Zahlreiche Fahrzeuge bewegen sich Abend im Feierabendverkehr über das Autobahndreieck Funkturm in Berlin; links verschwindet die A100 und rechts die Avus in Richtung Potsdam. Rainer Jensen/dpa

Und auf einmal ist der Funkturm da. Wer mit dem Auto von Westen nach Berlin fährt, kennt diesen Augenblick. Auf der Avus. Wenn wie aus dem Nichts der Funkturm aus den Baumkronen des Grunewalds zu ragen scheint. Dann ist das Ziel nicht mehr weit. Gemächlich weiter, mit Tempo 100. Wie anders war das früher: Als die Avus eine der bekanntesten Auto-Rennstrecken Deutschlands war. Doch 100 Jahre nach ihrer Inbetriebnahme weht in Berlin ein anderer Wind.

PS-geladener Temporausch, das passt für viele nicht mehr in die Zeit. Lauter werden in der Stadt die, die das Auto zurückdrängen, wenn nicht sogar verdammen wollen. Dabei gibt es auch heute noch in der Stadt Autobahnbau - und die Avus, sie wird häufig als die erste Autobahn bezeichnet.

Lesen Sie auch: ACHTUNG! Dieser neue Trick der Auto-Diebe ist so simpel – mit einer Plastikflasche >>

Von der Tribüne nahe dem Dreieck Funkturm hat man den besten Blick. Schnurgerade kommt die heutige A115 aus dem Grunewald. Am Rasthof Avus - mit rundem Turm und Mercedes-Stern - mündet sie in die Stadtautobahn. Dort stand die spektakuläre - und lebensgefährliche - Steilkurve, gemauert aus Ziegelsteinen.

Als Autobahn war die Avus eigentlich nicht gedacht

„Ich liebte den unglaublichen Krach, den die Motoren machten“, erinnert sich Reinhard Mey. Von den scheppernden Lautsprecherstimmen und dem Geruch des Rennmotoröls mit Rizinus schwärmt der Sänger im Jubiläumsband „Perspektive Avus“. „Wenn ich heute an der Tribüne vorbeifahre, dann ist dieser Duft wieder da, ganz deutlich.“ Vielen Berlinerinnen und Berlinern wird es so gehen wie dem 78-Jährigen.

Als Autobahn war sie nicht gedacht, der Zweck der Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße (Avus) war ein anderer. Als in Berlin noch vor allem Droschken fuhren, trieben reiche Autobesitzer den privat finanzierten Bau der Teststrecke nur für Autos voran, am 24. September 1921 wurde sie eingeweiht. Bis 1940 blieb sie Privatstraße, bis zum Anschluss an den Berliner Ring.

Lesen Sie auch: Wein, Bier oder Schnaps – was macht schneller betrunken und was macht wie dick? >>

Tony Brooks (vorn links, Nr. 4) und Dan Gurney (Nr. 6), beide auf Ferrari, starten in der ersten Reihe zum zweiten Lauf der Formel 1 um den Großen Preis von Deutschland am 2. August 1959 auf der Berliner Avus.  Konrad Giehr/dpa

Als Roger Moore alias James Bond im Film „Octopussy“ über die Ausfahrt Hüttenweg vor der Berliner Polizei flüchtete, war die Avus längst ein Mythos, die Zeit der großen Rennen vorbei - auch wenn sie noch bis 1998 immer wieder für Wettkämpfe gesperrt wurde. Für West-Berliner bedeutete Avus nach Transit-Strecken und Kontrollen immer auch: nach Hause kommen.

Legale Autorennen kennt Berlin heute nur noch ohne Benzingeruch, als E-Auto-Wettstreit auf dem Tempelhofer Feld. In der Stadt sind das Auto und ihre Fahrer in die Defensive geraten, der vollen Straßen und des Klimawandels wegen. Besonders schmutzige Fahrzeuge dürfen schon lange nicht mehr in die Innenstadt, Parkgebühren werden an immer mehr Straßen fällig.

Lesen Sie auch: Der Horror-Crash, der Fabien tötete: „Ich konnte gerade noch in eine Parklücke springen“ >>

Immer wieder wird in der Stadt auch über eine City-Maut diskutiert, damit Pendler in Züge umsteigen. Aktivisten eines Volksbegehrens sammeln Unterschriften dafür, Menschen nur noch zwölf private Autofahrten pro Jahr zu erlauben. Und der Weiterbau der A100 in Neukölln und Treptow stößt immer wieder auf Proteste. Kaum vorstellbar, dass der zu Mauer-Zeiten im Westen erdachte „Stadtring“ jemals geschlossen werden könnte.

Hamid Djadda, Unternehmer und Bauherr der Avus Tribüne, steht auf der Baustelle der ehemaligen Tribüne an der Avus.  Christophe Gateau/dpa

Der Verband der Automobilindustrie zog mit seiner Messe IAA von Frankfurt lieber nach München als nach Berlin - zu groß die Sorge, dass es in der Hauptstadt zu wenig Rückhalt geben könnte.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) erinnert in einem Avus-Grußwort an die lange Liste großer Rennfahrer, fügt aber hinzu: „Lang ist leider auch die Liste derjenigen, die dem Geschwindigkeitsrausch zum Opfer gefallen sind.“ Der Senatschef verweist auf die heutige Höchstgeschwindigkeit 100: „Gerade flott genug, um über den Charme des Autorennsports zu sinnieren, ohne ihm jedoch zu verfallen.“

Avus soll verlegt werden

Eine zentrale Geburtstagsfeier für die Avus gibt es in Berlin nicht. „Ein bisschen betrübt“, sei er darüber, sagte Reinhard Naumann, der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf. „Ich finde, 100 Jahre Avus gehört stärker in das Bewusstsein der Stadt.“ Doch Silberpfeile, Borgwards und andere Rennautos - sie sind zum Jubiläum nicht in Berlin ausgestellt, sondern in einem privaten Museum in Niedersachsen.

Lesen Sie auch: Die Plattenbauten an der Wilhelmstraße in Berlin-Mitte: Jetzt kommt ein Stück DDR unter Denkmalschutz >>

Aus dem Bundesland kam vor zehn Jahren auch Hamid Djadda nach Berlin. Der Unternehmer ist zu einer Art Sachwalter des Erbes der Avus geworden. Er kaufte die Tribüne, die seit dem letzten Rennen 1998 verfiel. Djadda ließ den „Schandfleck“ sanieren und warb Mieter für Räume unter den Sitzreihen an.

Die Teilnehmer der Fahrraddemo von Extinction Rebellion aus Potsdam für eine schnelle Verkehrswende und die Einrichtung von Fahrradautobahnen nach Berlin werden über die Avus in die Innenstadt fahren.  Michael Kappeler/dpa

Bald aber wird die Tribüne nicht mehr an der Avus stehen. Nicht die Tribüne weicht, sondern die Autobahn. Sie wird verlegt, wenn das marode Dreieckfunkturm umgebaut wird. Frühestens 2023 soll es damit losgehen. Mindestens sieben Jahre lang wird bei fließendem Verkehr neu gebaut.

Djadda findet es nicht schlimm, wenn die Avus künftig 40 Meter von der Tribüne entfernt verläuft. Zwar ist dann der Blick aus seinem neuen Veranstaltungssaal hinter getöntem Glas nicht mehr ganz so eindrucksvoll. Dafür darf er dann die Sitzreihen als Ausstellungsfläche nutzen, etwa um Autos zur Schau zu stellen. „Die verrottete Tribüne war ein Rohdiamant“, sagt Djadda. Solche habe Berlin noch viele.