Ostdeutschland

Top-Ökonom kritisiert: So falsch ist das Bild vom abgehängten Osten!

Während oft über Strukturprobleme gesprochen wird, sieht ein Top-Ökonom im Osten auch viele wirtschaftliche Erfolgsregionen.

Author - Tobias Esters
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Leipzig gehört laut Wirtschaftsforschern zu den Städten in Deutschland, die besonders stark wachsen.
Leipzig gehört laut Wirtschaftsforschern zu den Städten in Deutschland, die besonders stark wachsen.STAR-MEDIA/Imago

Wenn über Ostdeutschland gesprochen wird, fallen oft die gleichen Stichworte: Abwanderung, Fachkräftemangel, strukturschwache Regionen. Für viele Menschen im Osten gehört diese Debatte längst zum Alltag. Doch ein führender deutscher Wirtschaftsforscher hält diese Sicht für zu einseitig – und sagt jetzt klar: Das Bild vom ständig benachteiligten Osten stimmt so nicht.

Viele Ost-Regionen wachsen schneller als gedacht

Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), kritisiert, dass über Ostdeutschland oft nur dann gesprochen wird, wenn es um Probleme geht. Dabei gebe es längst Regionen, die wirtschaftlich besonders dynamisch sind. „Wenn man sich die am schnellsten wachsenden Regionen in Deutschland anschaut, dann sind das Regionen in Ostdeutschland“, sagt Gropp. Beispiele seien das Berliner Umland oder Leipzig – sie wachsen zum Teil sogar schneller als klassische Wirtschaftszentren im Westen wie München.

Gleichzeitig räumt der Ökonom ein, dass die Entwicklung im Osten nicht überall gleich verläuft. Während manche Städte und Regionen boomen, kämpfen andere mit Bevölkerungsrückgang und wirtschaftlichen Problemen.

Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, fordert einen neuen Blick auf Ostdeutschland.
Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, fordert einen neuen Blick auf Ostdeutschland.Sebastian Christoph Gollnow

Gropp stört besonders die Art, wie über den Osten gesprochen wird. Seiner Ansicht nach taucht das Wort „ostdeutsch“ in der öffentlichen Debatte meist nur auf, wenn es um Nachteile geht. Wenn Städte wie Leipzig erfolgreich sind, würden sie plötzlich gar nicht mehr als „ostdeutsch“ wahrgenommen.

Neue Technologien treiben viele Regionen im Osten an

Besonders erfolgreich sind in Ostdeutschland Regionen, in denen moderne Industrie und Forschung zusammenkommen. In Sachsen etwa hat sich rund um Dresden mit „Silicon Saxony“ einer der größten Mikroelektronikstandorte Europas entwickelt.

Auch Leipzig wächst seit Jahren stark und zieht Unternehmen aus Industrie, Logistik und Technologie an. Gleichzeitig entstehen in der Lausitz neue Projekte rund um erneuerbare Energien und Wasserstoff. Und im Chemiepark Leuna in Sachsen-Anhalt investieren internationale Firmen in moderne Industrieanlagen und neue Energietechnologien.

Mitarbeiter des Chipherstellers Globalfoundries Fab1 im Silicon Saxony in Dresden.
Mitarbeiter des Chipherstellers Globalfoundries Fab1 im Silicon Saxony in Dresden.Arno Burgi

Politisch zieht Gropp daraus eine klare Schlussfolgerung. Er hält beispielsweise den Posten des Ostbeauftragten der Bundesregierung für überholt. Das Amt vermittle den Eindruck, der Osten sei grundsätzlich benachteiligt – und genau dieses Bild müsse endlich überwunden werden.

Das Bild im Osten selbst ist gemischt. Viele Menschen sehen Veränderungsdruck und erwarten spürbare Verbesserungen vor Ort, zugleich ist in strukturschwächeren Regionen häufiger das Gefühl verbreitet, wirtschaftlich und politisch „abgehängt“ zu sein. Der Deutschland-Monitor beschreibt das Gefühl, abgehängt zu sein, als wichtigen Faktor, der Einstellungen zu Wandel und Politik prägt.

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