Unter der S-Bahn-Brücke am Alexanderplatz haben Obdachlose eine Schlafstatt eingerichtet. Auch hier gibt es immer wieder Gewalt gegen die Abgehängten. Sabine Gudath

Gewalt gegen die Ärmsten, das ist nicht nur primitiv, das ist menschenverachtend und jämmerlich. Mindestens 16 Mal haben feige Angreifer im Jahr 2021 Obdachlose getötet. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Obdachlosenhilfe (BAGW) aus Berlin hat sich mit den Motiven der Täter auseinandergesetzt.

In Deutschland sind im vergangenen Jahr nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Obdachlosenhilfe (BAGW) mindestens 16 Obdachlose getötet worden. Der Verband dokumentierte zudem 142 weitere Gewaltfälle, bei denen 169 Menschen ohne Wohnung verletzt wurden, wie die Zeitung Die Welt (Montagsausgabe) berichtete. In beiden Statistiken – basierend auf einer Presseauswertung – geht die BAGW von deutlich höheren Dunkelziffern aus.

Lesen Sie auch: Wir haben’s ja! Mitten in der Krise genehmigen sich Berlins Abgeordnete höhere Diäten>>

„Gewalt gegen Obdachlose ist ein Dauerbrenner. Seit Beginn unserer Dokumentation im Jahr 1989 sind die schweren und tödlichen Gewaltfälle auf einem hohen Niveau“, sagte BAGW-Geschäftsführerin Werena Rosenke der Welt. „Solange Menschen gezwungen sind oder sich gezwungen sehen, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten, und solange diese Menschen stigmatisiert und diskriminiert werden, werden sie leicht zum Opfer.“

Streit mit Obdachlosen über geklaute Pfandflaschen, Geldschulden, Raub

Die Presseauswertung umfasst laut Bericht auch 74 Gewaltfälle unter Wohnungslosen. Zu den Hintergründen ist dort etwa vermerkt: Streit unter Bekannten, Streit über die Aufteilung des Zimmers, Streit um einen trockenen Schlafplatz, Streit über geklaute Pfandflaschen, Geldschulden, Raub.

Lesen Sie auch: Ab Freitag vor Gericht: Die Berliner Clan-Gangster, die das Grüne Gewölbe leer räumten. Von den Juwelen fehlt bis heute jede Spur>>

„Die wohnungslosen Täter sind selbst für ihr Handeln verantwortlich. Dennoch ist es wichtig zu analysieren, welche Umstände in der Lebenssituation oder der Unterbringung zu einer geringen Toleranzschwelle führen“, sagte Rosenke der Zeitung.

Die Jahresgesamtzahl wohnungsloser Menschen im Wohnungslosensektor ist nach Schätzung der BAGW von 237.000 Menschen im Jahr 2018 auf 256.000 im Jahr 2020 gestiegen, das ist ein Gesamtanstieg von 8 Prozent. In Berlin sind Zahlen zu Obdachlosen widersprüchlich. Eine Zählung im vergangenen Jahr kam auf knapp 2000 Obdachlose, Hilfsorganisationen gehen aber von bis zu 10.000 Menschen aus, die in Berlin auf der Straße leben. Knapp 50.000 wohnungslose Menschen sind in Gemeinschaftsunterkünften und betreuten Wohnformen untergebracht.