Dirk Zingler auf der Gegengerade des Stadions An der Alten Försterei. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Dirk Zingler, 56, ist seit 2004 Präsident des 1. FC Union. Und seit 2019 ist er mit seinem Klub da, wo er immer hinwollte: in der Bundesliga. Für das Interview und das Fotoshooting mit dem Berliner Kurier hat er sich einen Nachmittag Zeit genommen. Es gibt viel zu besprechen nach einem Jahr, in dem Union nicht nur wegen des sportlichen Erfolgs in den Schlagzeilen war.

Herr Zingler, ihre Mannschaft macht gegen den FC Bayern ein herausragendes Spiel, bringt den Rekordmeister an den Rand einer Niederlage – und Sie sind im Fernsehbild mit einer ziemlich finsteren Miene zu sehen. Es war ein Bild, das aus meiner Sicht in Bezug auf den 1. FC Union ein ganzes Jahr widerspiegelte. Was ging während dieser 90 Minuten in Ihnen vor?

Freude spürt man besonders stark, wenn man sie teilen kann. Wenn man schöne Erlebnisse, tolle Ereignisse mit der Familie und mit Freunden gemeinsam wahrnimmt. Und beim Bayern-Spiel war es schon so, dass man sich im Besonderen in der ersten Hälfte die Augen gerieben und sich gefragt hat: Wow, was ist hier denn los? Aber dann ist da keiner, mit dem man darüber reden, mit dem man sich austauschen kann. Das, was wir in sportlicher Hinsicht beim 1. FC Union gerade erleben, ist gut für den Klub, immerhin erleben wir gerade die erfolgreichste Phase in der Klubgeschichte, aber es ist schon bitter, dass wir das momentan alleine im Stadion erleben müssen.

Verstärkt der sportliche Erfolg mitunter sogar noch den Kummer, den die Corona-Pandemie auch beim 1. FC Union ausgelöst hat? Immerhin können die Fans am schon fast unheimlichen Lauf ihrer Mannschaft nicht wirklich teilhaben.

Sportlicher Erfolg erzeugt keinen Kummer. Eher die Vorfreude auf den Tag X, wenn die Menschen wieder ins Stadion zurückkommen dürfen. Wir haben gegenüber vielen anderen Veranstaltern das Privileg, dass wir unser Glück derzeit zumindest mit den Menschen am Fernseher, am Radio oder über die Medien teilen können. Es wird den Tag nach Corona geben, und deshalb ist es gut, dass wir zurzeit sehr erfolgreich sind. Somit steigen die Chancen, dass wir auch in der nächsten Saison in der Bundesliga spielen. Und wenn es irgendwie geht, wieder mit Menschen im Stadion.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Dirk Zingler

… wird am 23. August 1964 in Königs Wusterhausen geboren und ist Fußballfunktionär und Unternehmer.

… ist seit Juli 2004 Präsident des 1. FC Union und hat den Klub nach dem Abstieg in die Oberliga in der Saison 2004/05 zurück in den Profifußball geführt. Im Sommer 2019 erfüllte sich für ihn nach elf Jahren in der Zweiten Liga der Traum vom Aufstieg in die Bundesliga.

… arbeitet seit 1995 als selbstständiger Unternehmer in der Logistikbranche.

… lebt in Köpenick und ist Vater von drei Kindern.

Was war der beste Moment, den Sie in diesem Jahr erlebt haben?

Ich weiß gar nicht, ob es diesen einen Tag, diesen einen Moment gibt. Aber wenn ich mich in meiner Funktion als Präsident tatsächlich festlegen soll, dann ist es der Tag, an dem wir im Spiel gegen Paderborn den Klassenerhalt klargemacht haben. Es war ein lustiger Tag, ein Tag, an dem wir uns auch ein bisschen was erlaubt haben. Wir haben unsere Freude geteilt, unseren Spaß gehabt.

Und dann etabliert sich Union so schnell in der Bundesliga, wie es kaum einer zu hoffen gewagt hat ...

Mich macht dieses Jahr 2020 tatsächlich ein bisschen stolz, weil der Klub den Beweis erbracht hat, dass er für die Bundesliga bereit war. Und zwar der ganze Klub. Wenn das nicht der Fall ist, geht es auch schnell wieder nach unten. Es reicht ja nicht aus, dass 35 Fußballer den Aufstieg schaffen, der Klub diesen nächsten Schritt aber nicht mitgehen kann. Und bei uns waren alle auf den Punkt da, nachdem wir uns über Jahre hinweg in der Zweiten Liga auf diesen Moment vorbereitet hatten. Das gilt für den Bereich Merchandising, für den Bereich Veranstaltungen, für den Bereich Sponsoring, für die ganze Organisation. Ich bin wirklich stolz auf die Menschen im Verein. Wir waren sofort in der Lage, die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die die Bundesliga bietet, zu nutzen. Nur so hat man die Chance, sich in der Bundesliga zu etablieren. Wir wachsen in den Bereichen, in denen es trotz Corona möglich ist. Das passiert alles nur, weil wir tolle Mitarbeiter haben.

Und welcher Moment war der düsterste?

Das war schon der Lockdown im März, als das Heimspiel gegen den FC Bayern abgesagt wurde. Keiner wusste, was passiert gerade, was ist das für ein Virus, wie lange dauert das. Wenn dir als Organisation der Boden unter den Füßen weggezogen wird, denn Fußball spielen ist der Kern unseres Seins, dann ist das schon bitter. Glücklicherweise können wir heute wieder unserer Arbeit, nämlich Fußballspielen, nachgehen. Vielen anderen in der Kultur, Gastronomie und Veranstaltungsbranche ist das bis heute nicht möglich.

Wie hoch sind die Einbußen, die der 1. FC Union im Kalenderjahr 2020 aufgrund von Corona macht?

In den Bereichen, in denen wir etwas tun können, sind wir gut, das habe ich ja bereits erwähnt. In den Bereichen, in denen wir nichts tun können, können wir nicht beweisen, dass wir gut sind. Das betrifft die Zuschauereinnahmen, das betrifft unser Catering, das betrifft unsere VIP-Bereiche an Spieltagen. Wir hatten in den letzten Jahren über 250 Veranstaltungen pro Jahr in unserem Stadion. Diese Umsätze fehlen uns letztlich seit März komplett. Auf so etwas kannst du dich als Unternehmer nicht vorbereiten. Du kannst Reserven bilden, nachhaltig arbeiten, was ja gerne mal gefordert wird, und Rücklagen bilden für schlechte Zeiten. Aber du kannst dich als Unternehmen nicht darauf einstellen, dass dir auf ungewisse Zeit große Bereiche deiner Einnahmen fehlen. Das ist dramatisch.

Für den einen oder anderen Verein gleichwohl noch dramatischer als für den 1. FC Union.

Unser Verein hatte sicherlich den Vorteil, dass wir aus einer Zweitliga-Kosten-Struktur in eine Erstliga-Einnahmen-Struktur gekommen sind. Deshalb können wir wirtschaftlich mit dieser Krise bestimmt noch etwas stabiler umgehen als Vereine, die seit Jahren in einer Erstliga-Ausgaben-Struktur waren. Wir hatten noch geringere Ausgaben, aber schon höhere Einnahmen. Trotzdem werden wir im Kalenderjahr 2020, über beide Spielzeiten, auf Grund der Umsatzausfälle über zehn Millionen Euro Verlust schreiben.

Was Ihnen aber noch keine schlaflosen Nächte bereitet, oder doch?

Es ist eine Herausforderung. Wir hatten ausreichende Kreditlinien, die nicht in Anspruch genommen waren. Zum Teil haben unsere Banken Linien erweitert. Es zahlt sich heute auch aus, dass wir auf unserem Weg in die Bundesliga unser Tafelsilber nicht aus der Vitrine genommen haben. Unsere Zuschauer-, Sponsoring-, Cateringeinnahmen oder sonstigen clubeigenen Rechte gehören uns und bilden heute eine hohe stille Reserve. Und das sehen natürlich auch die Banken, die uns seit Jahren begleiten. Wir werden die Krise in der Unionfamilie gemeinsam meistern. Dazu tragen alle bei, unsere Mitglieder, die Zuschauer, die Dauerkarten gekauft haben, unsere Sponsoren, unsere Banken und Partner.

Im Frühjahr gab es ja auch bei Union die Diskussion über einen Gehaltsverzicht der Profis. Wie ist aktuell dahingehend der Stand der Dinge? Sind die Profis zum Verzicht bereit?

Ich bin mit dem Mannschaftsrat im offenen Austausch. Wenn der Ausschluss von Zuschauern weiter fortwähren sollte, werden wir uns sicherlich zusammensetzen. Ich möchte so etwas aber nicht aus politischen, sondern nur aus sachlichen Gründen machen. Was ich dazu aber noch mal sagen möchte: Wir haben eine dufte Truppe, die sich sehr wohl solidarisch erklärt und dementsprechend auch handelt. Wenn es notwendig sein wird, werden wir uns hinsetzen und darüber reden. Das Wertvollste, was unsere Profis für den Club tun können, ist erfolgreich Fußball zu spielen. Und das tun sie gerade herausragend.

Sie haben in der ersten Welle von Torsten Scholz berichtet, einem Bäckermeister, der an sich bei den Heimspielen Tausende Brötchen geliefert hat. Wie ist der Austausch mit diesen Menschen, deren berufliches Schicksal mit dem Schicksal des 1. FC Union verknüpft ist?

Der Schock und die Problematik waren im März sicherlich größer, weil keiner wusste, was passiert und von einem auf den anderen Tag Einnahmen weggebrochen waren. Und unsere Partner haben sich in den vergangenen Wochen auch mit der Situation arrangiert, haben sich angepasst, haben versucht, Lösungen zu finden. Wenn es aber irgendwo eng werden sollte, werden wir darauf achten, dass niemand aus unserem Umfeld oder unserem Lieferantenkreis seinen Betrieb abmelden muss. Wir werden bereit sein zu helfen. Und natürlich sind wir mit unseren Partnern im Gespräch.

Der Fußball hatte im Vergleich zu anderen Sportarten, aber auch im Vergleich zu anderen Bereichen der Unterhaltungsindustrie auf gewisse Weise das Glück einer Lebensversicherung. Das Fernsehgeld hat viele Vereine vor der Insolvenz gerettet. Im Endeffekt darf man also als einer, der Profifußball macht, nicht wirklich klagen, oder?

Wir sind dankbar, dass wir arbeiten dürfen. Andere dürfen es seit Monaten nicht. Das muss man sich schon immer vor Augen führen, das muss einem bewusst sein. Deshalb habe ich mir ja gewünscht, dass man in Deutschland infolge dieser Krise, insbesondere in diesen Branchen, einen Wettbewerb der Lösungen initiiert. Wir alle wissen, dass das Virus gefährlich ist, dass Menschen daran erkranken und sterben. Also ist es das Wichtigste, Infektionen zu verhindern. Dazu sind Verbote und Verordnungen notwendig, aber aus meiner Sicht eben auch Lösungen im Sinne von Hygienekonzepten, Testungen und Schutzkonzepten für besonders gefährdete Gruppen. Doch dieser Wettbewerb der Lösungen ist leider nicht entstanden.

Union hat sich im Alleingang an Lösungen versucht. So entschieden wie kein anderer Verein hat Union im Sommer darauf gedrängt, dass wieder vor Zuschauern gespielt werden kann. Wofür der Klub jede Menge Kritik abbekommen hat. Die Eisernen nehmen Corona nicht so wirklich ernst, war der Vorwurf, „Die Superspreader der Alten Försterei“ und „Corona-Wahnsinn“ war da zu lesen. Insbesondere nach dem Spiel gegen den SC Freiburg, Ende Oktober, als 4500 Zuschauer im Stadion An der Alten Försterei waren. Würden Sie im Nachgang noch mal alles genauso machen?

Ein „genauso“ gibt es ja ohnehin nicht. Wir alle haben in den letzten Monaten dazugelernt. Auch die Menschen, die das Abweichen von Mehrheitsmeinungen gleich mal als Unverantwortlichkeit geißelten. Ich glaube, wir alle wissen nun, dass es auch in dieser Krise nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Wir haben uns jedenfalls darum bemüht, mit aller Vorsicht und Demut nach Lösungen zu suchen. Das werden wir auch weiterhin tun, selbstverständlich. Ich glaube, unser Land war immer dann erfolgreich, wenn man kreative Menschen und Unternehmen nach Lösungen hat suchen lassen, ihnen Verantwortung übertragen hat.

Aber noch mal: Es gibt eben auch Menschen, die nicht nur den Weg der Verbote und Verordnungen sehen, sondern auch den Weg der Lösungen."

Dirk Zingler

Und das ist aus Ihrer Sicht dieses Mal nicht passiert?

Wir haben uns in der Gesellschaft mehrheitlich dazu entschieden, eher den Weg der Verordnungen und Verbote zu gehen. Das gilt es zu akzeptieren. Aber noch mal: Es gibt eben auch Menschen, die nicht nur den Weg der Verbote und Verordnungen sehen, sondern auch den Weg der Lösungen. Wichtig ist, dass am Ende bei jedwedem Ansatz eine Schutzfunktion steht und Infektionen vermieden werden. Wir sollten uns bemühen, die unterschiedlichen Ansätze nicht gegeneinander auszuspielen, sondern diese Wege miteinander zu verbinden. Das war in den Anfangsmonaten der Pandemie leider nicht möglich.

Sogar die eigenen Fans waren skeptisch ob der wilden Entschlossenheit, mit der Sie sich eingebracht haben.

Der Fußballfan ist ja genauso Mitglied der Gesellschaft wie Sie und ich oder die Verkäuferin, der Kraftfahrer oder die Krankenschwester. Ich würde also gar nicht versuchen, die Gruppe der Fußball-Fans extra so rauszustellen. Am Ende ist unser Weg natürlich ein diskutabler, einer, der Widersprüche hervorruft. Eine Reaktion kann immer sein: Ich mach jetzt gar nichts mehr, zieh mich zurück, warte auf das, was man mir sagt und schütze mich. Das ist legitim. Andere begreifen diese Situation aber als Herausforderung und streben nach Lösungen. Menschen sind unterschiedlich, reagieren deshalb auch unterschiedlich auf Krisen. Und das gilt ja nicht nur für die Corona-Pandemie. Diese unterschiedlichen Verhaltensweisen erleben wir ja oft.

Fühlten Sie sich ein bisschen allein gelassen? Einzig Karl-Heinz Rummenigge meldete sich in Ihrem Sinne zu Wort, doch einen konkreten Plan legte auch der FC Bayern nicht vor.

Nein, ich hatte nicht das Gefühl, dass wir im Stich gelassen werden. Letztendlich hat da jeder eine ganz individuelle Situation, die eben von sehr unterschiedlichen Faktoren am jeweiligen Standort beeinflusst wird. Dass es Karl-Heinz Rummenigge vielleicht bei Herrn Söder etwas schwerer hatte als Union in Berlin, das kann sein. Ich mache da aber keinem anderen Klub einen Vorwurf.

Wie war der Austausch mit den Verantwortlichen aus der Berliner Politik?

Die Berliner Politik war offen für Lösungen. Wir haben unsere Idee präsentiert und dabei sehr viel Zuspruch erfahren. Aber am Ende haben sich in den Medien und in der Politik doch die Menschen durchgesetzt, die eher in Verordnungen und Verboten und in mehrheitlichen Meinungen gedacht haben. Was ich halt nicht so ganz nachvollziehen konnte und kann, ist der oft erhobene Vorwurf des falschen Signals. Wie kann die Suche nach einer Lösung ein falsches Signal sein? Aber wie dem auch sei: Ich möchte wirklich nicht mit den Menschen tauschen, die momentan politisch verantwortlich sind bei der diffusen wissenschaftlichen Erkenntnisentwicklung in den vergangenen Monaten. Es ist schwer für jeden, Entscheidungen zu treffen, wenn sich alle 14 Tage die Lage verändert. Lösungen werden wir auf alle Fälle benötigen, denn wir müssen mit dem Virus anscheinend noch lange leben.

Werden Sie im kommenden Jahr, wenn die Pandemie durch die Impfungen womöglich einigermaßen im Griff ist, einen neuen Anlauf starten, um das Stadion An der Alten Försterei schnellstmöglich mit Zuschauern füllen zu können?

Seit März können wir den Menschen bestimmte Dinge nicht mehr anbieten, wie Theater, wie Konzerte, wie Kino, wie Sportveranstaltungen. Der gesellschaftliche Wunsch, das alles zurückzubekommen, wird steigen. Aber auch ich kann nicht vorhersagen, was wann wieder möglich ist. Wir werden dabei allerdings sicherlich wieder zu denjenigen gehören, die sich um Lösungen bemühen. Wir werden bestimmt wieder mutig vorangehen. Nicht nur für uns, sondern gemeinsam mit der gesamten Veranstaltungsbranche. Dahingehend hat sich gegenüber dem März nichts geändert.

Wird das Stadionpublikum nur Schritt für Schritt zurückkehren?

Davon bin ich überzeugt. Es wird erst mal Teilzulassungen geben, mit den entsprechenden Hygienekonzepten. Wir werden uns dann hoffentlich Stück für Stück in den Normalzustand zurückarbeiten. Ich gehe aber davon aus, dass wir nicht vor dem Sommer 2021 überhaupt daran denken können, wieder in einem vollen Stadion zu spielen.

Es gilt vielleicht nicht unbedingt für Ihren Klub, weil die Fans des 1. FC Union eine ganz besondere Bindung zum Verein haben. Aber befürchten Sie nicht auch wie manch anderer infolge der Corona-Pandemie eine Entfremdung beziehungsweise eine Entemotionalisierung des Publikums?

Ich spreche jetzt erst mal nur für uns. Es gibt bei uns keine Entfremdung. Im Gegenteil: Wir haben einen Mitgliederzuwachs. Die Menschen kommunizieren mit uns. Die Menschen halten sich in unseren Zeughäusern auf, weil sie den Kontakt zu ihrem Verein suchen. Als wir im Sommer mit guten Hygienekonzepten gegen Nürnberg wieder 5000 Menschen ins Stadion lassen durften, da haben 80 Prozent die ersten zehn Minuten durchgeheult. Weil sie gemerkt haben, was ihnen gefehlt hat.

Sind Sie wirklich überzeugt, dass der Fußball durch die Pandemie keinen Schaden nehmen wird?

Nur durch die Pandemie nicht. Sie wird möglicherweise das verstärken, was vorher schon nicht mehr in Ordnung war. Und ich sehe eine Entfremdung weniger im Clubfußball.

Sondern wo?

Wenn ich mir den Deutschen Fußball-Bund und die Nationalmannschaft ansehe, auch die Auftritte von Oliver Bierhoff oder von Bundestrainer Joachim Löw in den vergangenen Wochen, dann sehe ich da schon eine Verstärkung der Entfremdung. Es geht mir dabei nicht um sportliche Dinge. Auch wenn das 0:6 heftig war. Vielmehr geht es um die Rolle des DFB und das Auftreten seiner handelnden Personen in der Gesellschaft. Es geht darum, ob ich die Bindung zum Fußballzuschauer, zum Anhänger, zum Fan der deutschen Nationalmannschaft verloren habe. Das ist ein unheilvoller Prozess, der schon vor langer Zeit begonnen hat, der durch die Kommunikation der vergangenen Monate noch weiter verstärkt wurde. Da müssen alle schnellstens gegensteuern, denn diese desaströse Wirkung des DFB fällt natürlich auch auf den deutschen Clubfußball insgesamt zurück, er wird in Mitleidenschaft gezogen. Wir haben da jedenfalls jede Menge Themen zu verbessern.

Welche explizit?

Die Entwicklung der Nationalmannschaft hin zur Marke Die Mannschaft hat diese von Jahr zu Jahr immer weiter vom eigentlichen Fußballfan entfremdet. Wir müssen darüber reden, wann Länderspiele oder generell internationale Spiele stattfinden sollen. Warum finden die um 21 Uhr statt, obwohl jedem bewusst ist, dass da keine Kinder mehr ins Stadion können beziehungsweise vor dem Fernseher sitzen dürfen? Diese verstärkte Ausrichtung auf Vermarktung und TV-Zeiten muss rückgängig gemacht werden. Ja, die Leute müssen wieder Spaß daran haben, Länderspiele mit der Familie zu sehen. Wir müssen auch darüber nachdenken, dass es bei internationalen Spielen wieder Stehplätze gibt. Wenn wir emotionalisieren wollen, müssen wir künftig davon absehen, den Menschen vorzuschreiben, ob sie sitzen oder stehen dürfen. Fußball muss auch für junge Menschen bezahlbar bleiben. Also sollten wir wieder Stehplätze anbieten. Kurzum: Die Reglementierungen und die zu starke Marken- und TV-Ausrichtung entfremdet den Menschen vom Fußball. Wir sollten also die Chance jetzt nutzen, ein paar Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre zurückzunehmen. Da sollten wir mutig sein. Ich würde mir wünschen, dass der DFB bei sich anfängt und sich dafür in den internationalen Verbänden, der Uefa, der Fifa, einbringt.

Ein Klassiker ist ja der Auftritt von Oliver Bierhoff, der mal was über den ostdeutschen Fußball sagen wollte und dann als Beispiel ausgerechnet RB Leipzig nennt."

Dirk Zingler

Sie haben eben „wir“ gesagt.

Natürlich sollten wir Profivereine den Deutschen Fußball-Bund dabei unterstützen und helfen. Das ist gar keine Frage. Wir brauchen aber im Deutschen Fußball-Bund Persönlichkeiten, die den politischen Willen und die Kraft dazu haben, diesen Weg zu gehen.

Den einen haben Sie aber nicht im Blick?

Ein Klassiker ist ja der Auftritt von Oliver Bierhoff, der mal was über den ostdeutschen Fußball sagen wollte und dann als Beispiel ausgerechnet RB Leipzig nennt. Die haben, mal abgesehen von der Tatsache, dass sie in Leipzig spielen, gar nichts mit dem ostdeutschen Fußball zu tun. Entweder weiß er es nicht besser oder es interessiert ihn nicht, wobei beides gleich schlimm wäre. Ich weiß nicht, welcher Union-Fan, der hier regelmäßig an die Alte Försterei kommt, der leidenschaftlichen Fußball liebt, derzeit bereit wäre, natürlich nach Corona, sich live ein Länderspiel anzuschauen.

Die Union-Fans würden zur Nationalmannschaft gehen, wenn Marvin Friedrich oder auch Christopher Lenz in der Nationalmannschaft spielen würden …

… dann müssten die beiden ja, ein bisschen überspitzt formuliert, nach Baden-Württemberg umziehen. Oder wir müssten im südbadischen Fußballverband organisiert sein.

Unter den deutschen Profiklubs ist ja gern mal von einer Solidargemeinschaft die Rede. Die Realität sieht aber doch anders aus, oder?

Für mich ist die Zentralvermarktung an sich ein solidarischer Akt. Weil dadurch die erfolgreichen Vereine den weniger erfolgreichen Vereinen bereits etwas abgeben. Sicherlich könnten die erfolgreichen Vereine noch solidarischer sein. Das Problem ist aber eher die Fehlentwicklung bei den Geldflüssen aus den internationalen Wettbewerben. Das wirkt sich stark auf den nationalen Wettbewerb aus, hat zu dieser enormen Spreizung geführt, der man daher national nur mit kleinen Schritten entgegenwirken kann. Wenn ich die 36 Profiklubs in Deutschland sehe, dann sind das zuallererst Wettbewerber, aber das, was ich vor allem in unserer Zeit als Zweitligist immer gespürt habe, ist, dass alle fair miteinander umgehen.

Und in der Bundesliga?

In der Ersten Liga ist die Spreizung größer als in der Zweiten Liga. Aus meiner Sicht ist die Geldverteilung aber nur ein Teil der Herausforderung. Genauso bedeutend ist das vernünftige Arbeiten. Wir haben zig Beispiele, wo mit viel Geld schlechter gearbeitet wird. Und es gibt Beispiele, wo mit weniger Geld sehr gut gearbeitet wird. Wie gestaltet man dann Solidarität? Sie sollte ja nicht dazu dienen, dass wir schlechtes Arbeiten ausgleichen. Ich habe jedenfalls Respekt vor dem DFL-Präsidium, das versucht hat, den Fehlentwicklungen in kleinen Schritten entgegenzuwirken. Dem einen oder anderen mögen diese Schritte noch zu klein sein, aber ich akzeptiere das, weil ich um die Schwere der Aufgabe weiß. Zu verteilen in einem wachsenden Markt war immer einfach, zu verteilen in einem abnehmenden Markt ist da schon komplizierter.

Vier Bundesligaklubs und zehn Zweitligaklubs haben im Besonderen den Großklubs den Fehdehandschuh hingeworfen, wie es Karl-Heinz Rummenigge nannte. Es ging dabei mal wieder um die Verteilung der TV-Einnahmen. Dabei sind die Sorgen dieser Klubs durchaus nachvollziehbar. Warum haben Sie in dieser Situation nicht an der Seite der kleinen Klubs gekämpft?

Es gibt diese Fehde oder Gruppen nicht wirklich. Daher gehören wir überhaupt keiner Gruppe an, weder der einen noch der anderen. Wir haben unsere Position jedenfalls auf direktem Wege dem Präsidium mitgeteilt und nicht auf dem öffentlichen. Zusätzlich haben wir uns auch mit einigen Vereinen aus der DFL ausgetauscht.

Hat sich in den vergangenen Monaten infolge des sportlichen Erfolgs vielleicht auch ein wenig die Perspektive geändert?

Nein, die Perspektive unseres Klubs haben wir ja schon vor zwei Jahren in unserem eigenen Positionspapier zum Ausdruck gebracht. Davon haben wir einige Dinge unterbringen können, einige auch nicht. Unsere Position ist von der Ligazugehörigkeit vollkommen unabhängig.

Wie schwer wiegt bei der DFL der Abschied von Geschäftsführer Christian Seifert?

Der deutsche Profifußball verliert eine starke Persönlichkeit. Er hat die Liga professionalisiert und erfolgreich entwickelt. Außerdem glaube ich, dass Christian Seifert insbesondere in den letzten zwei, drei Jahren gemerkt hat, dass wir bestimmte Entwicklungen korrigieren müssen. Das hat er vorangetrieben, wurde jedoch von den Vereinen nicht immer ausreichend unterstützt. Nicht in der Tiefe und in dem Tempo, wie einige Gruppen sich das wünschen. Aber jetzt gilt es für die 36 Mitglieder der Deutschen Fußball Liga einen guten Nachfolger zu finden. Dafür ist der Aufsichtsrat zuständig und wird diesen Prozess führen.

Ist Seifert vielleicht sogar der richtige Mann für das Amt des DFB-Präsidenten?

Aus meiner Sicht wäre er das, ich gehe aber zu hundert Prozent davon aus, dass er dazu nicht bereit ist.

Weil der DFB der DFB ist?

Ich lass das mal so stehen.

Haben Sie einen Wunschkandidaten für die Rolle des DFB-Präsidenten?

Vor gut einem Jahr wurde mit Fritz Keller ein neuer Präsident gewählt. Und ich kann ihn nur ermutigen, sich auf das einzulassen, was wir an der Alten Försterei tun: den Stadionzuschauer in den Mittelpunkt des Handelns zu stellen. Wenn er da vorangeht, hat er unsere Unterstützung und sicher auch die Unterstützung vieler fußballliebenden Menschen.

Noch eine letzte Frage, die in die Zukunft weist, aber auch in Abhängigkeit der Corona-Pandemie steht: Wie steht es um den Ausbau des Stadions?

Leider hat Corona auch dazu geführt, dass sich dieser Prozess, sagen wir mal verwaltungstechnisch, eher verlangsamt hat. Wir sind dabei, die letzten Themen bei der Verkehrsanbindung anzugehen. Da hat sich seit einiger Zeit erfreulicherweise Regine Günther als Verkehrssenatorin an die Spitze des Prozesses in ihrem Hause gesetzt. Sie hat das zur Chefsache erklärt. Das begrüßen wir sehr. Aber leider sind wir nicht mehr in den Zeitplänen, die wir entwickelt haben. Realistisch werden wir das Planungsrecht erst Ende 2021, das Baurecht erst 2022 bekommen. Wobei das in drei Monaten natürlich schon wieder anders aussehen kann. Aber wir werden das Stadion ausbauen. Auch wenn das Projekt manchmal unsere Nerven und unsere Geduld arg strapaziert.