Als Deutschland scheiterte

Matthias Sammer: So habe ich Berti Vogts erklärt, wie es ist, ein Ossi zu sein

„Elf Helden, ein Albtraum“ heißt eine ARD-Doku über das Scheitern der DFB-Elf bei der Fußball-WM 1994. Die WM, bei der erstmals auch DDR-Stars Teil des Teams wurden.

Author - Stefan Henseke
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Matthias Sammer stand in der Vorrunde bei allen WM-Spielen in den USA in der deutschen Startelf – hier beim Spiel gegen Südkorea am 27. Juni 1994. Endstand: 3:2.
Matthias Sammer stand in der Vorrunde bei allen WM-Spielen in den USA in der deutschen Startelf – hier beim Spiel gegen Südkorea am 27. Juni 1994. Endstand: 3:2.Laci Perenyi/imago

Vier Jahre vor der Fußball-WM 1994 in den USA tönte Franz Beckenbauer noch groß. Die Bundesrepublik Deutschland war 1990 gerade Fußball-Weltmeister geworden, die Wiedervereinigung stand kurz bevor. „Jetzt kommen die Spieler aus Ostdeutschland noch dazu. Ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird.“ Doch vier Jahre später scheiterte die DFB-Elf in den USA krachend. Was auch daran lag, dass es nicht gelungen war, wirklich ein gesamtdeutsches Team zu schaffen.

Der Moment, der alles zeigte: Sammer schweigt bei der Nationalhymne

Der 17. Juni 1994, Chicago, kurz vor Anpfiff des Spiels Deutschland gegen Bolivien. Beim Abspielen der Nationalhymne fährt die Kamera die Reihe der deutschen Nationalspieler ab. Alle singen mit – nur einer nicht. Matthias Sammer, einst Dynamo Dresden, damals bei Borussia Dortmund. Sammer steht da, den Kopf gesenkt, schweigend.

Die Mannschaftsaufstellung vor dem Spiel gegen Spanien (21. Juni 1994, Endstand: 1:1), Matthias Sammer (7. von links) sang bei der Nationalhymne nicht mit.
Die Mannschaftsaufstellung vor dem Spiel gegen Spanien (21. Juni 1994, Endstand: 1:1), Matthias Sammer (7. von links) sang bei der Nationalhymne nicht mit.Sven Simon/imago

„Für mich war ganz klar, dass ich in dem Moment nicht die Nationalhymne mitsingen kann. Es geht nicht“, erinnert sich Sammer in Folge 2 der ARD-Doku „Elf Helden, ein Albtraum“. „Ich habe mich hingestellt, nach unten geguckt und wollte vermitteln: Das, was alles hier passiert, ist nicht normal.“ Er fügt hinzu: „Der Respekt vor dem, was da passiert ist, den darf man mir ansehen.“

Nur wenige DDR-Spieler landeten 1994 im WM-Kader

Matthias Sammer war einer von nur zwei DDR-Spielern, die Bundestrainer Berti Vogts für das WM-Team nominierte. Sammer war immerhin Stammspieler, doch Ulf Kirsten wurde nur als Stürmer Nr. 5 mitgenommen, spielte nicht eine einzige Minute in den USA. Erfolgreiche Ostkicker wie Andreas Thom, Thomas Doll, Olaf Marschall oder Jörg Heinrich fehlten ganz.

In der ARD-Doku spricht der Journalist Uli Köhler davon, dass die DDR-Spieler allein gelassen wurden. „Das ist auch so ein Stück deutscher Geschichte, dass es Westdeutschland nicht geschafft hat, die DDR zu integrieren. Damals hat’s angefangen.“

Der Publizist und Philosoph Wolfram Eilenberger sieht das Problem auch in den Spielern, die 1990 Weltmeister wurden. Also in Spielern wie Matthäus, Klinsmann, Völler, Kohler, Brehme und Berthold.

„Wir brauchen diese Ossis nicht“ – ein Satz, der bis heute nachhallt

Eilenberger erkennt eine Art Arroganz der Wessis. Er sagt in der Doku, dass die vorherrschende Meinung in dieser Mannschaft war: „Wir brauchen diese Ossis nicht ... Ihr braucht uns, ihr dürft euch in unserem Glanze sonnen.“

Was natürlich ein gewisses Grundgehabe widerspiegelte, das in Westdeutschland vorherrschte in Bezug auf den Osten, sagt der Publizist. Man sei sich damals nicht auf Augenhöhe begegnet. „Und das war übrigens sehr lange nicht der Fall“, fügt er hinzu.

Die Fußballwelten Ost und West prallen aufeinander

Auch Innenverteidiger Thomas Helmer war damals Teil der Mannschaft. Er erinnert sich: „Ich hatte das Gefühl, sie mussten irgendwie bei Null anfangen, sich erstmal bei uns wieder beweisen, obwohl sie schon alles bewiesen hatten.“ Sie seien ja schon vorher Topspieler gewesen.

Zwei Welten, nicht nur im Fußball, kollidierten. Während Sammer heute davon spricht, was für wunderbare Mitspieler er damals hatte, fremdelten Helmer & Co. mit den Mitspielern aus dem Osten.

„Matthias war auch so ein bisschen vorsichtig“, sagt Thomas Helmer heute. Sammer habe versucht, sich in die Gruppe einzufinden. Er sei immer sehr freundlich gewesen, habe versucht, es allen recht zu machen. „Ich glaube, deshalb kam man gar nicht richtig an Matthias ran“, erklärt Helmer in der Doku.

Warum Sammer sich unverstanden fühlte

Sammer fühlte das Nichtverstandenwerden, es belastete ihn. „Das ist es auch, was mit Berti am Anfang für mich so schwierig war“, erinnert sich der gebürtige Dresdner. „Berti hat von uns Dinge verlangt, die konnten wir gar nicht geben. Weil wir so nicht aufgewachsen sind, in der Offenheit.“ Berti Vogts sei deshalb mit den Spielern aus dem Osten unzufrieden gewesen.

1994, beim WM-Training in Chicago: Bundestrainer Berti Vogts spricht mit Matthias Sammer.
1994, beim WM-Training in Chicago: Bundestrainer Berti Vogts spricht mit Matthias Sammer.Laci Perenyi/imago

Sammer bat Berti Vogts damals um ein klärendes Gespräch. „Dann habe ich versucht, ihm die Geschichte zu erklären, wie wir aufgewachsen sind“, erzählt der Ex-Fußballer. „Mit Staatssicherheit, mit Misstrauen, mit Dingen, die man bereden konnte, aber auch nicht bereden konnte.“ Die DDR war verschwunden, aber die DDR war immer noch in Sammer.

Sammers Probleme ähnelten denen vieler DDR-Bürger

Matthias Sammer war schon im Osten ein echter Fußballstar, doch seine Probleme ähnelten denen vieler DDR-Bürger. „Nicht alles zu haben und dann plötzlich wohin zu kommen: völlige Freiheit, eigenes Denken, eigene Gedankengänge“, erzählt der heute 58-Jährige. „In der DDR war mehr oder weniger alles organisiert, alles war klar.“ Deshalb hätten viele Menschen nach der Wende Probleme gehabt, nur schwer mit diesen freiheitlichen Gedanken umgehen können.

Für Matthias Sammer war das Gespräch mit Berti Vogts ein Wendepunkt, wie er in der ARD-Doku „Elf Helden, ein Albtraum“ resümiert. „Dass er überhaupt mal verstanden hat, wer wir sind. Er ist davon ausgegangen: Herzlich willkommen, ihr seid da, jetzt integriert euch und geht miteinander um. Und völlige Normalität. Aber das konnten wir nicht, wir waren noch lange nicht frei.“

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