Tram-Chaos

Warum die BVG so lange braucht, das Eis zu besiegen

Die BVG im Winter-Chaos: So kämpft das Verkehrsunternehmen gegen das Eis auf den Tram-Leitungen in Berlin.

Author - Norbert Koch-Klaucke
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Eine der Besatzungen, die mit einem Turmwagen der BVG in Berlin die Straßenbahn-Oberleitungen enteisen.
Eine der Besatzungen, die mit einem Turmwagen der BVG in Berlin die Straßenbahn-Oberleitungen enteisen.Florian Bünding/BVG

Von Totalausfall bis teilweisen Streckeneinschränkungen: Seit drei Tagen bekommt die BVG ihre Straßenbahnen wegen vereister Oberleitungen nicht in die Gänge. Fahrgäste sind verzweifelt, haben die Faxen dicke. Kaum ein Berliner kann verstehen, warum es bei den Verkehrsbetrieben nun schon Tage andauert, in denen sie es nicht schaffen, ihr gesamtes Straßenbahnnetz vom Eis zu befreien.

Drei Eis-Probleme, die die BVG-Tram ausbremsen

„Der Eisregen hat unser Straßenbahnnetz vor eine Situation gestellt, wie wir sie in dieser Form seit Jahrzehnten nicht erlebt haben. Unsere Kolleginnen und Kollegen in Fahrdienst, Technik und Leitstellen arbeiten seit Stunden am Limit, um die Folgen zu bewältigen“, sagte BVG-Chef Henrik Falk.

Das war am Montag, als die BVG den Totalausfall meldete. Bis heute, Mittwoch, ist das gesamte Straßenbahnnetz noch immer nicht komplett flott. Drei Probleme sorgen dafür.

1. BVG-Oberleitungen werden per Hand enteist!

Das erste Problem: Das Berliner Straßenbahnnetz ist mit 200 Kilometer Länge eines der größten der Welt. Und dieses wird seit Tagen per Hand enteist!

Rund um die Uhr sind Teams auf drei Turmwagen in der Stadt unterwegs, um mit einer Art Hobel die Eisschicht von den Oberleitungen zu kratzen. „Das ist ein Knochenjob“, sagt BVG-Sprecherin Franziska Ellrich.

Und dieser Job soll bereits in der Nacht zum Montag begonnen haben, als Regen einsetzte, der auf den Oberleitungen der Trams sofort einfror. Da nützte es nichts, dass Straßenbahnen nachts im Einsatz waren, um mittels der Stromabnehmer auch die Oberleitungen möglichst eisfrei zu halten.

Eine Straßenbahn der Linie M5 am Alex: Zuerst ließ die BVG die Innenstadtlinien enteisen.
Eine Straßenbahn der Linie M5 am Alex: Zuerst ließ die BVG die Innenstadtlinien enteisen.Jörg Carstensen/imago

„Um die 40 Bahnen wurden mitten auf der Strecke vom Eisregen lahmgelegt, lagen buchstäblich auf Eis“, sagt die BVG-Sprecherin. Und diese Trams mussten zuerst von den Teams befreit werden. Das dauerte Stunden.

2. Bei Enteisung kommt BVG im Schneckentempo voran

Damit sind wir beim zweiten Problem, warum das Flottbekommen der Trams bei der BVG so lange dauert. Das Weghobeln des Eises ist nicht nur ein Knochenjob, es geht auch nur langsam voran. Dazu verwenden die Arbeiter ein spezielles Gerät, das über die Leitung gerollt wird. Das hat eine Art Meißel, der das Eis von der Oberleitung abkratzt.

Ein Turmwagen im Einsatz: Im Schneckentempo geht das Enteisen der Tram-Oberleitungen voran.
Ein Turmwagen im Einsatz: Im Schneckentempo geht das Enteisen der Tram-Oberleitungen voran.Florian Bündig/BVG

Im Tempo von fünf Stundenkilometern ist einer der Wagen unterwegs. Haben die Arbeiter ihren Job getan, fährt eine leere Straßenbahn hinterher – zur Kontrolle. Verläuft die Fahrt problemlos, wird die Strecke freigegeben.

Wer entscheidet, welche Tram-Strecken zuerst enteist werden? Es ist die BVG-Leitstelle in Berlin-Lichtenberg, die den Einsatz der drei Turmwagen koordiniert. „Zuerst mussten sie die Oberleitungen der Innenstadtlinien vom Eis befreien“, sagt Sprecherin Ellrich. Danach kommen die Strecken, die an den Stadtrand führen.

3. Befreite Tram-Oberleitungen frieren wieder zu

Das Abarbeiten könnte ja auch recht schnell klappen. Aber da gibt es noch das Problem Nummer 3: „Uns werden die gerade herrschenden Temperaturen um minus ein Grad und null Grad zum Verhängnis“, sagt BVG-Sprecherin Ellrich. Und so sorgen die hohe Luftfeuchtigkeit und neuer leichter Regen dafür, „dass sich neue Feuchtigkeit auf die Oberleitungen legt, die dann bei Minusgraden eine neue Eisschicht bildet, die dann wieder beseitigt werden muss“.

Mit anderen Worten: Die  schweißtreibende Arbeit der Männer auf den Turmwagen kann schon zu einem Sisyphos-Job werden. Bei jeder eisfrei gebliebenen Leitung sind sie froh, und die Berliner Tram-Passagiere dankbar, dass die eine oder andere Straßenbahn rollt.

Die verhängnisvolle Wetterlage mit Temperaturen um den Gefrierpunkt hält auch noch in den kommenden Tagen in Berlin an. Damit dürfte auch das Eis-Chaos bei den Trams der BVG andauern.

Die Turmwagen der BVG kamen auch beim Abriss der Brücke an der Wuhlheide im Mai 2025 zum Einsatz, als Oberleitungsarbeiten an der Tram-Strecke nötig waren.
Die Turmwagen der BVG kamen auch beim Abriss der Brücke an der Wuhlheide im Mai 2025 zum Einsatz, als Oberleitungsarbeiten an der Tram-Strecke nötig waren.Emmanuele Contini/Berliner KURIER

Doch warum schmiert die BVG ihre Oberleitungen nicht mit Glycerin ein? Andere Städte wie Erfurt haben damit die Stromleitungen ihrer Straßenbahnen in diesen Tagen eisfrei gehalten. Eine Antwort darauf konnte die BVG bisher noch nicht geben.

Nicht ganz so unklar ist, warum die BVG nur drei Turmwagen besitzt, mit denen man derzeit die Straßenbahnleitungen vom Eise befreit. Normalerweise sind diese Fahrzeuge nur bei Oberleitungsschäden unterwegs.

Und die kommen zum Glück nicht so häufig vor. Für einen massiven Eiseinsatz wie in diesem Winter waren die Turmfahrzeuge offensichtlich nicht gedacht.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Tram-Ausfällen gemacht? Schicken Sie uns Ihre Meinung zum Thema an leser-bk@berlinerverlag.com