Watjim lebt schon seit einem Jahr im Camp der Obdachlosen am Stuttgarter Platz. Gerd Engelsmann

Er sitzt zusammengekauert auf einer Matratze. Seine Wangen und Hände sind blau-rot angelaufen, die Augen glänzen. Seit einem Jahr lebt Watjim (39) unter einer S-Bahnbrücke in Wilmersdorf und er ist nicht der einzige Bewohner. Ausrangierte Couchgarnituren und Matratzen reihen sich dicht aneinander. Dazwischen jede Menge persönliche Gegenstände, dazwischen Kot und Unrat. Das Camp der Obdachlosen am Stuttgarter Platz wird immer größer. Für Berlins Armutsbeauftragten Thomas de Vachroi sind das Zustände, die nicht länger hinnehmbar sind. 

Es sind minus drei Grad an diesem Morgen in der Hauptstadt. Selbst wenn man warm genug angezogen ist, spürt man die Kälte am ganzen Körper. Die meisten Bewohner liegen regungslos unter mehreren Wolldecken, nur ihre Nasenspitze guckt heraus. Zwei junge Männer liegen zusammen auf einer Matratze und nehmen ihr Frühstück ein: zwei trockene Brötchen. Die meisten winken gleich ab, wollen mit niemandem reden, schon gar nicht mit Journalisten. Die Sorge ist zu groß, von hier vertrieben zu werden. „Wo sollen wir sonst hin?“, fragt sich Watjim.

Watjim will zurück in die Heimat

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Unter der Brücke liegen jede Menge Unrat und persönliche Gegenstände.

Doch es gibt auch ein Verständigungsproblem. Die meisten Bewohner aus dem Camp der Obdachlosen sprechen weder deutsch noch englisch. Auch Watjim spricht nur gebrochen Deutsch. Er stammt aus Litauen und kam mitten in der Corona-Krise ohne Ausbildung nach Berlin, in der Hoffnung, hier Arbeit zu finden. Vergeblich. „Im Lockdown war alles zu“, sagt er und hebt hilflos die Schultern. Jetzt will er nur noch eines: zurück in seine Heimat. Bloß wie? „Ich vermisse meine Mutter und meinen Bruder“, sagt er. Doch ihm fehlt das Geld für ein Bahn- oder Flugticket.

Trotz der Strapazen auf der Straße sieht Watjim mit seinen kurzen Haaren wesentlich jünger aus als 39. Doch die Kälte macht auch ihm zu schaffen. „Ich habe zwei Jacken übereinander gezogen, aber unter der Brücke zieht es so stark, dass es nicht ausreicht“, sagt er. Vor ihm stehen ein Männchen aus Holz, ein alter Nussknacker, der noch vom letzten Fest übrig geblieben ist, sowie ein Weihnachtsmann aus Schokolade und ein Adventsgesteck. Watjim hat schon zwei Weihnachten ohne seine Familie auf der Straße verbracht.

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Ein Obdachloser hat ein Pappschild aufgestellt und bittet um Spenden.

„Die Stimmung unter den Bewohnern ist zum Glück friedlich“, sagt Watjim. Ab und zu schaue die Polizei vorbei, aber die ließ sie auch in Ruhe. Die meisten Obdachlosen leben vom Schnorren oder Flaschensammeln. Für Watjims Rückreise nach Litauen reiche das aber nicht. „Bitte hilf mir mit einem Cent. So viel wie Dein Herz zulässt“ steht auf einem Pappschild, das sein Nachbar aufgestellt hat. Spaziergänger verirren sich nur noch wenige her. Zu unangenehm ist der Geruch nach Urin und Fäkalien, der einem beim Vorbeigehen unweigerlich in die Nase steigt. Dafür fährt ein Auto nach dem anderen vorbei. Anhalten will niemand.

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Die Matratzen liegen dicht an dicht auf dem Gehweg.

„Es ist eine Schande für Berlin!“, sagt Thomas de Vachroi, der sich als Armutsbeauftragter des Kirchenkreises Neuköllns für die bedürftigen Menschen in der Stadt einsetzt. Doch das Beispiel am Stuttgarter Platz sei nur ein Mosaiksteinchen des ganzen Problems, denn an anderen Orten, wie am Hermann- oder Moritzplatz, lebten auch immer mehr Menschen auf der Straße. Was ihn besonders ärgere sei, dass die meisten täglich an ihnen vorbeifuhren und das Drama einfach ignorierten. „Die Menschen werden einfach dort liegen gelassen. Das ist nicht nur ein politisches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem“, sagt er. Die Obdachlosen müssten jetzt schnell in Notunterkünfte, weil sie draußen erfrieren könnten.

Doch die Obdachlosen nur in Wohnheimen unterzubringen, löse das Problem nicht, sagt de Vachroi. Man müsse auch mit den jeweiligen Botschaften der Herkunftsländer der Obdachlosen in engem Dialog stehen. „Dann kann man auch jemanden wie Watjim schnell helfen, wieder nach Hause zu kommen“, so der Armutsbeauftragte. Derzeit leben schätzungsweise zwischen 3000 und 8000 Menschen in Berlin auf der Straße, eine genaue Zahl gibt es nicht, da obdachlose Menschen häufig von Bezirk zu Bezirk wandern und deshalb nicht registriert werden können. „Bis zu 60 Prozent von ihnen stammen aus anderen europäischen Ländern“, erklärt de Vachroi.

Der KURIER hat beim zuständigen Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf nachgefragt, was es gegen das Camp der Obdachlosen am Stuttgarter Platz unternehme: „Seit Jahren werden die obdachlosen Menschen regelmäßig durch einen von der Fachstelle Soziale Wohnhilfe beauftragten Streetworker aufgesucht und nach Möglichkeit beraten. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Fachstelle sind in Abständen ebenfalls vor Ort. Es besteht eine gute Zusammenarbeit mit den Ordnungsbehörden. Die Fachstelle übernimmt den Part der Beratung, gegebenenfalls auch mit der sprachlichen Unterstützung der Frostschutzengel oder Amaro Foro (Anm. d. Redaktion soziale Hilfen für Wohnungslose)“, sagt Sozial- und Ordnungsstadtrat Arne Herz (CDU). 

Keinerlei Veränderungsmotivation

Das Problem, so sagt Bezirkstadtrat Herz: Die dort campierenden Personen seien häufig nichtdeutscher Herkunft und hätten in den meisten Fällen keine Leistungsansprüche, weil sie sich im Rahmen der Freizügigkeit in Deutschland aufhalten. Es seien also EU-Bürger, die eigentlich einer Arbeitstätigkeit nachgehen müssten, um Anspruch auf Leistungen nach SGB 2 oder SGB 12 zu erhalten.

Häufig stünden Suchterkrankungen, Bildungsdistanzierung und  auch psychische Auffälligkeiten oder unbehandelte psychische Erkrankungen einer Arbeitsaufnahme entgegen. Einen Austausch mit den Botschaften, wie von Thomas de Vachroi vorgeschlagen,  bestehe in konkreten Einzelfällen. Die Zusammenarbeit mit den Botschaften habe sich bislang als eher schwierig erwiesen, eine Zuständigkeit beziehungsweise Fürsorgepflicht für obdachlose Landsleute werde dort nicht unbedingt gesehen. „Es handelt sich laut dem Streetworker häufig um bekannte Personen.

Diese haben nicht selten keinerlei Veränderungsmotivation und ziehen ein selbstbestimmtes Leben auf der Straße anderen Optionen (zum Beispiel Rückkehr ins Heimatland, Aufnahme von Arbeit und Vorsprache beim Jobcenter zur Klärung der Leistungsansprüche oder Vorsprache in der Fachstelle Soziale Wohnhilfe zur Zuweisung in eine Unterkunft der Wohnungslosenhilfe) vor“, betont Herz.

Um das Thema Obdachlosigkeit in Berlin langfristrig in den Griff zu bekommen, schlägt Armutsbeauftragter de Vachroi eine bezirksübergreifende Koordinationsstelle vor, der verschiedene Träger angehören. Er sagt: „Es geht nicht, dass Menschen bei uns in der Stadt unter einer Brücke schlafen. Das dürfen wir nicht länger zulassen.“