Die Nordische Kombination steht vor dem Aus. Nach den Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo fordert das Internationale Olympische Komitee (IOC) für 2030 die vollständige Geschlechtergleichstellung, denn bei den Spielen im Februar sind nur Männer zugelassen. Sollte das nicht gelingen, wäre die Traditionssportart bei den Wettkämpfen in vier Jahren draußen.
Das wäre nicht nur für die Sportart ein gewaltiger Imageschaden und herber Rückschritt, sondern auch für die Sportlandschaft in Deutschland. Denn kaum ein anderes Land hat die Nordische Kombination seit ihrer Aufnahme ins olympische Programm 1924 in Chamonix so geprägt wie Deutschland.
Ulrich Wehling aus der DDR gewinnt dreimal Olympiagold in Folge
Trotz der Erfolge von Hermann Weinbuch, Ronny Ackermann, Eric Frenzel und Vinzenz Geiger: Ulrich Wehling überragt sie alle. Der Mann aus der DDR ist bis heute der einzige Kombinierer, der bei drei aufeinanderfolgenden Olympischen Winterspielen Einzelgold gewann.
Die einmalige Siegesserie beginnt Wehling, der für den SC Traktor Oberwiesenthal startete, 1972 bei den Spielen in Sapporo. Der damals 19-Jährige setzt sich überraschend vor dem Finnen Rauno Miettinen und Karl-Heinz Luck aus der DDR durch. Der große Favorit Franz Keller aus der BRD hält dem Druck nicht stand und landet nur auf Platz 33.

Ausschlaggebend für Wehlings Erfolg: seine Laufleistung. Nach dem Springen liegt er auf Platz vier und muss auf seinen ärgsten Gegner Miettinen etwa eine Minute aufholen.
Das gelingt ihm – und wie: Der DDR-Sportler läuft über 15 Kilometer die drittschnellste Zeit, nimmt dem Finnen fast zwei Minuten ab und sichert sich Gold. Eine Sensation!
Wehling führt deutschen Dreifachtriumph an
Für Wehling, am 8. Juli 1952 in Halle (Saale) geboren, ist das der Beginn einer einzigartigen Karriere. In den nachfolgenden Jahren bestimmen er und Miettinen das Geschehen in der Nordischen Kombination. Doch während sein finnischer Dauerrivale bei den Spielen 1976 in Innsbruck Schwächen zeigt, ist Wehling erneut zur Stelle.
Hatte er vier Jahre zuvor nach dem Springen noch Rückstand gehabt, liegt er diesmal bereits an der Spitze und verteidigt seinen Vorsprung ins Ziel. Angeführt von Wehling jubeln deutsche Sportler übrigens gleich dreifach: Zweiter wird Urban Hettich (BRD), Dritter Konrad Winkler aus der DDR.
Gold-Triple in Lake Placid
Jener Winkler ist es, der sich in den folgenden Jahren zu einem ernsthaften Konkurrenten für Wehling entwickelt. Der erst 27-Jährige ist bei den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid daher nur einer von vier Favoriten auf die Goldmedaille. Neben Winkler hegen auch die Norweger Hoffnungen, ihre einstige Vormachtstellung durch Tom Sandberg wiederzuerlangen. Und Finnland hat große Erwartungen an den 23-jährigen Jouko Karjalainen.
Die Konkurrenz hat aber erneut das Nachsehen: Wehling startet gut in den Wettkampf, liegt nach dem Springen bereits vorn. Im zweiten Durchgang erzielt er sogar den weitesten Sprung des Tages. Im Langlauf kontrolliert Wehling im letzten Teil des Rennens das Geschehen und sichert sich zum dritten Mal Gold. Eine Leistung, die bis heute unerreicht ist.
„Für mich ist es ein absoluter Glücksfall, dass ich das geschafft habe“, sagt Wehling anlässlich seines 70. Geburtstags und verweist mit Stolz darauf, dass es damals nur jeweils eine Olympia-Entscheidung gab – heute sind es drei.
Doping- und Stasi-Vorwürfe gegen Wehling
So groß die Erfolge von Wehling auch sind, seine Person ist nicht unumstritten. Nach seiner Karriere arbeitet er als stellvertretender Generalsekretär im DDR-Skiverband und ist damit verantwortlich für den Leistungssport. Dabei soll er in das staatlich verordnete Doping im DDR-Sport eingebunden gewesen sein. Außerdem soll er Kritik gegen Trainer und Sportler mitgetragen haben, die sich weigerten, Dopingmittel zu verabreichen oder einzunehmen. Zu den Vorwürfen sagte er einst: „Beim DLSV war ich nie für den Leistungssport verantwortlich.“
Auch kommen um die Jahrtausendwende Stasi-Vorwürfe gegen den Ehrenbürger seiner Heimatstadt Oberwiesenthal auf. Das Nachrichtenmagazin Spiegel hatte von Akten berichtet, nach denen Wehling willentlich und wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet habe.



