Baukulturell wertvoll: Die Plattenbauten an Wilhelmstraße in Mitte. Foto: Imago

Es war das letzte Promi-Viertel der DDR: Katharina Witt, Günter Schabowski und Gregor Gysi wohnten hier, später zogen auch Angela Merkel oder der Dichter Rolf Hochhuth in den Kiez. Jetzt hat das Landesdenkmalamt Berlin die Plattenbauten an der Wilhelmstraße in Mitte unter Denkmalschutz gestellt. Das teilte die Senatsverwaltung für Kultur am Montag mit. Die Gesamtanlage sei „aus geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Gründen“ denkmalwert, heißt es zur Begründung.

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Das Wohnquartier an der Wilhelmstraße zwischen Behrenstraße und Voßstraße war von 1987 bis 1992 entstanden. Das Projekt ging zurück auf die im Ostteil der Stadt beheimatete Baudirektion Hauptstadt Berlin des damaligen DDR-Ministeriums für Bauwesen unter Leitung von Erhardt Gißke. Nach den Plänen von Chefarchitekt Helmut Stingl entstanden neben Wohnungen für 4000 Menschen zahlreiche Geschäfte, Gaststätten und Dienstleistungsangebote. Ein Teil der Wohnungen wurde erst nach der Wiedervereinigung fertiggestellt.

Das Viertel an der Wilhelmstraße, die auf Ost-Berliner Seite von 1964 bis 1993 den Namen Otto-Grotewohl-Straße trug, unterscheidet sich laut Kulturverwaltung in vielerlei Hinsicht von anderen Plattenbau-Quartieren im Osten: „Die hier verwendeten Platten der Wohnungsbauserie 70 (WBS 70) boten mehr Spielräume für eine flexible Gestaltung der Häuser außen und innen“, heißt es in der Mitteilung der Behörde. Mit Erkern, Balkonen, Gauben und Loggien spielten die freistehenden, sich um Höfe gruppierenden Gebäude auf die barocken Palais an, die im 18. Jahrhundert die Wilhelmstraße säumten.

Wohnungen für die politische und gesellschaftliche Prominenz

Die ungewöhnlich großen Wohnungen waren zu Zeiten der deutschen Teilung der gesellschaftlichen und politischen Führungsebene der DDR vorbehalten. Hier wohnten zum Beispiel Günter Schabowski, der erste Sekretär der SED-Bezirksleitung von Ost-Berlin, Kurt Hager, einflussreicher Kulturpolitiker im Staatsrat der DDR, und Heinrich Scheel, Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Die Lage direkt an der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin, in unmittelbarer Nähe zum Brandenburger Tor, spielte eine große Rolle: „Das einen Steinwurf von der Grenze entfernte Quartier war ein wichtiger Baustein im Wettbewerb der politischen Systeme“, erklärt Landeskonservator Christoph Rauhut. „Als Leuchtturmprojekt der Ost-Berliner Hauptstadtplanung setzte es die Leistungsfähigkeit und Qualität des großen Wohnungsbauprogramms der DDR in äußerst prominenter und historisch aufgeladener Lage öffentlichkeitswirksam in Szene.“

Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) begrüßt die Unterschutzstellung. „Ich freue mich über die Entscheidung, die Bebauung an der Wilhelmstraße als Spätwerk des DDR-Städtebaus unter Denkmalschutz zu stellen“, sagt er. „Hierdurch wird auch ein strukturell bezahlbarer Mietwohnungsbau erhalten, der nachhaltig einen Beitrag zu einer sozial gut gemischten Bevölkerungsstruktur in der Berliner Mitte leistet.”

Bis auf einen Abriss ist das Wohnquartier an der Wilhelmstraße bis in die Details weitgehend im Ursprungszustand erhalten.