Die Zeit nach der Wende, als rechte Gewalt plötzlich offen auftrat, als Skinheads durch Straßen zogen und viele wegschauten, prägte Berlin jahrelang. Jetzt holt das achtung berlin filmfestival diese verdrängten Erinnerungen zurück auf die Leinwand.
Retroperspektive „Der Nachhall der Baseballschlägerjahre“
Vom 16. bis 20. April zeigt das Lichtblick‑Kino in Prenzlauer Berg neun Filme, die sich mit der rechten Gewalt der 1990er Jahre in Berlin beschäftigen. Die Retrospektive fragt: Wie konnte es so weit kommen? Und: Ist es wieder soweit?

Nach dem Mauerfall war vieles unsicher. Arbeitsplätze verschwanden, Strukturen brachen weg, viele junge Menschen fühlten sich abgehängt. In diese Leere stieß der Rechtsextremismus. Es waren die Jahre von Hoyerswerda und Rostock‑Lichtenhagen, brennenden Flüchtlingsheimen und Baseballschlägern.
Filme, die weh tun – und wachrütteln
Den Auftakt machen drei Dokumentarfilme, die vielen Zuschauern noch lange nachgehen dürften:
Glaube, Liebe, Hoffnung von Andreas Voigt (1994)
Stau von Thomas Heise (1992)
Unsere Kinder von Roland Steiner (1989)
In den Filmen kommen Jugendliche zu Wort, die sich schon vor der Wende ausgegrenzt fühlten: Skinheads, Punks, Grufties. Sie sprechen über Wut, Perspektivlosigkeit und ihren Widerstand. Ein seltener Blick in eine Welt, die viele damals ausblendeten.
Von dort schlägt die Retrospektive den Bogen bis in die Gegenwart und zeigt, wie sich rechte Gewalt und Ideologien bis in unsere Gegenwart fortsetzen.
Gespräche statt Wegsehen
Besonders wichtig: Nach jedem Film wird gesprochen.
Mit den Regisseuren selbst, darunter Andreas Voigt, Roland Steiner und Aysun Bademsoy. Das Publikum soll fragen, diskutieren, erinnern.
Die Festivalleiter Regina Kräh und Sebastian Brose sagen klar: „Diese Filme sind unbequem. Aber genau das müssen sie sein. Erinnerung darf nicht gemütlich werden.“
Warum das gerade jetzt wichtig ist
Am Sonntag, 19. April, um 15 Uhr gibt es eine große Podiumsdiskussion mit Experten, die die Parallelen zwischen damals und heute offen benennen. Denn: Was früher schockierte, ist heute oft salonfähig. Rechtsextreme Straftaten nehmen stetig zu, aggressiver Nationalismus ist längst kein Randphänomen mehr.

Viele ältere Berliner wissen noch, wie schnell das Klima damals kippte, wie aus Frust Hass wurde und wie Gewalt plötzlich normal wirkte. Die Retrospektive will genau daran erinnern – und mahnen.
Filmfestival mit Tiefgang und Debatte
Jedes Jahr im April präsentiert das achtung berlin filmfestival rund 80 aktuelle Filme und Serien, die mit einer in Berlin oder Brandenburg ansässigen Filmproduktion oder einem Regisseur entstanden sind und in der Region gedreht wurden.
Große Produktionen haben hier ebenso ihren Platz wie Debütfilme, Abschlussarbeiten und kleine Fernsehspiele. Gefördert wird die Filmreihe vom Bezirksamt Pankow, unterstützt von der DEFA‑Stiftung und der Deutschen Kinemathek.


