Hätten Sie es gewusst?

Die DDR war auch bei der WM 1970 in Mexiko dabei

Bei der Weltmeisterschaft in Mexiko vor 56 Jahren gab es zum ersten Mal Bandenwerbung. Lesen Sie hier, wie die DDR ihre Spitzenprodukte platzierte.

Author - Wolfgang Heise
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WM 1970 in Mexiko: Das Jahrhundertspiel zwischen Deutschland und Italien im Halbfinale. Berti Vogts im Laufduell mit Luigi Riva. Im Hintergrund Bandenwerbung für das DDR-Produkt ORWO.
WM 1970 in Mexiko: Das Jahrhundertspiel zwischen Deutschland und Italien im Halbfinale. Berti Vogts im Laufduell mit Luigi Riva. Im Hintergrund Bandenwerbung für das DDR-Produkt ORWO.Simon/imago

Schauen Sie sich dieses Foto genau an: Deutschlands Nationalspieler Berti Vogts im Duell mit Italiens Luigi Riva im Jahrhundertspiel der WM 1970 in Mexiko. Fällt es Ihnen auf? Nein, es wurde nicht mit Künstlicher Intelligenz verfälscht. Es ist tatsächlich so: Die Bandenwerbung im Hintergrund mit der Aufschrift ORWO sticht beim zweiten Blick ins Auge.

ORWO, Pentacon, Carl Zeiss und Pneumant bei der WM

Es gibt unzählige Archivbilder mit diesen Werbebannern für hochwertige DDR-Produkte. Carl Zeiss (Optik), Pneumant (Reifen), Pentacon (Kamera) und eben ORWO (Fotografie-Filme). Die DDR war mittendrin, als eine WM zum ersten Mal kommerzialisiert wurde. Und zwar in der ersten Reihe an den Bildschirmen in der ganzen Welt. Ganz im Gegensatz zur SED-Ideologie, bei der kapitalistische Werbung verteufelt wurde. Wie war das damals möglich?

Das Spiel um Platz 3 bei der WM 1970 in Mexiko: Die Mannschaften von Deutschland und Uruguay reihen sich vor dem Anpfiff auf. Dabei sticht die Werbebande mit Carl Zeiss aus der DDR hervor.
Das Spiel um Platz 3 bei der WM 1970 in Mexiko: Die Mannschaften von Deutschland und Uruguay reihen sich vor dem Anpfiff auf. Dabei sticht die Werbebande mit Carl Zeiss aus der DDR hervor.imago sportfotodienst

Die Spuren führen zur Interwerbung GmbH der DDR

Die Spuren führen nach Berlin in die Tucholskystraße 40 in Mitte. Dort hatte zu DDR-Zeiten die Interwerbung GmbH im Hinterhof ihren Sitz. Der offizielle Name war lang und umständlich und war „Gesellschaft für Werbung und Auslandsmessen der DDR“. Sie gehörte als Außenstelle zum bis heute undurchsichtigen Geflecht zwischen Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski, seiner KoKo, dem Außenhandelsministerium und der Stasi.

Die DDR war schon Ende der Sechzigerjahre auf Devisen aus dem westlichen Ausland angewiesen. Das Geld sollten Spitzenprodukte aus der DDR bringen, die im Westen verkauft wurden. Der Haken daran: Die VEB-Hersteller waren kaum im kapitalistischen Ausland bekannt. Deswegen wurde die Interwerbung gegründet.

Brasiliens Jairzinho trifft beim WM-Finale in Mexiko zum 3:1 gegen Italien. Im Hintergrund eine Werbebande von Pentacon.
Brasiliens Jairzinho trifft beim WM-Finale in Mexiko zum 3:1 gegen Italien. Im Hintergrund eine Werbebande von Pentacon.Simon/imago

Mexiko 1970 war die erste Kommerz-WM

Es kam die WM 1970 in Mexiko. Es war die erste Weltmeisterschaft, bei der Bandenwerbung zulässig war. Die Stadien waren chaotisch zugepflastert, bis in die oberen Ränge gab es an den Tribünenwänden Werbeschilder. Eine zentrale Vermarktung der Werbeflächen durch die Fifa gab es noch nicht. Es war ein unkoordiniertes Sammelsurium auch im Vorfeld, als die Werbedeals abgeschlossen wurden.

Mal waren es örtliche mexikanische Agenturen, mal Werbefirmen aus den USA. Die zwei größten Firmen waren IMG und Metromedia, die schon in den USA ihre Werbenetze beim Football, Baseball, Eishockey und Basketball zwischen TV-Stationen und Veranstaltern aufgebaut hatten.

Der totale Fußballkommerz stand 1970 bei der WM noch in den Kinderschuhen. Doch jeder wollte dabei sein. Die Weltmeisterschaft in Mexiko war die erste, die weltweit im TV übertragen wurde. Verhältnismäßig preiswerte Werbung wurde auf den Bildschirmen der ganzen Welt ausgesendet. Genau diese Möglichkeit sah auch die Interwerbung GmbH der DDR für Carl Zeiss, Pneumant, Pentacon und ORWO.

Selbst beim WM-Finale zwischen Brasilien und Italien standen am Spielfeldrand Werbebanden von Pentacon und ORWO, während andere Firmen an der Stadiontribüne warben.
Selbst beim WM-Finale zwischen Brasilien und Italien standen am Spielfeldrand Werbebanden von Pentacon und ORWO, während andere Firmen an der Stadiontribüne warben.imago sportfotodienst

Interwerbung trickste Agenturen aus den USA aus

Es herrschte noch Kalter Krieg und trotzdem schaffte es Interwerbung irgendwie das kapitalistische Ausland auszutricksen und einen Werbevertrag abzuschließen. Und nicht nur das: Es gab die besten Werbeflächen in den WM-Stadien, nämlich direkt am Spielfeldrand, die permanent von den Fernsehkameras gezeigt und auf Fotos verewigt wurden. Andere westliche Weltmarken hatten das noch nicht erkannt und hatten ihre Werbeschilder an Wänden von Tribünen – fast unsichtbar für die TV-Zuschauer.

Es bleibt ein großes Geheimnis um die DDR-Werbung in Mexiko und wie das überhaupt möglich war. Die cleveren Strippenzieher dafür sind bis heute nicht bekannt. Doch diese kuriose WM-Geschichte endet fast ironisch. Der Gründer der US-amerikanischen Werbefirma Metromedia aus New York, die auch damals in Mexiko Geschäfte machte, war John Werner Kluge. Der wurde 1914 in Chemnitz geboren und wanderte als Achtjähriger in die USA aus.

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Ist Ihnen die DDR-Werbung bei der WM 1970 schon vorher aufgefallen? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com