Kündigungswelle

Größte Krankenkasse stoppt Hausarzt-Programm: Das müssen Versicherte jetzt wissen

Die TK kündigt fast alle Hausarzt-Verträge. Eine Studie zweifelt den Nutzen an. Was das für Millionen Versicherte bedeutet.

Author - Stefan Doerr
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Das Hausarzt-Programm hat sich nicht bewährt.
Das Hausarzt-Programm hat sich nicht bewährt.Wolfilser/imago

Die Techniker Krankenkasse (TK) zieht die Notbremse. Deutschlands größte Krankenkasse hat fast alle Verträge für ihr Hausarzt-Programm (HzV) gekündigt. Darauf müssen die 12,4 Millionen Versicherten der TK jetzt achten.

Verträge mit Hausärzten laufen zum Jahresende aus

Zum Jahresende werden die Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung (HzV) in fast allen Bundesländern auslaufen. Ausgenommen bleiben vorerst Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Dort gelten gesonderte Verträge, die nach Angaben der TK bislang noch nicht ausgewertet wurden.

Hintergrund der Kündigungswelle sind Zweifel am Nutzen des Programms und hohe Zusatzkosten. Denn eine Untersuchung des Hausarztprogramms durch das Hamburg Center for Health Economics (HCHE) fiel aus Sicht der Krankenkasse ernüchternd aus.

Die hausarztzentrierte Versorgung soll eigentlich dafür sorgen, dass Patienten zunächst zum Hausarzt gehen. Sie übernehmen quasi eine Lotsenfunktion und koordinieren bei Bedarf weitere Behandlungen bei Fachärzten. Ziel ist es, Doppeluntersuchungen zu vermeiden, die Versorgung zu steuern und Krankenhausaufenthalte zu reduzieren.

Die Techniker Krankenkasse beklagt Mehrausgaben ohne Nutzen für die Versicherten.
Die Techniker Krankenkasse beklagt Mehrausgaben ohne Nutzen für die Versicherten.Michael Gstettenbauer/imago

Mehr Facharzt-Besuche statt weniger

Genau dieser erhoffte Effekt ließ sich laut der ausgewerteten Studie jedoch nicht nachweisen. Weder seien weniger Facharztbesuche noch weniger Krankenhausaufenthalte festgestellt worden. Die Zahl der Hausarzt-Kontakte blieb mit durchschnittlich minus 0,2 Terminen pro Jahr nahezu unverändert.

Überraschend ergab die Studie auch, dass die Teilnehmer des Programms Fachärzte sogar häufiger aufsuchten. Im Durchschnitt stieg die Zahl der Facharztkontakte um rund 1,2 pro Jahr. Auch bei der Verordnung ungeeigneter Medikamente habe sich keine wesentliche Verbesserung gezeigt.

Ärztinnen und Ärzte, die am Hausarztprogramm teilnehmen, erhalten aber rund 30 Prozent höhere Honorare als Kolleginnen und Kollegen außerhalb des Modells. Nach Angaben der Krankenkasse verursacht die HzV dadurch jährliche Mehrkosten von etwa 160 Millionen Euro, erbringt aber keinen zusätzlichen Nutzen für die Versicherten.

Doch was bedeutet die Kündigungswelle für die Patientinnen und Patienten? Zunächst müssen sie keine Veränderung befürchten. Die bestehenden Verträge laufen weiter, bis neue Vereinbarungen mit den jeweiligen Hausärzteverbänden abgeschlossen sind. Derzeit nehmen eine Million TK-Versicherte an den gekündigten HzV-Verträgen teil. Ihre Versorgung bleibt unverändert bestehen, beteuert die TK in einer Pressemitteilung.

Krankenkassen sind jedoch gesetzlich verpflichtet, ihren Versicherten ein Hausarztprogramm anzubieten. Die bestehenden Verträge gelten deshalb zunächst weiter, bis neue Vereinbarungen mit den Hausärzteverbänden abgeschlossen sind, so die Techniker Krankenkasse weiter.

Für die TK ist die Kündigung deshalb vor allem der Startschuss für neue Verhandlungen. Ziel sei ein Hausarztprogramm, das „zu besserer Versorgungssteuerung bei effizientem Ressourceneinsatz führt“.