Die Ampel vor der Charité leuchtet Rot, macht symbolisch deutlich, wie ernst die Lage an Europas größter Universitätsklinik ist. Foto: imago images/Future Image

Die Lage an den Berliner Kliniken spitzt sich zu. Seit Tagen erklären sie, dass aufgrund der steigenden Corona-Patienten ihre Kapazitäten bei Betten und Personal „stark überlastet“ seien. Nun hat die Charité als erste Klinik der Hauptstadt den Ernstfall ausgerufen. Ab Montag wird Europas größtes Universitätsklinikum in einen zweiwöchigen Notbetrieb gehen. Politiker und Mediziner Experten gehen davon aus, dass auch andere Berliner Krankenhäuser folgen werden.

„Ich hoffe, dass nun mit dem Notbetrieb an der Charité jedem in der Stadt der Ernst der Lage klar wird, in welchem Zustand sich die Krankenhäuser befinden“, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Tim-Christopher Zeelen, dem KURIER. „Es geht nicht nur darum, dass genug Betten in den Intensivstationen vorhanden sind. An diesen müssen auch genug ausgebildete Menschen stehen, die die Kranken betreuen.“ Dies habe bisher die Senatsgesundheitsverwaltung vernachlässigt, so Zeelen. Möglich wäre, dass daher noch weitere Berliner Kliniken dem Beispiel der Charité folgen und auch in einem Notbetrieb gehen werden, so der Abgeordnete.

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Das hält Jörg Weimann, Chefarzt der Intensivmedizin des Sankt Gertrauden-Krankenhauses und Landesvorsitzender des Bundes der Anästhesisten durchaus für möglich. „Natürlich werden auch andere Kliniken nachziehen, in einen Vorweihnachtsmodus gehen und bewusst sagen, wir brauchen auf den Intensivstationen mehr Personal, um auch die Notfallversorgung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten“, sagte er am Freitag im RBB-Inforadio.

Seit Tagen steht die Ampel für die Kliniken im Corona-Bericht des Senats auf Rot. Die Zahl der freien Intensivbetten in Berlin liegt laut dem Intensivregister der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) bei 124. Belegt sind derzeit  1015, davon 376 mit Corona-Patienten.

Personal hält nicht mehr lange durch

Die Charité ist diejenige Klinik in Berlin, in der die schwersten Corona-Fälle der Stadt behandelt werden. Bereits vor einer Woche warnte  Charité-Vorstandschef Heyo Kroemer in den „Tagesthemen“ vor einer drohenden Notlage. In dem Universitätsklinikum sind derzeit von den 442 Betten auf der Intensivstation etwa 130 mit Corona-Patienten belegt. Etwa 70 von ihnen müssten künstlich beatmet und deswegen sehr umfangreich betreut werden. Viele Ärzte und Pfleger von anderen Stationen wurden zur Versorgung der Corona-Patienten abgezogen. Kroemer erklärte daher schon damals, dass das Personal so sehr belastet sei, dass es nicht mehr lange durchhalten könne.

Nun hat der Charité-Vorstandschef für die Krankenversorgung, Ulrich Frei, am Donnerstagabend die Reißleine gezogen. „Während wir bislang mit eher mäßigen Einschränkungen der klinischen Versorgung ausgekommen sind, müssen wir nun zunächst in den kommenden 14 Tagen unsere Aktivitäten auf ein reines Notfall-Programm reduzieren“, teilte er mit. „Wir befinden uns nach wie vor in einer ungewöhnlich schweren Krise, wie wir sie noch nicht erlebt haben. Wir haben noch schwere Wochen vor uns.“

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Um mindestens 300 weitere Betten für die Intensivstation frei zu bekommen, werde man nun über Weihnachten und dem Jahreswechsel, wo medizinisch vertretbar, auf Behandlungen und Operationen verzichten. Laut einer Verordnung der Gesundheitsverwaltung sind viele große Berliner Krankenhäuser bereits seit Anfang November zum Verschieben der sogenannten elektiven Eingriffe angehalten. Mit diesem Schritt käme auch Personal frei, dass sich nun in der Charité in den kommenden zwei Wochen verstärkt um die Corona-Patienten kümmern soll.

Frei betont, dass trotz des Notbetriebs Notfälle weiterhin behandelt und Tumoroperationen durchgeführt werden. Es gebe auch keine Einschränkungen für die Rettungsstellen. Aber Frei rechnet mit einer Zunahme der Corona-Fälle. Daher käme die Klinik nicht umhin, „die Covid-Intensivkapazität weiter zu steigern“, so der Charité-Chef. Das sei nur möglich, wenn weitere Betten in der stationären Pflege geschlossen oder zusammengelegt werden, um Personal umverteilen zu können.

CDU fordert Einsatz des Corona-Krankenhauses

Fehlende Fachkräfte ist seit je her ein großes Problem an den Kliniken. Gerade in der Corona-Krise suchen händeringend Charité oder die Vivantes-Kliniken nach Personal.  „Aufgrund der Kapazitätsengpässe gehe ich gehe davon aus, dass nun auch das Corona-Behandlungszentrum zum Einsatz kommen muss“, sagt CDU-Gesundheitsexperte Zeelen. Dorthin sollte schon 51 Corona-Patienten aus Brandenburg verlegt werden, die Berlin jetzt aufnimmt.

Auch im benachbarten Bundesland stoßen Krankenhäuser an ihre Grenzen. Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher bat die Hauptstadt um Hilfe. Sie schlug das Corona-Krankenhaus für die Unterbringung der Brandenburger vor. Das Problem: Dies stehe zwar bereit, aber dort ist noch kein Personal im Einsatz.

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Da es sich bei den Brandenburger Corona-Patienten nicht um Intensivfälle handle, könnten sie auch auf Normalstationen behandelt werden, so Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD). Dafür hätten Berlins Kliniken noch rund 2300 Betten frei. Laut Gesundheitsverwaltung soll aas Corona-Krankenhaus erst in Betrieb gehen, wenn Berlins Kliniken überlastet sind. Dass sei nach Ansicht des CDU-Gesundheitsexperten Zeelen bereits der Fall.