In einer Thüringer Recycling-Anlage wird Plastikmüll vorsortiert. dpa-Zentralbild/Martin Schutt

Müll als Exportware? Klingt komisch, ist in Zeiten der Globalisierung aber Normalität – der Abfall soll woanders weiterverarbeitet werden, um damit neue Ware herzustellen. Unschöne Bilder von deutschem Müll in ärmeren Staaten sorgen aber für Unmut. Nun gibt es neue Zahlen.

Und danach haben deutsche Firmen 2021 deutlich weniger Plastikmüll exportiert als zuvor. Im vergangenen Jahr seien rund 697.000 Tonnen Kunststoff-Abfall ins Ausland transportiert worden und damit ein Drittel (32 Prozent) weniger als 2020, teilte der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) mit. Es geht zum Beispiel um Industriefolien, Produktionsabfälle und Lebensmittel-Verpackungen. Auf Basis einer Branchenschätzung von 2019 fallen jedes Jahr in Deutschland etwa sechs Millionen Tonnen getrennt gesammelte Kunststoffabfälle an.

Aus Plastikmüll wird Polyester-Kleidung produziert

Die Exportzahlen für die Monate Januar bis Oktober stammen vom Statistischen Bundesamt, die Monate November und Dezember sind Schätzwerte des BDE. In Deutschland anfallender Plastikabfall muss verwertet werden, er wird zu Kunststoff-Granulaten verarbeitet oder endet als Brennmasse in Kraftwerken. Die Granulate werden zur Herstellung neuer Produkte genutzt, etwa Polyester-Kleidung, Mülltüten oder Straßen-Poller. Dies kann auch im Ausland geschehen.

BDE-Chef Peter Kurth wertet den Rückgang der Exportmenge positiv. Es zeige sich, dass die Inlandsnachfrage nach den Rohstoffen gestiegen sei. Der Branchenvertreter gab aber zu bedenken, dass auch stärkere Importrestriktionen asiatischer Staaten und die Corona-Pandemie samt unterbrochener Lieferketten eine Rolle gespielt haben dürften. „2021 war ein Ausnahmejahr.“ Der Rückgang sei aber so deutlich, dass man hieraus einen Trend ableiten könne, zumal schon im vergangenen Jahr die Exportmenge gesunken sei, so Kurth - damals um neun Prozent.

259 Millionen Euro Umsatz mit Plastikexporten

Bemerkenswert ist zudem, dass der mit den Plastikexporten gemachte Umsatz trotz des Mengeneinbruchs mit 259 Millionen Euro fast gleich geblieben ist: Nur ein Mini-Minus von einem Prozent weisen die Statistiker aus. Eine mögliche Schlussfolgerung: Die Preise insgesamt und die Qualität des Exportguts stiegen an.

Deutliche Änderungen gab es zudem bei der Liste der Importeure. Jahrelang war China der Hauptabnehmer. Bis Peking vor einigen Jahren die Importregeln für Abfälle verschärfte. Die Müllströme verlagerten sich in andere asiatische Staaten, ab 2018 war Malaysia der abnehmerstärkste Importeur von deutschem Plastikmüll. Auch Indien, Indonesien und Vietnam bekamen größere Mengen. Das hatte Folgen. So sorgte zum Beispiel deutscher Plastikmüll für Aufsehen, der in der Wildnis von Malaysia illegal deponiert worden war. Wer in solchen Fällen der Schuldige ist, ist schwer auszumachen, weil die Handelskette mit mehreren Zwischenhändlern bisweilen schwer nachzuverfolgen ist.

Asien ist nicht mehr „Europas Müllkippe“

Auch andere asiatische Staaten wurden restriktiver bei Abfallimporten. So dass jetzt ein ganz neuer Importeur Spitzenreiter geworden ist: Die Niederlande mit einer Kunststoff-Importmenge aus Deutschland von 136.000 Tonnen im vergangenen Jahr.

Ausfuhren in EU-Nachbarstaaten wie die Niederlande gelten als weniger kritisch, weil die Recycling-Standards dort ähnlich hoch sind. Auf Platz 2 folgt die Türkei (99.000 Tonnen), vor Polen (79.000 Tonnen) und Malaysia (46.000 Tonnen).

Umweltschützer sehen das Thema Abfallausfuhren sehr kritisch. Sie warnen vor Umweltschäden, wenn der Müll in ärmeren Staaten landet und sein weiterer Verbleib kaum kontrolliert wird. So werde die Türkei nun zu einer „traurigen Nummer 2 der deutschen Plastikmüll-Exporte“, sagt Greenpeace-Expertin Viola Wohlgemuth. Dort seien in der Vergangenheit immer wieder nicht-recycelbare Abfälle gelandet.

„Die Belastung ist nun so groß, dass die Türkei 2021 ein Importverbot für bestimmte Plastikabfälle, zum Beispiel den Import von gemischten sowie mechanisch sortierten Kunststoffen, erlassen hat.“ Die Verbotsvorgaben seien aber zu schwach, Importe von Müll aus Deutschland blieben in der Türkei ein Problem, sagt Wohlgemuth.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) will den Export von Plastikmüll ins Ausland weitgehend unterbinden. „Ich setze mich auf EU-Ebene für ein weitgehendes Exportverbot ein“, sagte die Ministerin dem „Tagesspiegel“ (Sonntag). Das lasse sich sinnvollerweise aber nur im Rahmen des EU-Binnenmarkts regulieren, damit es in der Praxis nicht immer wieder unterlaufen werde.

„Außerdem will ich schon bald mit den Bundesländern besprechen, wie wir den Vollzug der bestehenden Regeln verbessern können.“ Im Koalitionsvertrag der neuen Regierung aus SPD, Grünen und FDP ist vorgesehen, dass der Export von Abfällen europarechtlich nur noch in „zertifizierten Recyclinganlagen“ möglich ist.

„Es ist unser Müll, der weltweit die Umwelt belastet - und unsere Verantwortung, dass dies nicht mehr passiert“, sagt Greenpeace-Expertin Viola Wohlgemuth und fordert schärfere Regeln. Deutsche Firmen, von denen illegal exportierter Müll stammt, müssten diesen zurücknehmen.

In Teilen der Abfallwirtschaft lösen die Exporte auf andere Kontinente ebenfalls Unbehagen aus. „Deutschland und Europa sollten in der Lage sein, ihren Kunststoffabfall selbst zu verwerten“, sagt der Chef des Grünen Punktes, Michael Wiener. Das würde Arbeitsplätze schaffen. „Weitere Investitionen in die Recyclinginfrastruktur sind dringend notwendig.“