Der Fall ist erschütternd: Eine 16‑Jährige soll Ende 2025 in einem Jugendzentrum in Berlin‑Neukölln von mehreren Jugendlichen vergewaltigt worden sein. Doch obwohl sie mutig genug war, den Vorfall zu melden, passierte wochenlang nichts. Weder die Einrichtung noch das zuständige Jugendamt erstatteten Anzeige. Ein System, das Kinder eigentlich schützen soll, scheint in diesem Fall an einer zentralen Stelle versagt zu haben.
Senatorin spricht von „missachteten Rechtsgrundlagen“
Jugendsenatorin Katharina Günther‑Wünsch (CDU) fordert nun personelle Konsequenzen. Für sie ist klar, dass die Leiterin des Neuköllner Jugendamts und beteiligte Mitarbeiter bis zur vollständigen Aufklärung freigestellt werden müssen. Im Bildungsausschuss sprach sie von „deutlichen Verstößen gegen die Rechtsgrundlagen des Kinderschutzes“.
Am Mittwoch kam es in ihrem Haus zu einem Gespräch unter Leitung von Jugendstaatssekretär Falko Liecke, an dem Vertreter des Bezirks, die Jugendamtsleiterin, der freie Träger und die Polizei teilnahmen. Nach diesem Austausch habe sich, so die Senatorin, der Eindruck weiter verfestigt, dass „zentrale Schutzpflichten verletzt“ worden seien. Ihr Ressort habe inzwischen einen umfangreichen Fragenkatalog an Bezirk und Einrichtung übermittelt.

Der Jugendclub in der Wutzkyallee ist seit vergangenem Freitag geschlossen. Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linke) kündigte an, die Schutzkonzepte der bezirklichen Einrichtungen zu überprüfen, interne Abläufe zu analysieren und ein neues Schulungsprogramm zur Sensibilisierung der Mitarbeitenden zu entwickeln.
Die Chronologie jedoch wirft Fragen auf: Die mutmaßliche Vergewaltigung soll sich Ende 2025 ereignet haben, die Polizei erfuhr erst am 23. Januar 2026 durch eine Anzeige des Vaters davon. Das Jugendamt wurde am 28. Januar informiert, die zuständige Stadträtin Nagel erst am 2. März. Da fragt man sich, wieso sich die Räder hier so langsam drehen.
Bezirk erklärt sich – und widerspricht Vorwürfen
Zum Umgang mit den Vorwürfen sagt der Bezirk Neukölln, das Jugendamt habe zunächst entschieden, nur mit ausdrücklichem Einverständnis des Mädchens selbst zur Polizei zu gehen. Berichte, nach denen man gezögert habe, um die mutmaßlichen Täter – laut Medienberichten arabischstämmige Jugendliche – „nicht zu stigmatisieren“, weist Nagel deutlich zurück.

Jugendstaatssekretär Liecke hatte diesen Verdacht zuvor in der Bild geäußert. Die Stadträtin betont jedoch, die Herkunft der Verdächtigen habe „zu keinem Zeitpunkt eine Rolle“ gespielt. Die Betroffene sei zudem durch einen qualifizierten Träger der Mädchenarbeit betreut worden, dem sie vertraue.
Dennoch bleibt die zentrale Frage offen: Warum wurde eine mutmaßliche Vergewaltigung in einer staatlich geförderten Einrichtung nicht umgehend den Ermittlungsbehörden gemeldet? Und wieso erfuhr die politische Leitung des Bezirks erst Wochen später davon? Während Landeskriminalamt und Staatsanwaltschaft inzwischen ermitteln, steht der Bezirk unter Rechtfertigungsdruck.


