Diego Maradona  erzielt im Viertelfinale der WM 1986 in Mexiko mit der Hand das 1:0.  Während die  halbe Fußballwelt schäumt liegt die andere Hälfte ihm spätestens nach seiner Erklärung – „Es war die Hand Gottes“ – zu Füßen. Foto: imago images/Sven Simon

Der Sport, den dieser Begnadete bis zur Perfektion betrieben hat, heißt Fußball. Einer der Größten ist er gewesen, zumindest zu seiner Zeit, aber auch sonst. Der, dessen Name nicht nur im Spanischen seiner argentinischen Landsleute noch immer klingt wie Musik: Diego Armando Maradona.

Ein Jahrzehnt von 1980 bis 1990 und etwas länger hat dieser Bursche keinen Superlativ ausgelassen, ob gut oder böse. Zwischen Gott und Gosse ist er gewandelt schon damals. Aufgehört hat das nie, auch weil er seine Passion einmal, im WM-Spiel 1986 gegen England und den großen Torhüter Peter Shilton, derart perfekt mit einem anderen Körperteil ausgeübt hat, dass er um den Einfall, es spitzbübisch zu erklären und auf den Punkt zu bringen, nicht einmal verlegen war: Es war die Hand Gottes. 60 Jahre und nicht einmal vier Wochen nur ist diese Hand Gottes alt geworden. Viel zu wenig für einen Unsterblichen wie ihn, als er am Mittwoch einem Herzinfarkt erlag. Himmel, Diego, jetzt hat Gott drei Hände.

Das letzte Foto: Diego Armando Maradona mit seinem Arzt in der Klinik. 
Foto: AFP

„Pibe de oro“ haben sie ihn genannt, dieses Nationalheiligtum im Lande der Gauchos, Goldjunge. Dabei ist dieser Kerl, ganze 165 Zentimeter kurz, auch ein Teufel gewesen, ein Verhätschelter und Verhasster, ein von den Lieblingen Geküsster und vom Leben Verstoßener, ein Gefeierter und Gescheiterter. Alles in einer Person ist er gewesen, vor allem aber eines: einer der größten Poeten seines Sports auf dem Erdball.

Noch viel besser als Lionel Messi?

Wer ihn hat spielen sehen mit seinen kurzen Haken und den schnellen Schritten, den Ball immer ganz eng an seinem linken Zauberfuß, kann nicht genug davon haben, nie. Viele sagen, er sei noch viel besser gewesen als Lionel Messi, sein Nachfolger im Team der Albiceleste, der Weiß-Himmelblauen. Weltmeister ist er geworden vor 34 Jahren in Mexiko nach einem 3:2 im Finale gegen Deutschland, bester Spieler des Turniers und der Beste der Welt damals sowieso. Der Größte neben Pelé, Franz Beckenbauer und Johan Cruyff und ein göttliches Talent voller Gaben und Einfälle.

Neapel verehrt Maradona wie kaum eine andere Stadt,  gedenkt in kollektiver Trauer. Foto: AP

Der Werdegang dieses Jungen aus einem der ärmsten Vorortviertel von Buenos Aires zu D10S, was Dios bedeuten soll, also Gott, und mit Maradonas Rückennummer 10 verherrlicht wird, geht steil hinauf zum höchsten Gipfel und noch steiler wieder hinunter bis ins Jammertal. Sein Leben gleicht einerseits der Aufnahme in den Olymp und ist zugleich eine Schussfahrt in die Obsession. Es sind sechs Jahrzehnte zwischen Kunst und Wahnsinn. Niemand konnte ihm das Wasser reichen in seiner besten Zeit.

Nirgends wurde er bei seinen Sololäufen zwischen all den Raubeinen so getreten wie in Spanien, als er für den FC Barcelona Titel und Meriten gewann. Die Schiedsrichter, hätten sie damals schon nach den Regeln von heute gepfiffen, hätten haufenweise Rote Karten verteilen müssen. Andererseits haben sie ihm nirgends so zu Füßen gelegen wie in Italien beim SSC Neapel, dieser als Schmuddelstadt verschmähten Metropole im Süden des Apennin.

Die „Hand Gottes“

Genau dorthin, zu den Armen und Verhöhnten, zu den vom Leben Gebeutelten und vom Glück Vergessenen, hat die „Hand Gottes“ am besten gepasst. Diesen Verein, der klinisch tot war, hat Maradona wiederbelebt, hat ihn zum Meister und international hoffähig gemacht. Den Fans hat er die Würde gegeben, die sie von niemandem sonst zu bekommen glaubten, er hat sie verzückt und mindestens zu einem Lächeln gebracht. Wenn es ganz gut gelaufen ist, und das ist es ziemlich oft damals in den Jahren von 1984 bis 1991, haben sie vor Freude geweint. Sie haben getanzt und gefeiert, sie haben gelacht und getrunken, sie waren freudetrunken und vom Rausch des Erfolges betört.

Kaum ein Fußballer, von ein paar wenigen wie George Best und Paul Gascoigne abgesehen, hat indes so exzessiv gespielt und gelebt wie dieser Zauberer. Keiner hat den Ball derart zwischen den Extremen jongliert wie dieser kleine, später etwas pummelige Argentinier mit seiner Leichtigkeit, die etwas von Anmut hatte, noch später aber mit Tragik.

Diego Maradona, Weltmeister 1986.  Foto:  AP Photo/Carlo Fumagalli

Dopingproben wiesen auf Kokain hin, die WM 1994 hatte damit ihren ganz großen Skandal, spielerische Intelligenz und soziale Ignoranz gerieten fürchterlich aus der Balance. Trotzdem ist es die Geschichte, die sie ihm am Fuße des Vesuvs nie vergessen werden, erst recht nicht nach seinem Tod. Weil er einer von ihnen bleibt, trotz permanenter Steuerhinterziehung und regelmäßigen Kokainkonsums, der zur Sucht ausartete, trotz der Nähe zu Callgirls, Drogenhändlern und natürlich der Mafia, trotz der späteren Sympathie für Kubas einstigen Revolutionsführer Fidel Castro und dessen frühen Mitkämpfer Che Guevara, dessen Porträt sich Maradona auf den Oberarm hat tätowieren lassen.

Vom Tod auferstandener Held

An Skandalen hat es nie gemangelt bei diesem irgendwie verrückten Menschen. Oft, ziemlich oft ist es ihm bei seinem kruden Lebenswandel gelungen, den Gevatter mit der Sense schon in jüngeren Jahren zu umdribbeln. Die Bilder des kranken, zerzausten und vom noch einigermaßen jungen Leben trotzdem hart gezeichneten und aufgedunsenen Körpers, der im Jogginganzug in ein Fahrzeug geführt wird und man raten musste, was greller leuchtet, das Rundum-Blaulicht des Notarztwagens oder das Blitzlichtgewitter der Fotografen, gingen um die Welt.

Als dieser immer öfter vom Tod auferstandene Held sich wieder auf den Beinen bewegen konnte, ob nach einem Aufenthalt in Kuba oder anderswo, atmeten seine Fans auf und dankten Gott, dass der Allmächtige seine dritte Hand doch noch ein Weilchen auf dem Erdball lässt. Sie lächelten selbst dann nur müde und bewunderten ihr Idol, als dieser Diego Armando einst mit dem Luftgewehr auf Journalisten schoss, die auf der Jagd nach einem Schnappschuss sein Domizil belagerten. Sie verziehen ihm einfach alles.

Der Goldjunge hat ein Leben gelebt, das es sonst nur im Film gibt. Einige Dokumentationen sind längst gelaufen. Nun aber wird es manchen Drehbuchschreiber geben und manchen Regisseur, der sich dieses Themas erneut annimmt. Dort wird wahrscheinlich immer und immer wieder dieser Satz auftauchen, den Maradona für seine Fans und Bewunderer gesagt hat, weil er zum großen Teil auch auf sie zutrifft: „Auf dem Platz ist das Leben unwichtig.“ Trotzdem oder gerade deshalb hat die argentinische Regierung nach der Nachricht vom Tod dieses einzigartigen Kickers voller Kapriolen eine dreitägige Staatstrauer angeordnet.  

Neapel verehrt Maradona wie kaum eine andere Stadt,  gedenkt in kollektiver Trauer.
Foto: AP