Mehr als 50 Prozent der Rentner in Deutschland leben unter der Armutsgrenze, oft unwissentlich und ohne Unterstützung. Ein stilles Drama entfaltet sich im Rentneralltag. Gehören Sie auch dazu?
Mehr als die Hälfte der Rentner gehört zur Unterschicht
Die Frage, ab welcher Rentenhöhe Menschen in Deutschland offiziell zur Unterschicht zählen, lässt sich inzwischen erstaunlich genau beantworten. Maßgeblich ist die Armutsgrenze, und die steigt Jahr für Jahr: Für 2026 liegt sie bei rund 1380 Euro netto im Monat. Wer weniger zur Verfügung hat, gilt statistisch als armutsgefährdet – also als Teil der gesellschaftlichen Unterschicht.

Dieser Kreis ist deutlich größer, als viele glauben: Mehr als die Hälfte aller Rentnerinnen und Rentner fällt unter diese Schwelle. Frauen sind noch stärker betroffen: Ihre durchschnittliche Versichertenrente liegt bei nur 801 Euro, bei Männern sind es 1179 Euro.
Millionen Senioren rutschen durch – und wissen es oft nicht
Hinter diesen Zahlen steckt ein stilles Drama: Mehr als zehn Millionen Ruheständler erhalten weniger als 1100 Euro Rente – und liegen damit weit unter der Armutsgrenze von 1380 Euro. Viele von ihnen gehören längst zur Unterschicht, ohne es so zu nennen.
Besonders bitter: Rund 60 Prozent der Menschen, die Anspruch auf Grundsicherung hätten, stellen gar keinen Antrag – aus Scham oder Unwissenheit. Das geht aus einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervor, die zeigt, dass jährlich „etwa 625.000 Haushalte“ auf Leistungen verzichten, die ihnen rechtlich zustehen.

Währenddessen steigen die Lebenskosten: Viele ältere Menschen zahlen Mieten, die einen Großteil ihrer Minirente schlucken. Wer im Monat nur 900 Euro bekommt, gehört nicht nur zur Unterschicht, er oder sie lebt faktisch in dauerhafter finanzieller Not.
Unter der Armutsgrenze beginnt die stille Ausgrenzung
Die Armutsgrenze bemisst sich an 60 Prozent des Medianeinkommens. Für Rentner ergibt das 2026 eben jene 1380 Euro netto, die als soziale Mindestlinie gelten. Unterhalb davon beginnt die strukturelle Ausgrenzung: Einschränkungen bei Mobilität, Gesundheitsversorgung, Ernährung, sozialer Teilhabe.
Während das Existenzminimum durch die Grundsicherung bei etwa 1000 Euro liegt, klafft zwischen diesem Niveau und der Armutsgrenze eine Lücke von mehreren hundert Euro – genau dort leben Millionen Menschen im Dauersparmodus.

Besonders prekär: Laut Statistischem Bundesamt sind 19,1 Prozent aller Menschen im Ruhestand armutsgefährdet. Also deutlich mehr als im Durchschnitt der Bevölkerung. Alleinlebende und Alleinerziehende sind dabei besonders betroffen.
Leser berichten: „Ich bin verheiratet, sonst wäre ich ein Sozialfall“
Unter die Armutsgrenze fällt auch die KURIER-Leserin Steffi S. aus Bad Camberg: „Dabei läuft mir eine Gänsehaut den Rücken entlang. Ich bin 80 Jahre alt und habe ein Leben lang in Vollzeit gearbeitet – 22 Jahre in der DDR, die anderen 22 Jahre in der BRD. Mir ging es immer gut, ich war zufrieden mit meinem Verdienst, bis der Euro Einzug nahm“, erzählt sie uns in einem Leserbrief.

Ihr Stand heute, nach der Rentenanpassung im Juli 2025: Sie bekommt 1406,17 Euro brutto im Monat. Nach Abzügen für Krankenkasse, Pflegeversicherung und Co. bleiben ihr 1216,34 Euro netto im Monat. „Und nun erklären Sie mir, wie man da noch leben soll“, ärgert sich Steffi S. „Ich glaube, man hat in unserer Regierung den Bezug zum wirklichen Leben total verloren.“
Auch Elke B. ist unzufrieden mit ihrer kleinen Rente. Sie schreibt uns in einem Leserbrief: „Ich habe 820,00 Euro Rente im Monat!“ Wie kam es dazu? „Ich habe 39 Jahre mit Steuerkarte gearbeitet und sechs Jahre auf Minijob [...]. Ich habe mit 16 Jahren angefangen zu arbeiten und nebenher zwei Kinder großgezogen und bei guten Arbeitgebern gearbeitet!“ Trotzdem landet Elke B. mit ihrer Rente deutlich unter der Armutsgrenze. „Ich bin verheiratet, sonst wäre ich ein Sozialfall“, betont sie abschließend.
Wenn nicht einmal 80 Euro zum Leben bleiben
Unser Leser Andreas D. lebt ebenfalls mit einer sehr knappen finanziellen Basis: Seit April 2025 erhält er eine gesetzliche Rente von 964,91 Euro, ergänzt durch eine Betriebsrente von 181,14 Euro und eine kleine Riester-Rente von 32,32 Euro. Zusätzlich bekommt er derzeit 129 Euro Wohngeld – ist aber unsicher, ob dieser Betrag nach dem neuen Antrag weiter bewilligt wird.




