Immer mehr Jugendliche wirken nach außen stabil und geraten innerlich in psychische Krisen. Eigentlich scheint alles normal zu laufen. Doch hinter einem vermeintlich guten Alltag stecken oft Schlaflosigkeit und Rückzug. In manchen Fällen aber auch Sucht und Depressionen. Viele Eltern merken davon lange nichts.
Die stille Krise der Jugendlichen
Wissenschaftsjournalistin und Autorin Ulrike Bartholomäus hat 25 Jugendliche und junge Erwachsene über anderthalb Jahre begleitet, die solche Krisen durchlebt und überwunden haben. Das sollten Eltern jetzt über das Verhalten ihrer Kinder wissen.
Dabei ist sie vor allem erstaunt gewesen, „dass die Betroffenen so wenig mit ihren Eltern darüber sprechen, wie schlecht es ihnen wirklich geht“, wie sie im Interview mit Bild erzählt. Viele setzten nach außen eine „Maske“ auf, um ihre Verzweiflung zu verbergen und die Eltern zu schonen.
Häufig wussten Eltern deshalb nicht, dass ihre Kinder heimlich Social Media konsumieren, sich zurückziehen oder sich selbst verletzen. Gleichzeitig hat es sie überrascht, wie offen die Jugendlichen im Gespräch mit ihr gewesen sind und wie offen sie heute mit mentaler Gesundheit umgehen. Bartholomäus beschreibt: „Junge Menschen gehen heute viel selbstverständlicher mit dem Thema mentale Gesundheit um, sie sind extrem gut informiert.“

Ein zentraler Punkt ist aus ihrer Sicht die veränderte Kindheit. Sie betont, dass freies Spielen zunehmend durch durchgeplante Freizeit ersetzt wurde, wodurch wichtige Entwicklungsräume verloren gehen. Besonders deutlich sieht sie den Einfluss von Social Media. Sie sagt: „TikTok macht Hackfleisch aus dem Gehirn.“ Zu viele Stunden auf Plattformen wie TikTok oder YouTube können Angst und depressive Symptome verstärken, weil reale Erfahrungen, soziale Kontakte und vor allem Schlaf fehlen.
Auch veränderte Familienstrukturen spielen eine Rolle. Früher haben sich oft Großeltern und weitere Angehörige mit um Kinder gekümmert, heute sind viele Familien – besonders in Städten – stärker auf sich allein gestellt.
Wann Zocken gefährlich für Jugendliche wird
Bei psychischen Erkrankungen sieht Bartholomäus besonders häufig die Kombination aus Angststörungen und Depressionen, vor allem bei Mädchen. Sie schildert Fälle, in denen Jugendliche das Haus kaum noch verlassen und stark am Handy hängen. Social Media verstärkt dabei oft Selbstzweifel, weil dort idealisierte Körperbilder und Lebenswelten gezeigt werden.

Gerade bei Jungen ist das Thema Gaming relevant. „Nicht jeder zockende Junge, der Multiplayer-Spiele spielt, ist süchtig“, so die Expertin. Ein Suchtberater der Caritas aus Neukölln hat ihr erklärt: „Viele Eltern glauben, dass ihr Junge süchtig sei, weil er stundenlang abends zockt. Wenn die Eltern berichten, dass er mit Freunden aus der Schule zockt, winkt er schon ab.“
Sofern sich das Kind mit realen Menschen dabei unterhält und virtuell trifft, können sich die Eltern entspannen. „Wenn allerdings der Sohn nur mit Unbekannten in weit entfernten Städten spielt, sie also im realen Leben gar nicht kennt und trifft, lebt er allein in der Virtualität. Hier kann exzessives Zocken eine Abhängigkeit erzeugen“, so Ulrike Bartholomäus.
Magersucht und Bulimie sind heilbar
Zu Essstörungen wie Magersucht und Bulimie sagt die Autorin, diese sind zwar schwer zu behandeln, aber heilbar. Betroffene verbergen ihre Probleme oft lange. Eine Patientin erzählte, sie hat ihr Essverhalten vor der Familie verschleiert, indem sie sagte: „Habe schon gegessen, keinen Hunger“. Erst durch Unterstützung von außen kommt es häufig zur Behandlung.




