Hertha BSC

Kälte und Polizei, darum kamen so wenige Fans ins Olympiastadion

Es war das Spitzenspiel der Zweiten Liga, doch zu Herthas Heimspiel gegen Darmstadt kamen nur 35.756 Zuschauer – Minusrekord in dieser Saison.

Author - Wolfgang Heise
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Hertha BSC gegen SV Darmstadt war das Spitzenspiel der Zweiten Liga, doch viele Zuschauerblöcke im Olympiastadion blieben leer.
Hertha BSC gegen SV Darmstadt war das Spitzenspiel der Zweiten Liga, doch viele Zuschauerblöcke im Olympiastadion blieben leer.Claudius Rauch/Eibner-Pressefoto/IMAGO

Nur 2:2 gegen Darmstadt, doch noch bitterer für Hertha BSC: die Saison-Minuskulisse von offiziell nur 35.756 Fans im Olympiastadion bei diesem Spitzenspiel der Zweiten Liga. Offiziell deswegen, weil auch Dauerkarteninhaber mitgezählt werden, die gar nicht da waren. Die Betonschüssel war noch leerer. Wer ist schuld daran? Väterchen Frost und die Polizei!

Warmes Wohnzimmer statt eiskalter Arena

Die Kälte bei tiefen Minusgeraden und das bekannte Phänomen, dass das Olympiastadion schon immer der kühlste Ort der ganzen Stadt ist, weil die halbe Arena unter Boden liegt, ließen viele Hertha-Fans lieber im warmen Wohnzimmer hocken. Dazu noch erhöhte Unfallgefahr beim Gang zum Spiel wegen der Eisflächen auf den Bürgersteigen.

Mama und Papa mit den Kindern draußen bei Klirr-Graden auf dem Sitzplatz frierend? Lieber nicht! Weinende Kids und Erkältungsgefahr. Der Besuch war wirklich nur etwas für die hartgesottenen Fans.

Polizeieinsatz vergrault Fans

Doch selbst von diesen Herthanern blieben viele fern. Und das hat einen anderen Grund: der massive Polizeieinsatz mit Pfefferspray am Eingang der Ostkurve gegen Fans vor 16 Tagen beim Heimspiel gegen Schalke mit 52 Verletzten. Über die Ursache der Auseinandersetzung kann man streiten, nicht aber darüber, dass sich ganz normale Fußballbesucher gerade unwohl im Olympiastadion fühlen. Die Klagen über provozierende Polizeibeamte gibt es schon seit Monaten.

Die Hertha-Fans präsentierten beim Heimspiel gegen Darmstadt ihr neues Hauptbanner: Ostkurve gegen Polizeigewalt.
Die Hertha-Fans präsentierten beim Heimspiel gegen Darmstadt ihr neues Hauptbanner: Ostkurve gegen Polizeigewalt.Michael Taeger/IMAGO

Mit dem Vorfall beim Heimspiel gegen Schalke ist etwas anderes dazugekommen. In etlichen Fanforen äußerten sich Herthaner, dass sie sich nicht mehr sicher fühlen. Das Erschreckende daran: Nicht wegen ein paar Krawallbrüdern aus der Ostkurven-Szene, sondern wegen der Polizei und ihrem Auftreten. Es geht um Ängste, egal ob berechtigt oder nicht. Die massive Polizeipräsenz schüchtert Menschen ein.

99,9 Prozent der Fans sind friedliche Leute. Die wollen keinen Stress, und schon gar nicht mit der Polizei, sondern ein Fußballspiel genießen. Das Vertrauen in die Polizeiarbeit ist bei vielen zerstört. Es muss durch Dialog und gemeinsame Aktionen wiederhergestellt werden.

Statt Tennisspielen mal beim Hertha-Kick: der Regierende Bürgermeister Kai Wegner mit Innensenatorin Iris Spranger
Statt Tennisspielen mal beim Hertha-Kick: der Regierende Bürgermeister Kai Wegner mit Innensenatorin Iris SprangerEngler/nordphoto GmbH/IMAGO

Fans und Polizei müssen miteinander reden – aber wie?

Vielleicht sollten sich alle – Politiker, Polizei und Herthaner – rückbesinnen. Vor knapp 13 Jahren gab es auf dem Maifeld ein schreckliches Unglück. Im Schneetreiben krachten im März 2013 zwei Polizeihubschrauber zusammen. Ein Pilot starb.

Zwei Monate später veranstalte Hertha BSC in Bernau ein Freundschaftsspiel gegen eine Auswahl der Bundespolizei, um die Familie des verstorbenen Polizisten zu unterstützen. Großartige Hilfsaktion, Herthaner und Polizei gemeinsam. Momentan ist das nicht vorstellbar. Denn das Verhältnis von Fans und Sicherheitskräften ist noch frostiger als dieser Winter.