Gleich langes Arbeitsleben bei vergleichbarer Erwerbsbiografie, gleich hart gearbeitet. Und trotzdem: Wer das Pech hat, auf der falschen Seite der deutsch-niederländischen Grenze geboren zu sein, bekommt im Ruhestand fast doppelt so wenig. 53 Prozent seines letzten Nettoeinkommens erhält ein deutscher Durchschnittsrentner. Sein niederländischer Nachbar kassiert 96 Prozent. Das ist kein kleiner Unterschied – das ist ein anderes Leben.
Warum Rentner in den Niederlanden deutlich mehr bekommen
Was macht die Niederlande so besonders? Ganz einfach: Dort bekommt jeder Bürger eine staatliche Grundrente (die sogenannte AOW), sobald er das Rentenalter erreicht. Nicht nach Beitragsjahren, nicht nach Verdienst, nicht nach Bedürftigkeit.
Einfach so, weil man dort gelebt und gearbeitet hat. Pro Jahr Wohnsitz oder Sozialversicherung erwirbt man zwei Prozent des vollen Anspruchs, nach 50 Jahren gibt es die volle Rente. Zusätzlich haben rund 90 Prozent aller Arbeitnehmer eine Betriebsrente – fast flächendeckend, fast selbstverständlich.

Die Unternehmensberatung Mercer hat in ihrem Global Pension Index 52 Rentensysteme weltweit verglichen und die Niederlande mit 85,4 von 100 möglichen Punkten auf Platz 1 gesetzt.
Das Fazit der Studienautoren: Das System profitiere von strikter Regulierung, starker staatlicher Absicherung und einem klugen Übergang zu individuelleren Vorsorgebausteinen. Deutschland erreicht 67,8 Punkte – Platz 22, sogar noch zwei Ränge schlechter als im Vorjahr.
Deutschlands Rentensystem gerät unter Druck
Dabei ist das deutsche System nicht schlecht – es ist vor allem nicht zukunftsfest. In der Kategorie „Angemessenheit“, also der Frage, ob die Rente heute zum Leben reicht, landet Deutschland noch auf Rang zehn weltweit. Doch bei der Nachhaltigkeit, also der Frage, ob das System in 20 oder 30 Jahren noch funktioniert, fällt die Bewertung weit unter den Durchschnitt.
Der Grund ist bekannt: Das Umlagesystem funktioniert nur, solange genug Jüngere einzahlen. Doch die Babyboomer gehen in Rente, und die nachfolgenden Generationen sind kleiner. Der Druck wächst – und mit ihm die Diskussion über eine Rente mit 70, die die Mehrheit der Deutschen ablehnt, die aber immer mehr Ökonomen für unvermeidlich halten.

„Deutschland steht vor der großen Aufgabe, sein Rentensystem widerstandsfähiger gegenüber dem demografischen Wandel zu machen“, sagt Michael Sauler, Leiter Vermögen bei Mercer Deutschland.
„Eine höhere Mindestrente für Geringverdienende, mehr kapitalgedeckte Vorsorgebeiträge und eine breitere Einbindung der Beschäftigten in betriebliche Altersvorsorgeprogramme stellen Möglichkeiten dar, die Rentenversorgung in Deutschland zukunftssicher aufzustellen.“
Warum andere Länder besser abschneiden
So stark die Niederländer beim Systemranking sind – die höchste Rente gemessen am letzten Einkommen zahlt ausgerechnet die Türkei (unter bestimmten Modellannahmen): 96,4 Prozent Netto-Ersatzquote für Durchschnittsverdiener, knapp vor den Niederlanden.
Portugal kommt auf 92,7 Prozent, Griechenland auf 88,5, Österreich auf 86,8 Prozent. Deutschland liegt mit 53,3 Prozent im unteren Mittelfeld – hinter Ländern, die wirtschaftlich deutlich schwächer gelten.

Hinter den Niederlanden folgen im Mercer-Ranking Island (84,0 Punkte) und Dänemark (82,3 Punkte). Die Dänen haben dabei im Mai 2025 ein Gesetz verabschiedet, das das Rentenalter bis 2040 schrittweise auf 70 Jahre anhebt – für Jahrgänge nach 1970 könnten es langfristig sogar 74 Jahre werden, weil das Eintrittsalter an die steigende Lebenserwartung gekoppelt ist. Singapur und Israel komplettieren die Top fünf.
Die Überraschung des Rankings heißt Chile
Platz 8 im weltweiten Vergleich geht an Chile – und das ist keine Selbstverständlichkeit. Das südamerikanische Land hat 2024 eine tiefgreifende Rentenreform umgesetzt: mehr staatliche Umverteilung, stärkere Absicherung für Niedrigverdiener, weniger Abhängigkeit von privaten Kapitalfonds. Das Ergebnis: Die Netto-Ersatzquote stieg von 41,5 auf 61,3 Prozent und überholt damit Deutschland.
Finnland (65,7 Prozent Ersatzquote, Platz 9) und Norwegen (54,9 Prozent, Platz 10) schließen die Weltspitze ab. Beide Länder stehen für das, was Mercer als „robuste Mehrsäulenmodelle“ bezeichnet: staatliche Grundrente, verpflichtende Betriebsrente, freiwillige private Vorsorge – drei Säulen, die einander absichern.
Was bedeutet das für deutsche Rentner?
Die unbequeme Wahrheit lautet: Wer heute in Deutschland arbeitet und auf die gesetzliche Rente vertraut, wird im Alter spürbar weniger haben als viele Altersgenossen in anderen Industrieländern. Das System funktioniert noch – aber der Spielraum wird enger, und die Politik hat bisher keine überzeugende Antwort auf den demografischen Wandel geliefert.




