Es war ein tragischer Unfall, der eigentlich ein Weckruf sein sollte: Mitte April ist ein 14-jähriges Mädchen bei einem E-Scooter-Unfall in Britz ums Leben gekommen. Sie stand gemeinsam mit einer Freundin auf dem Gefährt und querte eine rote Fußgängerampel, als sie von einem alkoholisierten Fahrer fatal erwischt wurde. Nur wenige Tage später stürzten in Charlottenburg zwei 13‑jährige Jungen mit einem E‑Scooter, einer von ihnen erlitt schwere Kopfverletzungen. Leider waren sie längst nicht die einzigen jungen Unfallopfer mit E-Scootern, wie aktuelle Zahlen belegen.
Fast die Hälfte der E-Scooter-Unfälle passiert Jugendlichen
Laut Berliner Polizei gab es 2025 rund 1400 Unfälle mit E‑Scootern in der Hauptstadt, ein Plus von 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Beunruhigend ist: Fast die Hälfte aller Unfallopfer war jünger als 25 Jahre. Der Unfallforscher Siegfried Brockmann von der Björn‑Steiger‑Stiftung hält das für alarmierend. „E‑Scooter sind gefährlicher, als man glauben könnte“, sagt er gegenüber rbb24. Vor allem junge Fahrerinnen und Fahrer unterschätzten Tempo und Instabilität der Fahrzeuge.

Studien zeigen zudem: Fast die Hälfte aller Unfälle passiert ohne andere Verkehrsteilnehmer. Meist handelt es sich um Stürze durch Hindernisse, Wegrutschen oder Alkoholeinfluss. Brockmann sieht ein zentrales Problem in den sehr kleinen Rädern der Roller und fordert größere Modelle – dafür brauche es aus seiner Sicht kein Gesetz. Gleichzeitig hätten Scooter‑Fahrer ähnliche Probleme wie Radfahrer: fehlende Radwege und gefährliche Kreuzungen.
Warum braucht man keine Fahrerlaubnis für E-Scooter?
Ab 2027 gelten zwar strengere Regeln – allerdings nur für neu zugelassene E‑Scooter. Sie müssen dann mit Blinkern ausgestattet sein. Das Fahren zu zweit wird mit 25 Euro Verwarngeld geahndet. Brockmann erwartet davon wenig Sicherheitsgewinn. Entscheidend seien Kontrollen. Diese fänden jedoch „in der Regel gar nicht“ statt.
Zwar überprüft die Berliner Polizei E‑Scooter, fasst die Verstöße jedoch gemeinsam mit Segways und E‑Tretrollern zusammen. Wie oft etwa das verbotene Fahren zu zweit kontrolliert wird, bleibt unklar. Zwischen Januar 2025 und Ende Februar 2026 wurden rund 6800 Verstöße erfasst – darunter Rotlichtmissachtung, Handynutzung sowie Alkohol‑ und Drogenfahrten.

Für den Unfall-Experten Brockmann ist auch problematisch, dass man für E‑Scooter keine Fahrerlaubnis benötigt, obwohl sie rechtlich als Kraftfahrzeuge gelten. Er fordert mindestens eine Mofa‑Prüfbescheinigung.
Petition fordert mehr Jugendschutz und klare Regeln
Kurz nach dem Tod der 14-Jährigen hat Physiotherapeut und Familienvater Adam Olichwer eine Online‑Petition mit dem Titel „Sicherheit vor Profit, Stopp dem Scooter‑Chaos in Berlin“ gestartet. Innerhalb weniger Wochen sammelte er bis Anfang Mai rund tausend Unterschriften.

Olichwer fordert strengere Zugangsregeln zu E‑Scootern. Jugendliche könnten das Mindestalter zu leicht umgehen, etwa durch falsche Geburtsdaten und einfache Bezahlmöglichkeiten. In seiner Petition fordert er daher eine Anmeldung nur mit Ausweis.
„Wenn man selbst Kinder hat, denkt man: Das könnte auch unser Kind sein. Das tut weh“, beteuert Olichwer gegenüber rbb24. Als Physiotherapeut sieht er regelmäßig, welche schweren körperlichen Folgen Stürze mit E‑Scootern haben können. Der Tod der Schülerin sei für ihn ein „Weckruf“ gewesen.
E-Scooter auch für Erwachsene gefährlich
Natürlich sind auch ältere Verkehrsteilnehmer auf E-Scootern dem Straßenverkehr ziemlich schutzlos ausgeliefert. Anfang dieser Woche kam eine 59-Jährige nach einem Unfall mit einem E-Scooter ums Leben. Polizeiinformationen zufolge soll sie einem Pkw die Vorfahrt genommen haben – der nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte.

Die Frau wurde auf der Schützenstraße in Richtung Friedrichstraße an der Kreuzung zur Charlottenstraße von einem Auto angefahren, stürzte zu Boden und verlor ihr Bewusstsein. Alarmierte Rettungskräfte brachten sie mit dem Verdacht eines Schädel-Hirn-Traumas in ein Krankenhaus. Dort ist sie nach drei Tagen schließlich ihren Verletzungen erlegen.
Warum müssen E-Scooter-Fahrer keine Helme tragen?
Im Fall der 59-jährigen Frau und auch im Fall des 14-jährigen Mädchens hätte ein Helm vielleicht einen Teil der Verletzungen auffangen können. Doch wer bei einem der Berliner Anbieter einen E-Scooter mietet, bekommt keinen Helm dazu. Den müsste man theoretisch immer selbst mitbringen.
Denn auf den E-Scootern, die immerhin 20 Kilometer pro Stunde schnell fahren dürfen, besteht keine Helmpflicht. Wieso? Immerhin kann man sich bei einem Sturz mit dieser Geschwindigkeit auch schon ordentlich verletzen. Die einfache Antwort: Die Straßenverkehrsordnung (StVO) schreibt eine Helmpflicht nur für Fahrzeuge vor, die schneller als 20 km/h fahren oder als Kraftrad gelten.



