Gerade in der Sommerzeit kommen sie: nächtliche Wadenkrämpfe, die uns aus dem Schlaf reißen. Der erste Griff geht bei vielen direkt zur Magnesiumtablette. Doch ausgerechnet dieses vermeintliche Wundermittel hilft oft deutlich weniger als gedacht.
Wirkt Magnesium bei Muskelkrämpfen wirklich?
Sportler schwören auf Magnesium vor dem Training, Freizeitsportler nehmen es nach dem Joggen, und in Drogerien stehen ganze Bataillone von Magnesium-Pillen. Doch wissenschaftlich hält der Mineralstoff gar nicht, was die Werbung verspricht.
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen nämlich, dass die Belege für die Wirksamkeit von Magnesium gegen Muskelkrämpfe nur sehr dünn sind. Lediglich bei schwangeren Frauen gibt es Hinweise auf einen möglichen Nutzen.

Den Grund sieht Professor Michael Behringer vom Institut für Sportwissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt darin, dass unser Körper über große Magnesiumreserven verfügt. „Selbst wenn wir uns nicht ganz optimal ernähren, würde der Körper das immer anpassen. Das heißt, die Art und Weise, wie er etwas aus dem Darm aufnimmt, verbessert sich.“
Andere Stoffe sind wichtiger als Magnesium
Bekommt der Körper weniger Magnesium, reagiert er also selbst und steigert die Aufnahme aus der Nahrung. Deshalb ist aus Sicht des Experten unnötig, Magnesium zusätzlich als Brausepulver oder Tablette einzunehmen.
Zwar spielen Elektrolyte grundsätzlich eine wichtige Rolle für die Muskelfunktion. Magnesium scheint jedoch nicht der entscheidende Faktor bei Muskelkrämpfen zu sein. Das zeigen auch Untersuchungen mit Ultra-Marathonläufern. Forscher fanden bei ihnen keine klinisch relevanten Unterschiede im Elektrolythaushalt zwischen Läufern, die häufig zu Krämpfen neigen, und jenen, die davon verschont bleiben.

Die wahren Gründe für Muskelkrämpfe
Auch das Bundeszentrum für Ernährung verweist darauf, dass Magnesiumpräparate häufig nicht besser gegen Krämpfe wirken als ein Placebo. Der Grund: Wadenkrämpfe sind meist kein Magnesiumproblem, sondern ein Problem der Nervensteuerung.
Experten gehen davon aus, dass die Krämpfe durch eine Übererregung der Nerven im Rückenmark entstehen oder die Folge einer ermüdeten Muskulatur sind. Auslöser können Überlastung, ungewohnte Bewegungen, ein schlechter Trainingszustand oder hohe Temperaturen sein. Das sind genau die Bedingungen, die im Sommer häufig zusammentreffen.
Sportmedizinerin Dr. Ursula Manunzio weist darauf hin, dass oft nicht Magnesium, sondern ein Mangel an Kalium oder Natrium eine Rolle spielt. Trotzdem gilt: Nahrungsergänzungsmittel braucht es in der Regel nicht, auch nicht für Profisportler. Viel wichtiger sind eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Flüssigkeit, angepasst an die Belastung.
Kommt der Krampf trotzdem, hilft Dehnen. Und ein erstaunliches Hausmittel: Essiggurken-Wasser! Ein US-Forscher stieß zufällig darauf. Beim Gurgeln des würzig-sauren Suds werden Rezeptoren im Mund-Rachen-Raum aktiviert, die die überaktiven Nerven bremsen und den Krampf lindern. Ein Milliliter Gurkenessig pro Kilogramm Körpergewicht reicht. Bei manchen Sportlern stoppt der Krampf tatsächlich innerhalb von ein bis zwei Minuten.


