Zur Eröffnung von „Balkan Erotic Epic“ bildete sich vor dem Martin‑Gropius‑Bau eine Schlange, die selbst für Berlin auffiel. Kein Musik‑Hype, kein Social‑Media‑Trend – sondern die Wucht einer 79‑jährigen Künstlerin und Kunst mit maximaler Reibung.
Die Wucht erotischer Energie
Ein vielstimmiges Klagen und ein rhythmisches Schlagen, das unter die Haut geht. Duzende in schwarz gekleidete Frauen, beinahe ekstatisch. Riesige Penis-Skulpturen dominieren die Raumhöhen, auf Leinwänden laufen Videos von Frauen, die sich entblößen. Archaische Szenen, die an alte Fruchtbarkeitsrituale erinnern. Körper, Rituale und Ursprünglichkeit.

Wer den Lichthof im Martin-Gropius-Bau betritt, steht augenblicklich mitten im Kosmos von Marina Abramović. Für alle, die die Künstlerin schon länger kennen, kommt diese Ausstellung nicht überraschend. Sie bleibt ihrer Linie treu und stellt den Körper erneut in den Mittelpunkt, als Ort von Spannung, Macht und Widerstand.
Sie trägt den Titel der radikalsten und bekanntesten Performancekünstlerin der Welt nicht umsonst: Ihre Kunst ist nicht bequem, sondern verhandelnd. Sie wirkt roh, direkt, manchmal befremdlich.
Abramović setzt auf maximale Wirkung
Auch in dieser Ausstellung setzt Marina Abramović auf Wucht statt Zurückhaltung. Ein Skelett bewegt sich über einer nackten Frau, Genitalien in Überdimension. Und im Hintergrund synphonieren Folkloren des Balkans – der Region, in der Abramović aufgewachsen ist.

Doch wer hier nur Provokation erwartet, wird getäuscht. Abramović geht es nie um den schnellen Schock. Ihre Kunst zielt tiefer: auf Macht, Kontrolle, Verletzlichkeit. Auf das, was Menschen im Innersten bewegt – jenseits von Komfortzonen. Und das Konzept greift: Viele Besucher stehen minutenlang still vor den Werken, andere verlassen die Räume sichtbar nachdenklich.
In ihrer ersten Berliner Einzelausstellung seit den 1990er‑Jahren setzt sich die Künstlerin intensiv mit ihren eigenen kulturellen Wurzeln auseinander. Drei Themen ziehen sich durch die Ausstellung: Rituale, Tod und Erotik.
Erotik ist keine Frage des Alters
Der Deutschen Presseagentur erklärte Marina Abramović, warum sie sich diesem Thema erst jetzt so intensiv widmet. „Weil ich auf die 80 zugehe“, sagt sie und verweist darauf, dass Erotik keine Frage des Alters sei, sondern eine grundlegende Kraft. „Oft wird es so wahrgenommen, dass bei einer Frau alles Erotische aus ihrem Leben verschwindet, sobald sie in die Wechseljahre kommt. Ich möchte das Gegenteil beweisen.“
Die Künstlerin bezeichnet „Balkan Erotic Epic“ selbst als das persönlichste Werk ihres Lebens. Die Ausstellung ist noch bis zum 23.08. in Berlin.


