Manche hatten noch Jahre vor sich

Arzt entschied über Leben und Tod: Urteil gegen Johannes M. gefallen

Ein Berliner Palliativarzt wurde wegen 15 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht ordnete zudem Sicherungsverwahrung an.

Author - Tanja Tal
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Gegen den Arzt Johannes M., der mehrere Patienten zu Tode spritzte, wurde in Berlin vor Gericht jetzt das Urteil gefällt.
Gegen den Arzt Johannes M., der mehrere Patienten zu Tode spritzte, wurde in Berlin vor Gericht jetzt das Urteil gefällt.Pressefoto Wagner, zVg

Ein Arzt als Serienmörder. Johannes M. (41) nahm schwer kranken Menschen die letzte kostbare Lebenszeit. Das Gericht entschied auf Höchststrafe. Richterin Sylvia Busch: „Schuldig des Mordes an 15 Patientinnen und Patienten.“ Eine besondere Schwere der Schuld liege vor – eine Entlassung nach 15 Jahren Haft ist damit nahezu ausgeschlossen. Noch mehr: Das Gericht ordnete auch Sicherungsverwahrung im Anschluss an die Haftstrafe an. Und nie wieder soll er als Arzt tätig sein: Lebenslanges Berufsverbot.

Fall des Todes-Arztes erschüttert ganz Deutschland

Ein Fall, der bundesweit erschüttert. Es ist einer der größten Kriminalfälle Deutschlands. Gegen den Palliativarzt wird in noch weiteren 76 Fällen ermittelt – mit einer zweiten Anklage gegen M. wegen Patienten-Mordes wird noch in diesem Jahr gerechnet.

Die Richterin: „Patienten begaben sich in seine Hände – und er war derjenige, der sich über Leben und Tod erhob.“ Unfassbar sei die Motivlage des Palliativarztes, der schwer kranken Menschen helfen sollte: „Nicht aus Mitleid, nicht aus falsch verstandener Sterbehilfe oder Überforderung tötete er. Wir gehen davon aus, dass ihn ein Machtgefühl geleitete.“

Eine ungeheuerliche Serie. Mit dem Urteil folgte das Gericht dem Antrag des Staatsanwalts. Die Richterin: „Unfassbar die Anzahl – 15, er ist ein Serienmörder. Wahrscheinlich ist es nur die Spitze des Eisberges.“ Denn M. hatte in einem Telefongespräch seiner Frau anvertraut – „habe schon lange getötet“.

Todes-Arzt Johannes M.: Er galt als nett und hilfsbereit

Ein Arzt, der als sehr freundlich, nett, hilfsbereit galt. Nach seinem Studium in Frankfurt am Main und Tätigkeiten in Hessen und Nordrhein-Westfalen ging er 2020 nach Berlin. „Ich bin der dicke Arzt mit den Locken“, stellte er sich den Patienten vor. Die Richterin: „Er erschlich das Vertrauen von Patienten und Angehörigen, um zu töten.“ Bei einer Tat hatte er seinen damals 3-jährigen Sohn dabei.

Blick in den Gerichtssaal. Hier wurde am Mittwoch das Urteil im Fall des Palliativarztes Johannes M. verkündet.
Blick in den Gerichtssaal. Hier wurde am Mittwoch das Urteil im Fall des Palliativarztes Johannes M. verkündet.Pressefoto Wagner

Johannes M. spritzte Menschen tot, die ihm von September 2021 bis Juli 2024 als Arzt im Bereich der ambulanten Palliativversorgung erst in einem Team in Tempelhof, dann in Kreuzberg anvertraut waren. Die Opfer: das Jüngste 25 Jahre alt, das Älteste 94. Getötet mit einer Mixtur, die zum Atemstillstand führt. In mehreren Fällen legte er Feuer – um Spuren zu verwischen.

Patienten des Todes-Arztes hatten noch Jahre vor sich

Patienten, die nicht im Sterben waren. Die Richterin: „Sie hatten noch Wochen, Monate oder Jahre vor sich.“ Sie hatten noch Hoffnung und Pläne. Die Einschulung des Enkels feiern, eine Reise zur Schwester, sich auf eine neue Therapie einlassen. Die Mutter des jüngsten Opfers weinte im Gerichtssaal bittere Tränen um ihre Tochter: „Nie hat sie gesagt, dass sie sterben will.“

Der Angeklagte Palliativarzt Johannes M. hat sich auch am Tag der Urteilsverkündung nicht vor Gericht vorführen lassen.
Der Angeklagte Palliativarzt Johannes M. hat sich auch am Tag der Urteilsverkündung nicht vor Gericht vorführen lassen.Pressefoto Wagner

Anfang August 2024 wurde M. verhaftet. Ein Jahr lief der Prozess. Mehr als 200 Zeugen – Hinterbliebene, Pflegekräfte, Polizisten, Feuerwehrleute und Sachverständige – wurden befragt. Erst kurz vor dem Ende brach „Dr. Mord“ sein Schweigen.

Ein Geständnis am 54. Verhandlungstag: „Ich habe Menschen getötet. Nach jeder Tat dachte ich: Das muss aufhören.“ Eine Aussage voller Selbstmitleid: „Ich habe immer mehr Grenzen überschritten und mich dafür immer mehr gehasst.“

Wahllos brachte der Arzt seine Patienten um

Zwölf Morde gab er zu: „Bei allem habe ich gedacht, das sei das Beste für alle.“ Er habe sich eingeredet, das Richtige zu tun und Patienten „Leid und Siechtum“ zu ersparen. Eigenmächtig habe er gehandelt. „Ich bitte die Hinterbliebenen in aller Form um Entschuldigung.“

Mitleid als Motiv? Oder Überforderung? Die Richterin: „Dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Wahllos hat er Patienten umgebracht. Mit Sterbehilfe haben diese Taten nichts, aber auch gar nichts zu tun. Alle wollten leben.“