Königin des Geschmacks

Ameisen in der Stadt sind weniger pingelig als auf dem Land

Während manche Ameisen sich mit geringerer Qualität abgeben, sind andere quasi kleine Gourmets. Forscher haben eine Vermutung, woran das liegt.

Author - Jana Hollstein
Teilen
Schwarze Wegameisen ernähren sich von Honigtau – der Ausscheidung von Blattläusen.
Schwarze Wegameisen ernähren sich von Honigtau – der Ausscheidung von Blattläusen.Tomer Czaczke/dpa

Stadtleben verändert anscheinend nicht nur Menschen. Auch Ameisen setzt die große Stadt gehörig zu. Und zwar dramatisch. Eine neue Studie aus der Fachzeitschrift „Urban Ecosystems“ kam zu einer erstaunlichen Erkenntnis: Ameisen in Großstädten sind beim Essen deutlich weniger wählerisch als ihre Verwandtschaft auf dem Land.

Forscher untersuchen das Verhalten von Ameisen in Stadt und auf Land

Das internationale Team, zu dem auch Verhaltensbiologe Tomer Czaczkes von der Freien Universität Berlin gehört, untersuchte die Schwarze Wegameise (Lasius niger) – Europas häufigste Ameisenart. An fünf Orten untersuchten die Forscher Ameisenstraßen, jeweils in einem städtischen und einem ländlichen Gebiet. Die Tiere liefen zwischen Boden und Baumstämmen hin und her, immer auf der Suche nach ihrem Lieblingsessen: Honigtau, dem süßen Ausscheidungsprodukt von Blattläusen.

Doch auf dem Weg zum Baum wartete im Experiment eine süße Versuchung: Die Forscher stellten den Ameisen Zuckerlösungen mit unterschiedlicher Süße hin.

„Wenn die meinen, hey, das Zeug, was ich hier finde, ist besser als was ich auf dem Baum finden werde, dann würden sie es trinken. Und wenn sie meinen, es ist nicht so gut, dann lassen sie es einfach stehen“, erklärte Czaczkes.

In Städten haben Ameisen wahrscheinlich Probleme, an Nahrung zu kommen. Das glauben Forscher.
In Städten haben Ameisen wahrscheinlich Probleme, an Nahrung zu kommen. Das glauben Forscher.Depositphotos/imago

Den ländlichen Ameisen war das Zuckergemisch offenbar nicht fein genug – in der Regel lehnten sie es ab und setzten ihren Weg zum Baum fort. Die Stadtameisen nahmen es viel häufiger an.

Ameisen in der Stadt sind schlechteres Futter gewohnt

Aber warum sind Stadt-Ameisen weniger pingelig? Die Wissenschaftler haben einen Verdacht: In der Stadt könnte schlicht das bessere Futter fehlen. Denn städtische Natur steht unter Stress. Es ist wärmer und trockener, die Luft verschmutzter, Böden sind versiegelt, Bäume bekommen weniger Nährstoffe. Das alles hat Folgen für die gesamte Nahrungskette. Wenn Bäume schwächeln, wachsen auch Blattläuse schlechter. Weniger Blattläuse bedeuten weniger Honigtau, also weniger süße Nahrung für Ameisen. Die Tiere werden hungriger und nehmen, was sie kriegen können.

Eine andere Erklärung wäre, dass die Blätter gestresster Bäume weniger Zucker produzieren und dadurch die Ausscheidung der Blattläuse weniger süß ist. Das alles sind allerdings nur Hypothesen. Eine endgültige Erklärung haben die Forscher nicht.

Übrigens: Das Experiment ist sehr einfach, und könnte darum sogar im Unterricht nachgemacht werden. Schulklassen könnten damit direkt erleben, wie Umweltbedingungen Tiere beeinflussen.

Was ist Ihre Meinung zu dem Thema? Schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com