die Kurve bekommen und sich auf Rang 9 ein Zehn-Punkte-Polster vor den Abstiegsplätzen erspielt, sind die Männer der Abstiegszone gefährlich nahe gekommen. So nahe, dass es schon beängstigend ist, zumal das Momentum alles andere als auf der Seite des Teams von Trainer Steffen Baumgart ist.
Union Berlin in der Bundesliga im freien Fall
Manches mag man mit Pech erklären oder mit fehlendem Spielglück. In der Summe ist es damit jedoch nicht getan. Zunächst hatte Baumgart, weil in den ersten sechs Spielen nach der Winterpause stets die Gegner vorgelegt hatten und es für die Eisernen nach Aufholjagden gegen Mainz, Augsburg, Stuttgart und Frankfurt zu vier Punkten reichte, regelrecht darum gefleht, endlich mal in Führung zu gehen, um eine Partie besser nach eigenen Wünschen zu gestalten. Allein beim 1:0 über Leverkusen hat das geklappt, in Hamburg (2:3 nach 1:0) und nun gegen Bremen (1:4 nach 1:0) ist das krachend in die Hose gegangen. Ausgerechnet gegen Teams, die sich ebenso in der gefährlichen Zone aufhalten, und weshalb die Punkte, wie man so sagt, doppelt zählen. Schöner Schlamassel!

Für alles könnte man eine Erklärung haben. Dafür, dass Andrej Ilic im Spiel beim HSV die dickste aller Torchancen ausließ und die Eisernen so nicht wenigstens einen Punkt aus dem Volkspark mitnahmen. Auch dafür, dass Stanley Nsoki in Mönchengladbach in gleich doppelter Hinsicht einen Elfmeter verursachte, der extremer nicht ausfallen kann. Erstens, weil es in letzter Minute passierte, zweitens, weil das Foul auf der Strafraumlinie geschah. Dass nun Andras Schäfer gegen Bremen schon in der Frühphase vom Platz gestellt wurde, obwohl alle Welt beteuert, dass die Entscheidung zu hart ausfiel, macht es kaum erträglicher. Der Gegenwind lässt nicht nach. Im Gegenteil. Er bläst den Rot-Weißen schon am Sonntag im Spiel beim SC Freiburg noch vehementer ins Gesicht, weil auch noch Leopold Querfeld gesperrt ist. Langsam ist Land unter.
Baumgart fehlte das Spielglück – jetzt fehlt die Zeit
Auch andere haben gefühlt ewig lange Durststrecken hinter sich. Augsburg schaffte ziemlich früh in der Saison in neun Runden lediglich einen Sieg; Mönchengladbach hatte nach acht Spielen nur drei Punkte auf dem Konto; Mainz sammelte vor der Amtsübernahme von Urs Fischer und auch in den ersten Spielen mit dem Schweizer in zwölf Partien ganze fünf Zähler; St. Pauli kam in zehn Spielen auf ein Remis, kassierte aber neun Niederlagen; Wolfsburg hat in den vergangenen acht Partien nur zwei Punkte geholt. Heidenheim als längst abgeschlagenes Schlusslicht mit zehn Punkten Rückstand auf den Relegationsrang wollen wir mal nicht zusätzlich quälen. Fakt ist bei allen jedoch, dass sie aus genau diesem Grund, aus verflucht langen Wenig-Punkte-Serien, dort stehen, wohin der 1. FC Union gerade abdriftet.

Ein wenig Glück haben die Köpenicker allerdings doch noch. Die gefährliche Region quillt vor zeitweiliger Punkte-Inkompetenz geradezu über. Zwischen dem HSV (29 Zähler), dem 1. FC Union (28), Mönchengladbach, Bremen (beide 25), Köln, Mainz und St. Pauli (alle 24) liegen ganze fünf Punkte. Oder in Spielen ausgedrückt: zwei.
Platzverweise, Patzer, Pech: Die Spirale dreht sich schneller
Das macht die Sache einerseits zusätzlich brenzlig, andererseits birgt sie etliche Chancen. Allerdings braucht es für eine Kletterpartie zwei elementare Eigenschaften, die beim 1. FC Union zuletzt zu häufig fehlten: Stabilität in der Abwehr – nur Wolfsburg und Heidenheim haben in der Rückrunde mehr Gegentore kassiert als die Eisernen mit 16. Dazu Power im Angriff – sieben Treffer werden nur von Mönchengladbach unterboten.


