Es ist, als hätte die Erde für einen Moment ihr ältestes Geheimnis preisgegeben: Tief im Indischen Ozean, vor der Insel Mayotte, spuckte ein Vulkan Lava aus und in dieser Lava haben Forscher die Spur von Material gefunden, das aus der Geburtszeit unseres Planeten stammt. Es überdauerte mehr als vier Milliarden Jahre, tief verborgen im Inneren der Erde. Ein Fund, der die Lehrbücher ins Wanken bringt.
Was die Forscher in der Lava fanden
Entdeckt wurde die Spur von einem Forschungsteam um Claudine Israel und Catherine Chauvel, das seine Ergebnisse im renommierten Fachjournal Nature veröffentlichte. Die Wissenschaftler untersuchten Gesteinsproben des Unterwasser-Vulkans Fani Maoré mit einer präzisen Methode und stießen auf ein winziges, aber eindeutiges chemisches Signal: Eine besondere Zusammensetzung des Elements Neodym, die nur entstehen kann, wenn ein Material aus den ersten rund 100 Millionen Jahren der Erdgeschichte stammt.
Wichtig zu verstehen: Niemand hat hier einen uralten Brocken aus dem Boden geholt. Die Lava selbst ist jung. Sie trägt aber den chemischen Fingerabdruck uralten Materials, das tief im Erdmantel liegt und mit der Lava an die Oberfläche transportiert wurde. Quasi wie eine Botschaft aus der Vergangenheit.
Um zu verstehen, wie alt dieser Zeuge ist, muss man zurück in die Kinderstube der Erde reisen. Kurz nach ihrer Entstehung, nach dem gewaltigen Einschlag, aus dem der Mond hervorging, war unser Planet ein glühender Ball – der Erdmantel bis in gewaltige Tiefe geschmolzen, ein regelrechter Magma-Ozean. Als dieser langsam erstarrte, bildeten sich als Erstes bestimmte Kristalle, ein Mineral namens Bridgmanit.
Genau solches Material aus der Ur-Erde, so die Forscher, hat in tiefen Nischen des Mantels überlebt – unangetastet, obwohl sich das Erdinnere seit Milliarden Jahren ständig durchmischt und umwälzt. Dass davon etwas erhalten blieb, galt lange als kaum vorstellbar.

Dass ausgerechnet Fani Maoré diese Botschaft ans Licht brachte, passt ins Bild. Der Vulkan wuchs zwischen 2018 und 2021 rund 55 Kilometer östlich von Mayotte auf dem Meeresboden heran, bei einem der größten Untersee-Ausbrüche, die je aufgezeichnet wurden. Die Erdbeben dazu stammten aus 30 bis 50 Kilometern Tiefe, also aus dem Mantel selbst. Die Kräfte waren so gewaltig, dass sich die Insel Mayotte um 24 Zentimeter nach Osten verschob und um 19 Zentimeter absackte.
Uralte Inseln tief in der Erde
Bisher gingen viele Forscher davon aus, dass der Erdmantel durch die ständige Umwälzung über Milliarden Jahre gut durchmischt und weitgehend einheitlich ist. Der Fund von Fani Maoré zeigt: Das stimmt so nicht. Offenbar haben sich uralte „Inseln" im Mantel gehalten, die nie vollständig eingerührt wurden. Und womöglich stecken solche Ur-Reste in weit mehr Vulkanen, als man bislang dachte. Für die Wissenschaft ist das ein seltenes Fenster in die allererste Zeit unseres Planeten – ans Licht gebracht ausgerechnet von einem Vulkan, der eben erst geboren wurde.


