In Berlin demonstrierten am Osterwochenende zahlreiche Menschen gegen sexualisierte Gewalt in Russlands Krieg gegen die Ukraine. Imago/Olaf Schuelke

Wir alle haben sie noch vor Augen, die dramatischen Bilder aus Butscha, Mariupol und anderen Städten, in denen die russische Armee wütete und ihren Frust über den einfach nicht nach Plan laufenden Krieg an der Zivilbevölkerung ausließ. Doch neben den Toten und Verletzten, die in jeder Statistik auftauchen gibt es auch zahlreiche Frauen, die während des russischen Angriffskrieges vergewaltigt werden. Viele Fälle werden von den Betroffenen aus Scham verschwiegen, doch immer mehr dringen dennoch an die Öffentlichkeit.

Berichte über sexualisierte Gewalt in Russlands Krieg nehmen zu

So erzählte die 50 Jahre alte Elena (Name geändert) der Nachrichtenagentur AFP, dass sie am 3. April im südukrainischen Cherson von russischen Soldaten vergewaltigt worden sei. Die vierfache Mutter lebte alleine in der Stadt, ihr Mann kämpfte für die ukrainische Armee irgendwo im Donbass. Ihre Kinder hatte sie zu Beginn des Krieges in den Westen des Landes geschickt.

Gegenüber den Agentur berichtete sie von ihrem Martyrium. Ein Mann hatte sie in einem Supermarkt an die russischen Truppen verraten, dass ihr Mann Soldat sei. Russische Soldaten seien ihr daraufhin nach Hause gefolgt, hätten sie gezwungen, ihre Kleider auszuziehen und drückten sie nach unten. „Ohne ein Wort zu sagen, stießen sie mich auf das Bett, schlugen mich mit einer Maschinenpistole nieder und zogen mich aus“, erzählte Elena, die angab erstmals in dem Interview über den Fall gesprochen zu haben.

Sucht man gezielt danach, findet man reihenweise solcher Berichte. In der BBC kommt Anna (Name geändert) aus Kiew zu Wort. Sie wurde bereits Anfang März in einem Vorort von Kiew vergewaltigt. Ein russischer Soldat drang in ihr Haus ein und brachte sie mit vorgehaltener Waffe in ein anderes Gebäude. „Zieh dich aus oder ich erschieße dich“, soll er gedroht haben. Anna folgte und wurde vergewaltigt. Der Täter soll ein „junger, dünner tschetschenischer Kämpfer“ gewesen sein. Ihrem Mann, der versuchte sie zu retten, wurde in den Bauch geschossen, er starb.

Ein anderer Bericht findet sich bei CBS, dort schildert die 83 Jahre alte Vera (Name geändert), was ihr widerfahren war. „Er packte mich am Nacken“, erzählte sie. Dann habe er sie vergewaltigt. „Ich könnte deine Mutter sein. Würdest du wollen, dass das mit deiner Mutter passiert?“, habe sie noch gesagt, doch er ließ nicht ab. „Er hätte mich erschießen sollen, statt mir das anzutun“, sagte sie.

Russische Armee hat lange Tradition der sexuellen Übergriffe

Sexualisierte Gewalt in Kriegen ist nicht nicht neu und dennoch immer wieder grausam. Auch bei der russischen Armee wurde das in der Vergangenheit immer wieder festgestellt, wie Konfliktforscher Robert Nagel vom Institute for Women, Peace and Security der Georgetown-Universität in Washington der Tagesschau sagte. Als Beispiele nennt er den Krieg in Tschetschenien, die Annexion der Krim und die Kämpfe in der Ostukraine.

Zwei ältere Frauen in Mariupol. Sie sind den russischen Truppen schutzlos ausgeliefert. dpa/XinHua

Laut dem Experten gibt es in diesem Krieg viele Treiber, die sexuelle Gewalt begünstigen. So besteht die russische Armee aus vielen Zwangsrekrutierten und Wehrpflichtigen, die sexuelle Übergriffe als eine Art Initiationsritus nutzen. Zum anderen kommt hinzu, dass auf der russischen Seite auch verschiedene Söldnertrupps kämpfen, die kaum einer Kontrolle unterliegen.

Der Krieg gegen die Ukraine und sexualisierte Gewalt

Und dann spielt laut Nagel auch die Gesamtsituation des Krieges hinein. Denn in der Ostukraine sind mehrere Gebiete bereits von der russischen Armee besetzt, aus ihnen stammen viele Vergewaltigungsberichte – und das deckt sich mit Nagels Forschung. Eroberer setzen damit „ihre Kontrolle über ein Territorium und die Zivilbevölkerung“ durch, so der Wissenschaftler.

Nagel verweist darauf, dass Vergewaltigungen im Krieg in der Regel ein Zeichen mangelnder Kontrolle der Armee-Führung über die einzelnen Kämpfer sind. Jedoch gibt es auch Fälle, in denen eine Strategie dahintersteckte: der Genozid. Als Beispiele nannte er den Völkermord von Srebrenica oder etwa das Vorgehen des IS.

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Die Beurteilung im Fall des russischen Krieges gegen die Ukraine sei schwierig. Einzelne Berichte würden laut Nagel allerdings Merkmale von Völkermord enthalten. So sollen russische Soldaten einer ukrainischen Frau gedroht haben: „Wir werden dich so sehr vergewaltigen, dass dich kein ukrainischer Mann je wieder anfasst!“