Held im Elfmeterschießen: Italiens Torhüter Gianluigi Donnarumma konnte zwei Elfmeter halten. dpa

Aus der Traum vom Heim-Triumph! Elfmeter-Drama! Und der England-Fluch geht brutal weiter! Italien steigt auf den Thron! Zum zweiten Mal ist ein EM-Finale vom Punkt entschieden worden. Das erste Mal, Sie wissen, 1976, Uli Hoeneß und Antonin Panenka. Elf Endspiele später gibt es zwischen Italien und England nach 120 Minuten beim 1:1 (1:1, 0:1) keinen Sieger. Dann triumphieren die Azzurri mit 3:2 in einem verrückten Elfer-Krimi und holen zum zweiten Mal nach 1968 die Trophäe.

„It’s coming home!“ Nein! Dieser Sport, dessen moderne Variante die Engländer einst erfunden haben, ist nicht nach Hause gekommen. „It’s coming Rome!“ Auf dem Stiefel jubeln sie und in der ewigen Stadt, in Mailand und Turin. Die Azzurri haben es gepackt. Sie sind Europas Könige, weil Marcus Rashford und Jadon Sancho, erst in Minute 120 für den großen Showdown gekommen, versagen und auch Buyako Saka scheitert.

Für England beginnt es wie im Märchen

Dabei beginnt es wie im Märchen. Einen besseren Tag, einen besseren Moment kann es für Luke Shaw nicht geben. Lange hat der linke Verbinder gebraucht, um in dieses Team zu kommen. Dabei stand er bereits 2014 als damals noch nicht einmal 19-Jähriger im WM-Aufgebot. Schwere Verletzungen, darunter ein doppelter Beinbruch, pflastern eher seine Karriere als sensationelle Erfolge. So ist dieses Finale erst das 16. Länderspiel des Mannes von Manchester United.

Das alles zählt 117 Sekunden nach Anpfiff nichts mehr. Gerade hat Shaw mit dem 1:0 sein erstes Länderspieltor erzielt, das erste für England in einem großen Finale seit Geoffrey Hurst damals gegen Deutschland mit Uwe Seeler. Es ist zudem der schnellste Treffer, der je in einem EM-Endspiel gefallen ist. Es ist der Schuss ins pure Glück, denn es ist der Vorabend von Shaws 26. Geburtstag. Mehr Symbolik geht vor 65.000 Zuschauern nicht.

EM-Finale 2021: Kein Abtasten, kein Anlauf

Damit ist klar: Dieses Finale braucht kein Abtasten, es braucht keinerlei Anlauf. Aus dem Stand sind beide auf Betriebstemperatur, heiß wie sonst etwas und sofort mit allem, was sie haben, mit allen Muskeln und mit ganzem Herzen, dabei. Um jeden Ball wird gekämpft, niemand geht einem Zweikampf aus dem Weg, manchmal geht’s spielerisch, manchmal mit einer Prise Giftigkeit. Es geht um alles oder nichts, es geht um Europas Krone.

Und die Azzurri? Allein Federico Chiesa setzt ein Zeichen, verfehlt den Kasten von England-Keeper Jordan Pickford aber knapp (35.). Es bleibt lange der einzige ernsthafte Versuch. Ciro Immobile kommt überhaupt nicht in die Gänge, er wird nach nicht einmal einer Stunde ausgewechselt. Lorenzo Insigne kann seine Wendigkeit nicht ausspielen, der wuselige Neapolitaner hat seinen ersten Moment erst in Minute 57, doch Pickford packt zu. Und allein von Chiesa geht Gefahr aus, den bei seinen Dribblings erst der dritte oder vierte Gegenspieler stoppen kann, der aber kurz vor der Verlängerung verletzt raus muss (86.).

Bonucci wird ältester EM-Finaltorschütze

Wer es letztlich macht, sind die Haudegen Giorgio Chiellini (36) und Leonardo Bonucci (34). Der eine, der Kapitän, wird noch abgedrängt, Marco Verratti scheitert an Pickford, doch der andere, Bonucci, setzt nach und stochert die Kugel, die vom Pfosten prallt, zum 1:1 rein (67.). Nun ist Bonucci der älteste EM-Finaltorschütze. Und: Es geht alles auf Anfang!

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Nicht aber für die Engländer. Sie sind nahezu raus, sie verlieren den Faden, sie finden kaum noch zueinander und erst ein Flitzer verschafft ihnen eine winzige Atempause (87.). Squadra-Coach Roberto Mancini dagegen hat wild gecoacht und alles auf eine Karte gesetzt, um die Serie von 33 Länderspielen ohne Niederlage nicht gerade im größten Match seit 15 Jahren, seit dem WM-Finale 2006 in Berlin, zu zerstören. Und er hat alles richtig gemacht.