Die Nerven lagen blank. Als die deutsche Handball-Nationalmannschaft in das so wichtige zweite Hauptrundenspiel gegen Norwegen mit einem Stotterstart begann, hielt sich Alfred Gislason die Hände vors Gesicht. Der Blick ging nach unten. Fast schon ratlos wirkte er angesichts eines 3:7-Rückstands nach zwölf Minuten.
Der Bundestrainer und die DHB-Auswahl schafften aber die Wende. Dank einer Weltklasse-Leistung von Torwart Andreas Wolff und einer klaren Leistungssteigerung seiner Vorderleute gewann Deutschland mit 30:28. Nun stehen die Chancen gut, ins EM-Halbfinale einzuziehen.
So zieht Deutschland ins Halbfinale ein
Dazu bräuchte es aus den verbleibenden beiden Spielen gegen Weltmeister Dänemark (Montag, 20.30 Uhr) und Titelverteidiger Frankreich (Mittwoch, 18 Uhr) einen Sieg, um sicher das Halbfinalticket zu lösen. Platz eins oder zwei wäre Deutschland nicht mehr zu nehmen.
Mit einem Sieg und einem Remis wäre sogar der Gruppensieg sicher. Gleiches gilt bei zwei Unentschieden. Gelingt in beiden Spielen jedoch nur ein Remis, hätte das DHB-Team das Weiterkommen nicht mehr selbst in eigener Hand.
Gislason könnte Kritiker Lügen strafen
Für Gislason wäre ein Weiterkommen in der sogenannten Todesgruppe eine innere Genugtuung. Schließlich stand der Bundestrainer vor dem Gruppenspiel gegen Spanien schon kurz vor dem Aus, als eine historische Blamage drohte, sollte Deutschland bereits in der Vorrunde scheitern.
Nun könnte er hingegen um die Medaillen kämpfen und alle Kritiker Lügen strafen. Zur Erinnerung: Vor dem Spanien-Spiel hatte DHB-Präsident Andreas Michelmann ein klares Bekenntnis zu dem 66 Jahre alten Isländer vermieden. „Wir haben volles Vertrauen zum Trainer, was das nächste Spiel anbelangt. Darauf sollen sich alle konzentrieren“, sagte Michelmann der ARD.
Nach dem Turnier soll die Leistung der Mannschaft und des Trainers analysiert werden
Nach dem Turnier wolle man sich auf einer Sitzung im Februar zusammensetzen und den EM-Auftritt der Mannschaft und die Leistung des Bundestrainers bewerten und „auf Basis dieser Bilanzen und Analysen“ eine Entscheidung treffen. Der Vertrag von Gislason läuft noch bis nach der Heim-WM 2027.
Ein Erfolg jetzt bei der EM würde Gislasons Position stärken. Nicht zuletzt deshalb, weil er immer wieder betont hat, dass es die beste deutsche Nationalmannschaft sei, die er trainiert habe. Nun müssen dem aber Taten folgen.
Gute und schlechte Erinnerungen an Dänemark
Die Erinnerung an das letzte Aufeinandertreffen sind aber schlecht. Vor ziemlich genau einem Jahr gab es am selben Ort bei der WM eine herbe 20:30-Niederlage. „Es muss alles wirklich überragend klappen, über 60 Minuten lang“, sagte der 66-Jährige. Die Ausgangslage fühle sich „natürlich super an. Aber wir wissen, es warten die zwei besten Mannschaften der Welt auf uns, und wir müssen eine von den beiden schlagen.“
Der letzte Pflichtsieg gegen das Handball-Imperium Dänemark liegt inzwischen zehn Jahre zurück. Die Ereignisse vom 27. Januar 2016, als Deutschland in der Jahrhunderthalle von Breslau mit einem 25:23 den Grundstein für seinen sensationellen EM-Triumph legte, werden dieser Tage beinahe zwangsläufig wieder in die Gegenwart gespült.


