Erschreckende Zahlen

Mit dieser Rente gehört man zur Unterschicht

Mehr als 50 Prozent der Rentner in Deutschland leben unter der Armutsgrenze, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet haben.

Author - Sharone Treskow
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Das Geld ist knapp. Viele Rentner gehören statistisch gesehen zur Unterschicht (Symbolbild).
Das Geld ist knapp. Viele Rentner gehören statistisch gesehen zur Unterschicht (Symbolbild).HalfPoint Images/Imago

Mehr als 50 Prozent der Rentner in Deutschland leben unter der Armutsgrenze, oft unwissentlich und ohne Unterstützung. Ein stilles Drama entfaltet sich im Rentneralltag. Gehören Sie auch dazu?

Mehr als die Hälfte der Rentner gehört zur Unterschicht

Die Frage, ab welcher Rentenhöhe Menschen in Deutschland offiziell zur Unterschicht zählen, lässt sich inzwischen erstaunlich genau beantworten. Maßgeblich ist die Armutsgrenze, und die steigt Jahr für Jahr: Für 2026 liegt sie bei rund 1380 Euro netto im Monat. Wer weniger zur Verfügung hat, gilt statistisch als armutsgefährdet – also als Teil der gesellschaftlichen Unterschicht.

Wer weniger als 1380 Euro netto im Monat bekommt, gehört zur Unterschicht (Symbolbild).
Wer weniger als 1380 Euro netto im Monat bekommt, gehört zur Unterschicht (Symbolbild).Dmitrii Marchenko/Imago

Dieser Kreis ist deutlich größer, als viele glauben: Mehr als die Hälfte aller Rentnerinnen und Rentner fällt unter diese Schwelle. Frauen sind noch stärker betroffen: Ihre durchschnittliche Versichertenrente liegt bei nur 801 Euro, bei Männern sind es 1179 Euro.

Millionen Senioren rutschen durch – und wissen es oft nicht

Hinter diesen Zahlen steckt ein stilles Drama: Mehr als zehn Millionen Ruheständler erhalten weniger als 1100 Euro Rente – und liegen damit weit unter der Armutsgrenze von 1380 Euro. Viele von ihnen gehören längst zur Unterschicht, ohne es so zu nennen.

Besonders bitter: Rund 60 Prozent der Menschen, die Anspruch auf Grundsicherung hätten, stellen gar keinen Antrag – aus Scham oder Unwissenheit. Das geht aus einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervor, die zeigt, dass jährlich „etwa 625.000 Haushalte“ auf Leistungen verzichten, die ihnen rechtlich zustehen.

Viele Frauen sind von Altersarmut betroffen, weil sie wegen der Kinderbetreuung weniger gearbeitet haben (Symbolbild).
Viele Frauen sind von Altersarmut betroffen, weil sie wegen der Kinderbetreuung weniger gearbeitet haben (Symbolbild).Iuliia Zavalishina/Imago

Währenddessen steigen die Lebenskosten: Viele ältere Menschen zahlen Mieten, die einen Großteil ihrer Minirente schlucken. Wer im Monat nur 900 Euro bekommt, gehört nicht nur zur Unterschicht, er oder sie lebt faktisch in dauerhafter finanzieller Not.

Unter der Armutsgrenze beginnt die stille Ausgrenzung

Die Armutsgrenze bemisst sich an 60 Prozent des Medianeinkommens. Für Rentner ergibt das 2026 eben jene 1380 Euro netto, die als soziale Mindestlinie gelten. Unterhalb davon beginnt die strukturelle Ausgrenzung: Einschränkungen bei Mobilität, Gesundheitsversorgung, Ernährung, sozialer Teilhabe.

Während das Existenzminimum durch die Grundsicherung bei etwa 1000 Euro liegt, klafft zwischen diesem Niveau und der Armutsgrenze eine Lücke von mehreren hundert Euro – genau dort leben Millionen Menschen im Dauersparmodus.

Allein lebende Rentner sind besonders von Armut betroffen (Symbolbild).
Allein lebende Rentner sind besonders von Armut betroffen (Symbolbild).Unai Huizi/Imago

Besonders prekär: Laut Statistischem Bundesamt sind 19,1 Prozent aller Menschen im Ruhestand armutsgefährdet. Also deutlich mehr als im Durchschnitt der Bevölkerung. Alleinlebende und Alleinerziehende sind dabei besonders betroffen.

Leser berichten: „Ich bin verheiratet, sonst wäre ich ein Sozialfall“

Unter die Armutsgrenze fällt auch die KURIER-Leserin Steffi S. aus Bad Camberg: „Dabei läuft mir eine Gänsehaut den Rücken entlang. Ich bin 80 Jahre alt und  habe ein Leben lang in Vollzeit gearbeitet – 22 Jahre in der DDR,  die anderen 22 Jahre in der BRD. Mir ging es immer gut, ich war zufrieden mit meinem Verdienst, bis der Euro Einzug nahm“, erzählt sie uns in einem Leserbrief.

Wer sein Leben lang gearbeitet hat, hat trotzdem keine Garantie auf eine ausreichende Rente (Symbolfoto).
Wer sein Leben lang gearbeitet hat, hat trotzdem keine Garantie auf eine ausreichende Rente (Symbolfoto).Yuri Arcurs/Imago

Ihr Stand heute, nach der Rentenanpassung im Juli 2025: Sie bekommt 1406,17 Euro brutto im Monat. Nach Abzügen für Krankenkasse, Pflegeversicherung und Co. bleiben ihr 1216,34 Euro netto im Monat. „Und nun erklären Sie mir, wie man da noch leben soll“, ärgert sich Steffi S. „Ich glaube,  man hat in unserer Regierung den Bezug zum wirklichen Leben total verloren.“

Auch Elke B. ist unzufrieden mit ihrer kleinen Rente. Sie schreibt uns in einem Leserbrief: „Ich habe 820,00 Euro Rente im Monat!“ Wie kam es dazu? „Ich habe 39 Jahre mit Steuerkarte gearbeitet und sechs Jahre auf Minijob [...]. Ich habe mit 16 Jahren angefangen zu arbeiten und nebenher zwei Kinder großgezogen und bei guten Arbeitgebern gearbeitet!“ Trotzdem landet Elke B. mit ihrer Rente deutlich unter der Armutsgrenze. „Ich bin verheiratet, sonst wäre ich ein Sozialfall“, betont sie abschließend.

Wenn nicht einmal 80 Euro zum Leben bleiben

Unser Leser Andreas D. lebt ebenfalls mit einer sehr knappen finanziellen Basis: Seit April 2025 erhält er eine gesetzliche Rente von 964,91  Euro, ergänzt durch eine Betriebsrente von 181,14  Euro und eine kleine Riester-Rente von 32,32  Euro. Zusätzlich bekommt er derzeit 129 Euro Wohngeld – ist aber unsicher, ob dieser Betrag nach dem neuen Antrag weiter bewilligt wird.

Leben Sie unter der Armutsgrenze? Prüfen Sie, ob Ihnen staatliche Hilfen zustehen (Symbolbild).
Leben Sie unter der Armutsgrenze? Prüfen Sie, ob Ihnen staatliche Hilfen zustehen (Symbolbild).Iuliia Zavalishina/Imago

Für die gemeinsame Wohnung mit seiner Tochter zahlt er 680 Euro Warmmiete, davon 100 Euro Heizkostenvorschuss. Trotz aller Einnahmen bleiben ihm nach Abzug aller laufenden Kosten im April nur 78,77  Euro zum Leben – seine Tochter muss mit ihrem Arbeitslosengeld das Essen finanzieren.

Ihre Rente liegt unter der Armutsgrenze? Holen Sie sich Hilfe!

Für Rentnerinnen und Rentner, deren Einkommen nicht zum Leben reicht, ist die Grundsicherung im Alter die wichtigste staatliche Unterstützung. Sie greift, wenn die eigene Rente und weiteres Einkommen unter dem Existenzminimum liegen. Übernommen werden dabei nicht nur der Lebensunterhalt, sondern auch angemessene Kosten für Miete und Heizung sowie in vielen Fällen die Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge.

Zusätzlich können Ansprüche auf Wohngeld, Heizkostenhilfen oder Mehrbedarfszuschläge bestehen – etwa bei Krankheit, Behinderung oder besonderen Lebenslagen. Wer keine oder nur sehr geringe Rücklagen hat, kann zudem von Zuzahlungen bei medizinischen Leistungen befreit werden. Auch einmalige Hilfen, etwa für eine dringend benötigte Waschmaschine oder neue Möbel nach einem Umzug, sind möglich.

Viele Senioren, die unter Armut leiden, holen sich keine Hilfe. Doch es gibt offizielle Beratungsstellen.
Viele Senioren, die unter Armut leiden, holen sich keine Hilfe. Doch es gibt offizielle Beratungsstellen.Shotshop/Imago

Ergänzend gibt es kommunale und soziale Angebote, die finanzielle Entlastung bringen: vergünstigte Nahverkehrstickets, Zuschüsse zu Brillen, Stromsparprogramme oder kostenlose Sozialberatungen. Viele Betroffene nehmen diese Hilfen aus Scham nicht in Anspruch – dabei sind sie rechtlich vorgesehen, um Altersarmut abzufedern und ein würdiges Leben trotz niedriger Rente zu ermöglichen.

Welche Maßnahmen könnte die Regierung noch ergreifen, um die Altersarmut zu bekämpfen?

Um Altersarmut wirksam zu bekämpfen, könnte die Regierung zunächst direkt an der Rentenhöhe ansetzen. Dazu gehören eine verlässliche Stabilisierung des Rentenniveaus, eine bessere Anrechnung von Erziehungs‑ und Pflegezeiten sowie höhere Rentenansprüche für Menschen mit niedrigen Löhnen oder unterbrochenen Erwerbsbiografien. Auch die gesetzliche Grundrente kann gezielt ausgeweitet werden, um langjährig Versicherte vor dem Abrutschen in die Grundsicherung zu schützen.

Ein zweiter Ansatz läge in der Stärkung zusätzlicher Vorsorge, insbesondere für Geringverdiener und Beschäftigte in unsicheren Arbeitsverhältnissen. Staatliche Zuschüsse, verpflichtende oder automatisierte betriebliche Altersvorsorge sowie ein einfacherer Zugang zu geförderten Modellen könnten helfen, Lücken im Alter zu schließen. Entscheidend sind dabei Transparenz und Verständlichkeit, damit Vorsorge nicht nur theoretisch, sondern tatsächlich genutzt wird.

Viele Senioren, die in Armut leben, fühlen sich von der Bundesregierung allein gelassen. (Symbolbild)
Viele Senioren, die in Armut leben, fühlen sich von der Bundesregierung allein gelassen. (Symbolbild)Iuliia Zavalishina/Imago

Darüber hinaus spielt die Bekämpfung von Armut noch vor dem Renteneintritt eine zentrale Rolle. Gute Löhne, stabile Beschäftigung, bezahlbarer Wohnraum und ein funktionierender Schutz vor Langzeitarbeitslosigkeit wirken direkt gegen spätere Altersarmut. Wer im Erwerbsleben dauerhaft zu wenig verdient oder häufig in prekäre Situationen gerät, trägt dieses Risiko fast zwangsläufig bis ins Rentenalter mit sich.

So negativ kann sich eine kleine Rente auf die Lebensqualität auswirken

Altersarmut beeinträchtigt die Lebensqualität von Rentnern langfristig erheblich. Wer dauerhaft mit einer sehr kleinen Rente auskommen muss, spart oft an grundlegenden Dingen wie gesunder Ernährung, Heizung, Kleidung oder Mobilität. Ausflüge, kulturelle Angebote oder soziale Aktivitäten werden reduziert oder ganz vermieden, was das Risiko von Einsamkeit und sozialem Rückzug deutlich erhöht.

Auch der Wohnraum ist häufig betroffen: Viele Betroffene leben in zu kleinen, schlecht ausgestatteten Wohnungen oder haben Angst vor steigenden Mieten.

Senioren, die nach Pfandflaschen suchen, um ihre mickrige Rente aufzustocken, sind leider kein seltener Anblick in Städten wie Berlin.
Senioren, die nach Pfandflaschen suchen, um ihre mickrige Rente aufzustocken, sind leider kein seltener Anblick in Städten wie Berlin.Schöning/Imago

Hinzu kommen gesundheitliche Folgen, die sich mit den Jahren verstärken. Finanzielle Sorgen erzeugen dauerhaften Stress, der das Risiko für Depressionen, Angststörungen und Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen erhöht. Zudem verzichten arme Rentner aus Kostengründen häufiger auf Medikamente, Hilfsmittel oder präventive Arztbesuche.

Insgesamt führt Altersarmut oft zu einem Leben mit eingeschränkten Möglichkeiten, wachsender Unsicherheit und einer spürbaren Verschlechterung des körperlichen und seelischen Wohlbefindens.

Wie steht es um Ihre Rente – liegen Sie auch unter der Armutsgrenze? Schicken Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.