Mannschaftsfoto von Dynamo Dresden aus dem Jahre 1979, v. l.: Kapitän Hans Jürgen Dörner, Torwart Bernd Jakubowski, Udo Schmuck, Hartmut Schade, Gerd Weber, Reinhard Häfner, Christian Helm, Peter Kotte, Matthias Müller, Dieter Riedel und Gerd Heidler. Foto:  Imago Images

Stars waren sie und sind jetzt Staatsfeinde. Nicht mehr Vorbild, sondern Verräter. Wo Vertrauen war, gibt es nun Verhöre. Statt in volle Stadien kommen sie in düstere Stasi-Keller. Lange ist das her, es stammt aus einer völlig anderen Zeit. Doch vergessen werden es Gerd Weber, Peter Kotte und Matthias Müller, der eine 64, die beiden anderen 66, nie. Zu tief, viel zu tief in ihre Herzen und in ihre Köpfe ist das eingegraben, eingemeißelt gar, was diesen drei Fußball-Größen von Dynamo Dresden am 24. Januar 1981, vor exakt 40 Jahren, passiert ist. Das Schlimme daran: Es gibt nur Verlierer. Das Schlimmste aber: Die größten Verlierer, nämlich Weber, Kotte und Müller, sind, jedenfalls hat niemand das Gegenteil beweisen können, ohne Schuld.

Es ist ein Albtraum, der nie endet. Ein Schock, der nie vergeht. Es ist wie eine schuldlose Vertreibung aus dem Leben. Eine Ächtung für – nichts! Es hat ganz viel mit Misstrauen zu tun und mit Menschenfeindlichkeit, mit Hass und Häme, mit Spitzeln und Spionage, mit ziemlich viel Parteigehorsam und mit noch mehr Paranoia. Es ist ein richtig böses Stück aus dem Kalten Krieg.

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Nach dem Gewinn des FDGB-Pokals 1978 gegen den 1. FC Lok Leipzig  jubelten Gerd Weber (l.) und Torwart Claus Boden (2. v. r.).

Nationalspieler sind sie, alle drei. Beim Meister-Hattrick der Schwarz-Gelben von 1975/76 bis 1977/78 sind sie als treibende Kräfte dabei. In Europapokalschlachten stehen sie ihren Mann, Müller als eleganter Abwehrspieler, Weber als torgefährlicher Mittelfeld-Antreiber, Kotte als bulliger Angreifer, der in die Zweikämpfe geht, als gebe es kein Morgen und bei denen er sich eine derart schwere Verletzung am Sprunggelenk holt, die ihn später zum Sportinvaliden macht.

Gerd Weber ist längst oben angekommen. Mit seinen gerade 24 Jahren hat er bereits 35 Länderspiele bestritten. Am 31. Juli 1976, als die DDR-Fußballer in Montreal Olympiasieger werden, ist der energische Mittelfeldmann mit 20 Jahren und zwei Monaten der jüngste Goldjunge im Team. So einem steht die Welt offen. Eigentlich. Nur ist seine Welt schwarz-gelb. Sie heißt Dresden und sie heißt erst recht Dynamo. Peter Kotte, wie Matthias Müller 26 Jahre, könnte in die Fußstapfen von Peter Ducke treten, von Joachim Streich und von Jürgen Sparwasser. Müller bevorzugt, ganz die Dynamo-Schule, als „spielender“ Verteidiger die moderne Form der Abwehrarbeit.

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Umkämpft war auch das Pokalfinale 1975. Die SGD schlug die BSG Sachsenring Zwickau erst im Elfmeterschießen. 

Georg Buschner, seit elf Jahren Nationaltrainer und schon da eine lebende Legende, baut auf das Trio bei der Qualifikation für die WM-Endrunde 1982 in Spanien. Zur Vorbereitung dafür geht es nach Argentinien, ins Land des aktuellen Weltmeisters und des gerade 20-jährigen Diego Maradona. Sechs Spiele gegen Klubmannschaften stehen bevor. Als die Maschine aber vom Zentralflughafen Schönefeld abhebt, fehlen Weber, Kotte und Müller. Die restlichen Spieler – von Dynamo sind nur noch Kapitän Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner und Reinhard Häfner an Bord – bekommen kaum etwas mit. Niemand weiß und keiner sagt etwas.

Längst sitzen Weber, Kotte und Müller im Kleinbus der Staatssicherheit und sind auf dem Weg zurück nach Dresden. Ihr Vergehen: Weber habe ein Angebot vom 1. FC Köln für die Bundesliga, 100.000 D-Mark Handgeld sowie 200.000 D-Mark Jahresgage, die beiden anderen wüssten davon und stehen als Mitwisser, die ihren Kumpel nicht verraten hätten, am Pranger. In den Spielen des Uefa-Cups im Herbst 1980 bei Twente/Enschede und bei Standard Lüttich soll Weber jeweils einen verräterischen Zettel bekommen haben.

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Peter Kotte bei einem Heimspiel von Dynamo Dresden in der Saison 2018/2019. 

Was die Stasi nicht weiß: Die Kölner haben Weber nie ein Angebot gemacht. Es soll sich um den Alleingang eines Wichtigtuers handeln. Das Böse aber, ob Scharlatan oder Hochstapler: Hierbei – die Flucht von Lutz Eigendorf vom BFC Dynamo liegt keine anderthalb Jahre zurück, auch Trainer Jörg Berger ist erst 1979 stiften gegangen und Norbert Nachtweih sowie Hans-Jürgen Pahl 1976 – versteht die Stasi keinen Spaß. Da wird ganz hart durchgegriffen.

Weber wird zu Haft verknackt, nach elf Monaten vorzeitig entlassen. Aus dem Deutschen Turn- und Sportbund, der Sport-Dachorganisation, wird er ausgeschlossen, sodass er danach nicht einmal beim kleinsten Dorfverein kicken darf. Sportstudium? Vorbei! Lehre als Kfz-Mechaniker? Ja, aber ohne Meisterprüfung! Anträge auf Ausreise? Nicht genehmigt! Erst im Herbst 1989, wenige Wochen vor dem Fall der Mauer, geht er mit Familie über Ungarns grüne Grenze ins Badische. In Friesenheim im Schwarzwald ist er nun zu Hause.

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Noch am Ball: Matthias Müller beim Spiel der DDR-Traditions-Nationalmannschaft gegen das Grimmaer Allstar-Team im Stadion der Freundschaft zum Stadtfest in Grimma am 24.9.2016.

Kotte und Müller kann nichts nachgewiesen werden. Aus den Reihen der Volkspolizei, bei der sie als Spieler von Dynamo sind, werden sie als Fahnenflüchtige betrachtet und nach siebentägigen Verhören in Unehren entlassen. Beide dürfen wenigstens in der drittklassigen Bezirksliga spielen, Müller in Meißen und Kotte in Neustadt. Als Kottes Fortschritt-Elf 1982 aber als Bezirksmeister den Aufstieg in die DDR-Liga schafft und der Ex-Nationalspieler etliche der 73 Saisontore erzielt, darf er dort nicht weitermachen.

Mit dem Fall der Mauer werden Weber, Kotte und Müller von Dynamo rehabilitiert. Doch die Verhaftung und die Verhöre bleiben, die Kälte und der Knast, der Ärger und die Ängste. Für immer.