Die Temperaturen in Berlin knallen gerade runter. In der Nacht zu Freitag werden sogar Minusgrade erwartet. Für die vielen Obdachlosen, die in Berlin versuchen, auf den Straßen zu überleben, beginnen jetzt wieder die härtesten Zeiten. Seit dem 1. November fahren deshalb wieder die Kältebusse der Berliner Stadtmission durch die Stadt. Sie bringen obdachlose Menschen auf Wunsch in Notunterkünfte. Zwei Helfer erzählen, was sie dabei erleben.
Gefährlich wird es für Menschen in der Nacht, wenn die Temperaturen unter zehn Grad Celsius sinken, sagt Franzi. „Der Körper kühlt dann schnell aus, insbesondere wenn Alkohol getrunken wurde.“ Franzi ist in der Hauptstadt als Fahrerin eines Kältebusses unterwegs, seit sechs Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich in der Kältehilfe. Die 31-Jährige lädt zusammen mit ihrem Kollegen Matthias gespendete Schlafsäcke und Kannen mit heißem Tee in einen der drei Busse der Berliner Stadtmission.
Peter (57) ist zum ersten Mal obdachlos
Die Kältebusse fahren jeden Abend durch Berlin, sie bringen obdachlose Menschen auf Wunsch in eine Notunterkunft, damit sie nicht auf der Straße schlafen müssen. „Man findet eigentlich immer jemanden“, sagt Matthias. An diesem Abend ist es mit acht Grad verhältnismäßig mild. In sehr kalten Nächten klingele das Telefon im Callcenter im Minutentakt, erzählt Franzi.
Meldungen von Passanten über obdachlose Hilfebedürftige werden vom Callcenter in eine App übertragen. Auf einem Tablet können die Fahrer der Kältebusse den Standort des Betroffenen und erste Informationen sehen: Wer ist die Person? Wie ist sie ausgestattet? Wie geht es ihr?
Dann wird mit Farben priorisiert: Grün bedeutet, der Auftrag muss nicht sofort erledigt werden, weil die Person vielleicht im Warmen sitzt, zum Beispiel in einem Krankenhaus oder in einem Bankraum. Gelb ist dringend und Rot ist sehr dringend – „zum Beispiel, wenn die Person jetzt im T-Shirt und barfuß unterwegs wäre bei den Temperaturen“, sagt Matthias.

Franzi berichtet, sie versuche immer, Leute in Notunterkünfte in der Nähe ihres bisherigen Ortes zu bringen. „Oftmals haben die Leute ja so ihren Kiez.“ Ansonsten müssten sie am nächsten Tag sehr weit fahren.
Für Franzi ist es ihr vierter Winter als Fahrerin eines Kältebusses, sie studiert Soziale Arbeit und ist in der Suchthilfe tätig. „Menschen fallen so schnell aus der Gesellschaft“, sagt sie. Ihre Motivation ist es, diesen Menschen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind und ihnen ein bisschen Würde zurückzugeben. Manchmal bedeutet das nur, mit jemandem zu sprechen und zuzuhören.
Wie sein Leben im Moment aussehe, fragt Franzi den 57-jährigen Peter, den der Kältebus von einer Notunterkunft in eine andere bringt. Er wurde vor ein paar Tagen aus dem Krankenhaus entlassen und hat zum ersten Mal in seinem Leben keine Wohnung mehr. Er habe tagelang nur Wodka getrunken, erzählt er. Sozialarbeiter hätten ihn schließlich aufgegriffen und in eine Notunterkunft gebracht, in der er aber nicht bleiben könne, weil diese eher auf Menschen mit Drogensucht ausgelegt sei.
Peter ist nicht gut zu Fuß und kennt sich mit den Notunterkünften nicht aus. „Traurig“, antwortet Peter auf Franzis Frage, seine Stimme bricht. Die Leute seien geiziger, egoistischer geworden, findet er. „Das ist schwieriger für uns.“

„Unsere Gäste fühlen sich nicht gesehen“, sagt Franzi. Viele Menschen kennen das vielleicht von sich selbst, wenn sie mit der Bahn fahren und jemand um eine Spende bittet, „wie schnell man irgendwie genervt ist von den Leuten oder wie sehr man im Alltag an den Leuten vorbeirennt“. Was man nicht tun sollte? „Ich glaube, es gibt jetzt bei den Temperaturen gar nichts, was man nicht tun sollte, außer Vorbeigehen. Das sollte man nicht tun.“
Nicht jede Person, die im Kältebus mitfährt, teilt viel von sich mit. Menschen, die schon länger obdachlos seien, seien oft etwas zurückhaltender, sagt Franzi. Man müsse sie häufiger sehen, bis sie sich öffneten. „Unsere Arbeit geht auch viel über Beziehungsarbeit.“ Wer erst seit Kurzem auf der Straße lebe, erzähle häufig mehr. „Ich habe in diesem Bus schon gelacht, geweint, gesungen.“
Notunterkünfte seien „kein geiler Ort“, sagt Kältebus-Fahrerin Franzi
Die Anzahl der Menschen ohne Wohnung habe sich in den vergangenen Jahren seit Corona deutlich erhöht, sagt Franzi. „Weil Leute während Corona ihren Job verloren haben, die Miete nicht mehr zahlen konnten, psychische Erkrankungen ausgebrochen sind in der Zeit, Suchterkrankungen entstanden sind.“ Corona habe für einige Leute persönliche und existenzielle Krisen mit sich gebracht. Wer dann kein Netzwerk habe, werde nicht aufgefangen. Auch Hilfsangebote seien in der Zeit eingebrochen.
Ob eine Person auf das Angebot des Kältebusses eingeht, können die Helfer oft schon von weitem abschätzen, je nachdem wie viele Sachen sie hat und mit wie viel Essen und Getränken sie ausgestattet ist. Einen Lagerplatz zu verlassen beinhalte die Gefahr, dass die Sachen am nächsten Tag weg seien, weil Gepäck in die Unterkünfte nicht unbegrenzt mitgenommen werden kann. „So ein ganzer Einkaufswagen wird schon schwierig.“ Manche hätten auch schlechte Erfahrungen in Notunterkünften gemacht und nehmen deshalb lieber einen dicken Schlafsack von den Helfern.
Man müsse ehrlich sein: Notunterkünfte seien „kein geiler Ort“, sagt Franzi. In vielen Unterkünften schlafen Dutzende Menschen in einem Raum, durch Sichtschutzwände etwas abgetrennt. „Man darf auch nicht vergessen, was die Leute abends mitbringen. Die sind den ganzen Tag draußen, die sind der Witterung ausgesetzt. Das ist wahnsinnig anstrengend“, sagt Franzi. „Und dann knallen da auch Charaktere aufeinander und Nationalitäten.“ Aber es gibt Duschen, Toiletten, Kaffee und ein Frühstück am Morgen, bevor es wieder raus geht.





