Nationalspieler werden – Jungs, die gerade ihre ersten Schritte als Fußball-Steppkes gehen, träumen davon. Dass dieser Traum für die allermeisten nicht in Erfüllung gehen kann, blenden die Kleinen natürlich aus. Einige wenige nur erfüllen ihn sich doch. Wieder einige schaffen es noch ziemlich spät. Auf den letzten Drücker. So wie einst bei Kevin Behrens mit 32. Hin und wieder klappt das sogar erst über Umwege. So wie bei Rani Khedira, Mittelfeldchef des 1. FC Union Berlin. Auch er ist 32, will aber länger bleiben als Behrens, bei dem nach einer Partie und wenigen Minuten schon wieder Schluss war.
Warum Tunesien jetzt auf Union-Star setzt
Für ein Durchstarten in einem Nationalteam ist ein derartiges Alter nicht mehr die vielversprechendste Basis. Dem will Khedira jedoch trotzen. Im Nachwuchs hat es bei ihm in deutschen Nationalteams von den 15- bis 19-Jährigen zu 13 Länderspielen gereicht. Der letzte Einsatz dort liegt auf den Tag genau 13 Jahre zurück. Am 25. März 2013, nach einem 2:0 gegen die Ukraine, zog Khedira das Trikot mit dem Bundesadler aus. Nun steht fest: für immer.

Vor dreieinhalb Jahren, vor der Weltmeisterschaft in Katar, hätte es die Wende geben können. Nach starken Leistungen bei den Eisernen standen Khedira und Robin Knoche im vorläufigen Kader von Bundestrainer Hansi Flick. Doch dieser Kader umfasste 55 Spieler. Als die Spreu vom Weizen getrennt wurde, war für keinen der beiden im DFB-Team letztlich Platz. Das war’s dann.
Vom DFB ignoriert – jetzt WM-Hoffnung
Während Knoche, beim 1. FC Nürnberg erst Kapitän, dann jedoch ausgebootet und zu Zweitliga-Konkurrent Arminia Bielefeld abgeschoben, seine beste Zeit hinter sich hat, eröffnet sich Khedira die Chance, doch noch Nationalspieler zu werden. Nicht für das DFB-Team, das am Freitag in Basel gegen die Schweiz und am Montag in Stuttgart gegen Ghana für die WM testet, sondern für Tunesien. Es ist das Land seines Vaters Lazhar. In Toronto geht es gegen Haiti, in Orlando gegen Kanada. So oder so wird es für ihn ein Meilenstein, bevor im Sommer die WM lockt. Es ist ein Karriere-Kunststück.

Ein Blick in die Historie zeigt, wie sich das Bild eines Nationalspielers gewandelt hat. Die Grenzen sind offener geworden, für welchen Verband jemand spielt. Ob für das Land seiner Mutter oder seines Vaters, ob für das, in dem er geboren wurde oder das, dessen Pass er hat. Rani Khedira, der sowohl die deutsche wie die tunesische Staatsbürgerschaft besitzt, hatte Glück. Sein tunesischer Pass war zwar abgelaufen, aber noch keine zehn Jahre. Deshalb durfte er ihn in Berlin aufleben lassen und nicht etwa in Tunis.
Familiengeschichte schreibt neue Kapitel
Hin und wieder gibt es die interessantesten Geschichten und verrückteste Wendungen, wie und für wen jemand Nationalspieler wird. Dass Luis Monti in zwei WM-Endspielen stand, dort aber für zwei verschiedene Länder zum Einsatz kam – 1930 verlor er mit Argentinien gegen Uruguay, 1934 gewann er nach seiner Einbürgerung mit Italien gegen die Tschechoslowakei –, bleibt für immer einmalig und ist nur dem Einfluss eines gewissen Benito Mussolini geschuldet. Dass indes Brüder – Sami, der ältere der Khediras, wurde 2014 mit Deutschland Weltmeister – für zwei verschiedene A-Teams auflaufen, ist ein Ergebnis der modernen Zeit.
Der deutsche Fußball kennt dieses Phänomen. Während Jerome Boateng für das DFB-Team spielte, sein (Halb-)Bruder Kevin-Prince aber für Ghana, das Land seines Vaters, ist noch gar nicht so lange her. 2010 und 2014 trafen beide bei WM-Turnieren sogar aufeinander. Ein Familien-Duell gab es auch bei der EM 2016 zwischen der Schweiz und Albanien. Bei den Eidgenossen gab mit Granit Xhaka ein auch in der Bundesliga bekannter Mann den Ton an, die Skipetaren boten mit Taulant Xhaka seinen anderthalb Jahre älteren Bruder auf. Eine ähnliche Konstellation verbindet ebenso die Brüder Christian und Massimiliano Vieri. Während Christian, der Ältere, in Italien ein Stürmer-Ass wurde und in 49 Länderspielen für die Squadra Azzurra 23 Tore erzielte, lief Massimiliano in sechs Länderspielen für Australien auf.



