Vom Start-up zum Abwrack

Musiktechnik-Gigant aus Kreuzberg meldet Insolvenz an

Bei Native Instruments hat ein Insolvenzverwalter das Sagen. Darum geriet das einstige Berliner Wunderkind der digitalen Musik in die Krise.

Author - Wolfgang Heise
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Native Instruments expandierte auch nach Paris.
Native Instruments expandierte auch nach Paris.hadrian/ifeelstock/imago

Der Schock sitzt tief in der Musikszene. Der weltbekannte Software- und Hardware-Hersteller für Musik Native Instruments aus Kreuzberg musste vorläufige Insolvenz anmelden. Verfehlte Strategie, verpasste Trends, und jetzt droht das Aus oder die Zerschlagung des einst erfolgreichen Tech-Unternehmens. 1996 als Start-up gegründet, 30 Jahre später nur noch Abwrack.

Insolvenzverfahren für Native Instruments eröffnet

Am späten Montagnachmittag war es so weit: Das Charlottenburger Amtsgericht eröffnete zwei Insolvenzverfahren. Mit den Aktenzeichen 3612 IN 602/26 für die Native Instruments GmbH und 3612 IN 604/26 für die Native Instruments Group GmbH mit Sitz in der Schlesischen Straße. Ein Insolvenzverwalter wurde mit sofortiger Wirkung  einbestellt. Wie es weitergeht, weiß bisher keiner. Vom völligen Aus bis zum Verkauf oder Teilverkäufen ist alles möglich. Rund 400 Mitarbeiter sind betroffen.

Native Instruments war lange Zeit ein Wunderkind in der digitalen Musikwelt. 1996 wurde es gegründet und expandierte weltweit mit Filialen in Los Angeles, Paris, London, Shenzhen, Montreal und Tokio. Die Idee dahinter war ganz einfach: Synthesizer und Drummachines wurden als Software entwickelt. Die höheren Rechenkapazitäten bei Computern machten es möglich, dass jeder Musikliebhaber sich nur noch eine Software kaufen brauchte statt mehrere sündhaft teure Synthesizer.

Vom digitalen Wunderkind zum Problemfall

Den ersten Einschnitt gab es bei Native Instruments aber bereits drei Jahre später. Die beiden besten Software-Entwickler wanderten ab und gründeten „Ableton“. Das Unternehmen aus der Schönhauser Allee ist heute weltweit der drittgrößte Hersteller des Musikproduktionsprogramms „Live“.

Native setzte danach nicht nur auf digitale Synthesizer, sondern erweiterte sein Angebot auf die DJ-Software Traktor und hatte bis vor zehn Jahren eigentlich nur einen ernsthaften Konkurrenten.

Jetzt erobert gerade der japanische Musik-Titan Pioneer mit seiner DJ-Software den Markt. Auch bei der Entwicklung von neuen digitalen Musikgeräten gab es immer mehr Konkurrenz und einen neuen Trend. Die Kreativen wollten lieber an Geräten mit Knöpfen drehen. Echte Geräte statt Computer – dank der digitalen Technik sind die Synthesizer jetzt kleiner und viel billiger.

Corona brachte noch mal mehr Umsatz

Native Instruments stellt auch Keyboards her, die an den Computer angeschlossen werden müssen.
Native Instruments stellt auch Keyboards her, die an den Computer angeschlossen werden müssen.Native Instruments

In den vergangenen Jahren stieg ein Investor ein. Das Unternehmen wurde umstrukturiert, aber auf lange Sicht nicht erfolgreicher. Während der Corona-Pandemie wurde der Umsatz von 100 Millionen Euro noch mal auf 160 Millionen gesteigert, weil viele Menschen zu Hause Musik machten und ihr Geld nicht in Techno-Clubs ausgeben konnten. Es war nur ein Strohfeuer.

Das nächste Problem: Native Instruments konzentrierte sich im Markt immer mehr auf die Hobby-Musiker. Doch die benutzen jetzt vermehrt KI-Software zum Erstellen von Liedern. Jetzt ging es zum Insolvenzgericht. Viele Kunden aus der Musikbranche fragen sich, wie es jetzt mit dem technischen Support weitergeht.