Seit zehn Jahren öffnen die Menschen in dieser Stadt der professionellen Aufräumerin Vera Jansen-Cornette ihre Türen. Was sie dann sieht, nimmt sie zur Kenntnis, ohne zu urteilen. „Jeder von uns hat seine Macken“, sagt die Frau, der kaum etwas Menschliches fremd ist. Sie weiß, äußere und innere Ordnung lassen sich nicht voneinander trennen. Die, die sie rufen, sehnen sich nach Struktur.
Dinge auf verschiedenen Ebnen ordnen
Und so hat Vera Jansen-Cornette bereits in mehr als 600 Wohnungen die Schubladen ausgeräumt, die Kleiderschränke neu sortiert, im Keller Struktur eingeführt oder den Papiertiger gebändigt. Und damit auch auf einer anderen Ebene die Dinge neu geordnet.
„Am Ende sind alle meine Klienten glücklicher als vorher“, sagt sie über ihre Dienste, die sie als Aufräumerin in der Einraumwohung in Marzahn genauso anbietet wie in der Grunewald-Villa.
„Wenn man anfängt, sich mit dem Aufräumen zu beschäftigen, öffnet sich eine ganze Welt“, sagt Vera Jansen-Cornette. Und wenn man dem Ordnungsprofi zuhört, begreift man, wie sehr alles miteinander zu tun hat: Das Innen und das Außen. Die Wirkung und das Sein. Das Haben und das Brauchen. Aufräumen ist Philosophie.
Kein Wunder, dass Vera Jansen-Cornette dann Sätze sagt wie: „Erst geht das Verhältnis zu den Dingen verloren, dann das Verhältnis zu den Menschen.“ Man spürt sofort, dass sie in ihrem selbst erfundenen Beruf viel mehr anbietet, als nur aufzuräumen.
Für all ihre Einsätze gelte aber derselbe Grundsatz, man dürfe sich nicht wundern. Obwohl es natürlich jede Menge wunderliche Dinge hinter den Türen der Stadt gibt.
Da ist die Frau, die eine ganze zweite Wohung nur für ihre Kleidung anmietet. Oder die, die Unmengen sehr teurer Lebensmittel in Kisten an den Wänden ihrer Altbauwohung stapelt. Bis unter die Decke. Man müsste mal eine Party machen, sagt die Klientin und hat doch gar keine Menschen um sich, die sie einladen könnte.
Einsamkeit ist ein großes Thema
„Es gibt Menschen, die funktionieren nach außen hin perfekt. Aber sie bekommen das Chaos in ihrer Wohnung einfach nicht in den Griff“, sagt Jansen-Cornette. Es gebe Kunden, die trügen immense Veratwortung im Job, zu Hause aber hätten sie Angst, wenn sich der Heizungsableser ankündige.
Außenwelt und Innenwelt, Sein und Haben – die Wohnung und die Dinge, die man in ihr aufbewahrt, sind Spiegel der inneren Verfassung. Zwei Arten von Kunden gebe es, sagt Vera Jansen-Cornette. Die einen buchten die Aufräumerin wie einen Gärtner. „Sie haben alles im Griff. Die anderen haben ein Problem. Sie sind besonders interessant.“
Brüche im Leben rufen nach Neuordnung
Ordnung halten heißt, in Balance sein, ein Gleichgewicht finden. Oft wird der Wunsch nach einem neuen Gleichgewicht nach Brüchen im Leben laut. Viele Klienten wenden sich an Vera Jansen-Cornette, wenn eine Scheidung ansteht oder der Tod eines Angehörigen alles aufwühlt.
Dies sind die Anlässe, das persöniche Inventar auf den Prüfstand zu stellen. Und damit auch die eigene Beziehung zur Welt da draußen. „Für das Aufräumen braucht man Mut, Kraft und Ehrlichkeit. Am Ende befreit es“, weiß der Profi.

Warum Aufräumen anstrengend ist
„Viele Gegenstände, die wir über Jahre anhäufen, sind mit Emotionen oder teils schmerzhaften Erinnerungen behaftet, und man muss sich beim Aufräumen diesen Erinnerungen noch einmal stellen.“ Deswegen ist Aufräumen auch so anstrengend. „Viele meiner Kunden sind nach vier bis fünf Stunden völlig erschöpft, aber glücklich erschöpft. Aufräumen bedeutet, einen Schlussstrich zu ziehen und einen Neuanfang zu wagen. Man sollte übrigens nie hungrig eine Aufräumaktion starten.“
Wer viel kauft, muss viel aufräumen
Wer kennt das nicht: Wir häufen Dinge an, die dann beginnen, ihr Eigenleben zu führen. „Aufräumen müssen ist auch die Folge eines völlig aus dem Ruder gelaufenen Konsumverhaltens“, sagt die Aufräumerin. Wir kaufen, um zu sein. Um ein Bild von uns zu kreieren. „Doch auch ein Übermaß an Dingen vermag die innerliche Leere nicht zu füllen.“ Weniger ist mehr. Wer bewusst konsumiert, hat die halbe Aufräummiete schon gewonnen.
„Viele von uns haben verlernt, hauszuhalten. Ein schöner, alter Begriff“, sagt Vera Jansen-Cornette. Mit Geld, Zeit, Platz und Ressourcen besonnen umzugehen, ist eine Fähigkeit, die vieles leichter macht. Wozu benötigt der Vegetarier mehrere Steakpfannen? Hält die beste Freundin es nicht aus, wenn ich die von ihr geschenkte Tasse doch entsorge?
Im Prozess mit den Klienten scheut die Aufräumerin keine klaren Worte. „Aufräumen heißt auch, mit sich ins Gericht gehen.“ Man dürfe den Dingen nicht die Schuld geben. Sie sind lediglich die Projektionsflächen für die Gefühle ihrer Besitzer. Sich ihnen zu stellen, hilft, sich neu zu verorten. Wer sich dann entscheidet, einen Gegenstand zu behalten, hat alles Recht dazu.
„Etwas bewusst zu besitzen, ist etwas anderes, als der Sklave seiner Dinge zu sein. In Ihrer Wohnung sind Sie der Boss“, sagt der Coach. „Lassen Sie nicht zu, dass die Dinge die Macht übernehmen.“
Was andere scheuen, verschafft ihr Befriedigung
Vera Jansen-Cornette hat viele Ausbildungen, Studienabschlüsse in verschiedenen Richtungen. Am Gericht ist sie Schöffin, und auch alles, was mit Papieren und Regeln zu tun hat, macht sie einfach froh. Wovor andere sich scheuen, das ist ihr Metier.
Den Widerspruch gegen den Grundsteuerbescheid, die Unterlagen für die Steuererklärung zusammentragen, den ungünstigen Vertrag kündigen, auf dem Computer Ordnung schaffen: „Gerade für ältere Kunden dreht sich die Welt ganz schön schnell, es ist schwer, da hinterherzukommen.“
Als Senioren-Sekretärin bringt Jansen-Cornette auch Licht in den Papierdschungel. „Professionelle Schwiegertochter“ habe jemand sie schon einmal genannt. Oder „professionelle Patentante“ mit jeder Menge Lebenserfahrung, die sie mit einer herrlich zupackenden Art an den Mann und die Frau bringt. Wobei zu 90 Prozent Frauen die Aufräumerin buchen, aber das ist eine andere Geschichte von starren Rollenverteilungen.

Diese wohlmeinende Tante jedenfalls ist es auch, die dem erfolgreichen jungen Start-up-Gründer schon mal sagt, wozu diese Klappbürste unten am Staubsauger da ist, und dass man den Beutel ab und zu wechseln muss.
Womit wir doch wieder bei den Wunderlichkeiten der Menschen wären. Ordnung ist das halbe Leben, lautet der alte Spruch. Nach einem Treffen mit der Aufräumerin kribbelt es in den Fingern, man möchte sofort loslegen. Hier kommen die besten Sofort-Tipps für mehr Ordnung im Leben.
- Alle Dinge müssen ihren Platz haben, gibt es eine Struktur, ist es leicht, ihr täglich zu folgen.
- Räumen Sie nicht nach Zimmern auf, sondern nach Themen wie Kleidung, Bücher, Papiere, Kleinkram.
- Kaufen Sie bloß keine Ordnungsboxen.
- Ordnung ist einfach, wir machen sie bloß kompliziert, in der Natur ist alles ordentlich.
- Weniger ist mehr, konsumieren Sie bewusst.
- Aufräumen hat keine Konjunktur, es ist ein stetiger Prozess.
- Sagen Sie nie „ausmisten“, Sie haben die Dinge ja beschafft, das Wort Mist schafft eine Distanz, die nicht ehrlich ist. Lieber „freiräumen“ oder „glücklichräumen“ sagen.
- Räumen Sie nie mit leerem Magen auf, es ist anstrengend.
- Belohnen Sie sich nie materiell für das Aufräumen, etwa nach dem Motto „pro drei aussortierte Kleidungsstücke gönne ich mir ein neues“.
- Schmeißen Sie die Gebrauchsanweisungen weg. Alle.


