Wachpersonal in der JVA Tegel: Hier kam es in den vergangenen dreieinhalb Jahren zu 194 Angriffen auf Mitgefangene und zu 16 Attacken auf Bedienstete. imago/Kremming

Eine Tatwaffe war eine „zerbrochene Tasse“, die „missbräuchlich verwendet“ wurde, wie die Justizverwaltung mitteilte. Am 18. April kam es in der JVA Heidering in Großbeeren (Landkreis Teltow-Fläming) zu einer Massenschlägerei, bei der mehrere Häftlinge und Bedienstete verletzt wurden. Jetzt ist klar, was den Gewaltausbruch auslöste und wie oft es in den Berliner Gefängnissen zu körperlichen Angriffen auf Häftlinge und Mitarbeiter kommt.

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Am 18. April spielten sich blutige Szenen wie in einem Gefängnisfilm ab. 50 Häftlinge unterschiedlicher Nationalitäten prügelten aufeinander ein, vier Bedienstete und drei Gefangene wurden verletzt. Nach Beginn des Streits sei direkt ein Alarm ausgelöst worden, erklärte die Senatsverwaltung, die beteiligten Gefangenen seien getrennt und die Freistunde abgebrochen worden. Beim Einrücken sei es dann aber zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen. Gefangene hätten darauf hingewiesen, dass spitze Gegenstände verwendet worden seien.

Die drei leicht verletzten Inhaftierten wurden medizinisch versorgt. Sie gehörten zu den zehn Gefangenen, die bereits sicher als Beteiligte identifiziert werden konnten, hieß es. Drei der vier verletzten Bediensteten konnten demnach ihren Dienst fortsetzen.

Das modernste Gefängnis Berlins: die JVA Heidering. Die Zahl der körperlichen Angriffe auf Mitgefangene ist hier stark gestiegen – von 94 auf 136 pro Jahr. dpa/Pedersen

Die Antwort auf eine Kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Alexander J. Hermann bringt Licht ins Dunkel. Es ging um Machtspiele, wie man sie auch aus Knastfilmen kennt. Die eine Gruppe in der Teilanstalt II wollte der anderen die Benutzung der Gemeinschaftsküche verbieten und neue Regeln im Wohnbereich aufstellen. Und diese auch mit Gewalt durchsetzen. „Dieser Konflikt ist am Montag, den 18.4.2022, im Rahmen der Freistunde eskaliert und es kam zu der gewalttätigen Auseinandersetzung“, heißt es jetzt in der Antwort aus der Senatsverwaltung für Justiz.

Zu wenig Bedienstete in der JVA Heidering

An diesem Tag war die JVA Heidering unterbesetzt. Von 31 Dienstposten im Spätdienst waren zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung nur 21 besetzt. Sieben Bedienstete der Gesamtanstalt fehlten an diesem Tag aufgrund von Krankheit, weitere befanden sich im Urlaub. In der Teilanstalt II, wo die Schlägerei ausbrach, waren sechs von sieben Dienstposten besetzt.

Die identifizierten zehn hauptverantwortlichen Gefangenen wurden zunächst unter Verschluss genommen. Der Hauptverantwortliche wurde in eine andere JVA, weitere Häftlinge in andere Teilanstalten verlegt. „Nach Analyse des Vorfalls wurde der bestehende Tagesablauf geändert“, heißt es in der Antwort auf die Kleine Anfrage. „So wird am Vormittag eine zusätzliche Freistunde vollzogen, um die Gruppengröße während der Freistunde zu halbieren.“ Zudem werde gegenwärtig analysiert, welche weiteren Maßnahmen zur Reduzierung von Gewaltvorfällen ergriffen werden können.

Die JVA Plötzensee hat ein Problem mit Angriffen auf Bedienstete: Die Zahl stieg hier von 16 im Jahr 2019 auf 27 im vergangenen Jahr. dpa/Zinken

Denn die JVA Heidering hat ein Problem mit Gewalt in der Haftanstalt. In den letzten Jahren ist die Zahl der körperlichen Angriffe auf Gefangene stetig angestiegen – von 94 im Jahr 2019 über 116 (2020) auf 136 (2021). Bis zum Stichtag 30. April 2022 wurden schon wieder 37 Übergriffe erfasst. Insgesamt gab es hier in den vergangenen dreieinhalb Jahren auch 34 Angriffe auf Bedienstete.

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Einen Anstieg, den man wohl nicht auf ein erhöhtes Stresslevel wegen Corona schieben kann. Denn in den anderen Berliner Haftanstalten ist die Zahl der Attacken auf Mitgefangene in den vergangenen Jahren gesunken oder annähernd gleich geblieben. Von 54 auf 49 in der JVA Moabit, von 13 auf acht in der JVA für Frauen, von 126 auf 94 in der Jugendstrafanstalt, von 89 auf 43 in der JVA Tegel und von 52 auf 49 in der JVA Plötzensee. Die meisten Angriffe auf Bedienstete registriert die JVA Plötzensee (59), in diesem Jahr ist aber noch nichts passiert.

Gänzlich gewaltfrei ist in Berlin nur die JVA des offenen Vollzuges. Hier gab es in den letzten drei Jahren weder Angriffe auf Mitgefangene noch auf Bedienstete.