Musik, Sonnenlicht, ein gedeckter Esstisch. Kein gedämpftes Licht, keine beklemmende Stille, kein dramatischer Moment. Stattdessen Alltag. Ein Raum, in dem gesprochen, gelacht oder geschwiegen wird. Manchmal läuft ein Lieblingslied, manchmal wird gemeinsam eingekauft.
Ambulante Sterbebegleitung
Keine großen Worte, keine fertigen Antworten, sondern Zeit, Nähe und jemand, der einfach da ist. Genau dafür stehen die Malteser mit ihrem ambulanten Hospizdienst, der am 28. April 2026 sein 30‑jähriges Jubiläum in Berlin feiert.
Der ambulante Hospizdienst der Malteser wurde 1996 im Osten Berlins gegründet. Heute zählt er mit seinen Anlaufstellen in Karlshorst und Lichtenrade zu den größten ambulanten Hospizangeboten der Hauptstadt. Zwölf Fachkräfte und rund 230 ehrenamtlich Engagierte begleiten schwer kranke Menschen und ihre Familien – zu Hause, in Pflegeeinrichtungen oder im Krankenhaus. Also dort, wo die Betroffenen leben.

Alltag statt Abschiedsroutine
Eine der ehrenamtlichen Sterbebegleiterinnen ist Lydia Heller. Die 53-Jährige arbeitet hauptberuflich als Radiojournalistin beim Deutschlandfunk Kultur und engagiert sich seit 2020 ehrenamtlich als Sterbebegleiterin bei den Maltesern.
Viele Menschen verbinden Hospizarbeit mit Dunkelheit, Traurigkeit und schweren Gesprächen. „Oh toll, das könnte ich nicht“, ist ein Satz, der Lydia regelmäßig begegnet. Dahinter steckt meist das Bild vom ständigen Abschied – oder von der Angst, der emotionalen Belastung nicht standzuhalten.
„Das ist ein Irrtum“, sagt sie. Eigentlich gehe es darum, den Alltag der Sterbenden so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Gespräche drehen sich selten um den Tod selbst. Stattdessen gehe es um Musik, Erinnerungen, Ärger mit Behörden, das Wetter oder um das, was früher einmal wichtig war. Oder eben darum, ein neues Nachthemd auf Amazon zu bestellen. Normalität erhalten.

„Natürlich ist Abschied traurig“, sagt Lydia. Aber vor allem gehe es darum, ein Gefühl zu schaffen wie: Mein Leben ist nach wie vor viel mehr als diese Krankheit.
Bei einer ihrer längsten Begleitungen kam sie zwei Jahre lang einmal pro Woche zu ihrer Patientin. Gemeinsam wurde gegessen, Musik gehört, gesprochen. Bei einem anderen Begleitfall ging es vor allem ums Dasein, damit die pflegende Ehefrau einkaufen konnte, ohne ständig auf die Uhr schauen zu müssen.
„Wir lassen Menschen nicht allein“
Im Mittelpunkt der Arbeit steht nicht die Pflege oder medizinische Versorgung, sondern die persönliche Begleitung. Die Ehrenamtlichen hören zu, sitzen da, gehen ein Stück des Weges mit. Ergänzt wird das Angebot durch einen Kinderhospiz- und Familienbegleitdienst, der Kinder und Erwachsene unterstützt, wenn Eltern, Geschwister oder Partner schwer erkrankt sind. „Krebs ist eine Familiendiagnose“, sagt Diana Bade, Pressereferentin der Malteser.

Kerstin Kurzke ist eine der Leiterinnen des ambulanten Hospizdienstes. „Wenn ein Mensch schwer erkrankt und das Lebensende absehbar ist, gerät der Alltag der ganzen Familie aus dem Gleichgewicht“, erzählt sie. „In dieser Zeit sind Zeit, Nähe und Mitgefühl besonders wichtig – und es entlastet, wenn zusätzlich jemand da ist. Wir lassen Menschen mit ihren Ängsten nicht allein.“
Geschichten, die Raum brauchen
Etwas beobachtet Lydia bei all ihren Begleitungen: Viele Menschen verspüren am Ende ihres Lebens den Wunsch, noch einmal von ihrem Leben zu erzählen. Geschichten aus dem Alltag, vom Beruf, der Familie oder von sportlichen Erfolgen.
„Man ist eigentlich ein Resonanzraum“, sagt sie. Für Geschichten, die Angehörige schon unzählige Male gehört haben und für die es dennoch Raum braucht.

Manchmal entstehen dabei sehr persönliche Momente. Lydia erinnert sich an eine Frau, mit der sie oft Musik hörte. Eines Tages wünschte sich die Begleitete „leichte Operette“. Als sie gemeinsam ein Stück hörten, erkannte Lydia plötzlich eine Melodie. Erst auf dem Heimweg fiel ihr ein, dass ihr Großvater diese Melodie früher gesungen hatte, als sie ein Kind war. „Diese Erinnerung war komplett weg – und kam durch diesen Moment zurück“, sagt sie. „Das hat mich unglaublich gerührt.“
Ein Job mit Sinn
Sterbebegleitung, sagt Lydia, habe wenig mit Antworten zu tun. Viele Menschen stellten erstaunlich selten Fragen über das Sterben selbst. Wenn das Thema dennoch aufkomme, gehe es darum, Raum zu öffnen. Nicht beruhigen, nicht abwimmeln, nicht vertrösten. Sondern fragen: Was wünschst du dir? Niemand wisse, was nach dem Tod komme. Demnach seien Fragen oft hilfreicher als vermeintlich tröstende Sätze.
Dass Lydia diese Arbeit macht, liegt auch daran, dass sie ihr selbst viel gibt. Selten habe sie sich bei einer Tätigkeit so erfüllt gefühlt. Das bloße Dasein, das Zuhören, gebe ihrem eigenen Leben einen Sinn, den sie so aus kaum etwas anderem kenne. Auch den Blick auf ihr eigenes Leben habe sich verändert.
Ich glaube nicht mehr, dass einsam sterben bedeutet, man habe etwas falsch gemacht.
Halt geben und finden
Lydia ist begeistert von dem Rückhalt, den sie durch die Malteser erfährt. „Die Malteser bemühen sich sehr, Ehrenamtliche mit Menschen zu matchen, bei denen sie glauben, dass es gut passen könnte“, erzählt sie. „Und auch wenn es einmal nicht passt, ist das kein Problem – man wird aufgefangen.“





