Leipzig, Magdeburg, Berlin – die Liste der tödlichen Attacken auf Menschenmengen in deutschen Großstädten ist lang. Ein Experte erklärt im KURIER-Interview, wie wir mit der drohenden Gefahr umgehen können.
Haben Großstädter inzwischen Angst, auf die Straße zu gehen?
Dr. Christian Lüdke ist Psychotherapeut mit Sitz in Lünen bei Dortmund. Er ist unter anderem Experte für Krisenbewältigung, und war damals als Notfalltherapeut nach dem Terroranschlag am 11. September 2001 vor Ort, um Hinterbliebene zu unterstützen. Er leistet auch bis heute Trauma-Arbeit mit den Familien und Freunden der Opfer des Anschlags auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt im Dezember 2024.
Was Anfang dieser Woche in Leipzig passiert ist, war zwar keine terroristische Amokfahrt wie am Breitscheidplatz – wo im Dezember 2016 13 Personen gestorben und mindestens 67 weitere Menschen verletzt worden sind –, aber wieder ist ein Auto mitten in der Innenstadt in eine Menschenmenge gerast. Zwei Personen sind willkürlich ums Leben gekommen. Es war keine politische Tat und doch Terror.

Was machen solche Vorfälle mit dem Sicherheitsgefühl von Großstädtern? Haben Leipziger oder auch Berliner Angst, auf die Straße zu gehen – belebte Plätze zu überqueren? Dr. Lüdke erklärt überraschend: Nein, das ist in der Regel nicht der Fall. „Menschen haben sich leider daran gewöhnt“, betont er.
Das Sicherheitsgefühl leidet nicht so sehr, wie man denken würde
„Man wird trotzdem immer wieder wachgerüttelt und denkt: ‚Ah, das darf nicht wahr sein.‘“ Aber die Erfahrung, dass das Sicherheitsgefühl von Menschen aus Großstädten zuletzt gelitten hat, hat der Experte nicht gemacht: „Nicht nachhaltig. Man erschreckt sich, man guckt noch mal genauer hin. Die Menschen haben die Gefahr natürlich im Hinterkopf. Aber dennoch ist das Sicherheitsgefühl nicht so massiv erschüttert, dass die Menschen nicht mehr rausgehen.“
„Die Gefahr, bei einem solchen Anschlag, ob jetzt in Leipzig oder bei einer anderen Terrortat in Deutschland ins Leben zu kommen, ist relativ gering, statistisch gesehen“, sagt Dr. Lüdke. „Die Wahrscheinlichkeit, von einer Kuh getötet zu werden, ist deutlich größer“, ergänzt er trocken.

Spannend ist: „Wenn Menschen eine riesengroße Katastrophe mitbekommen, also beispielsweise einen Terroranschlag, eine Naturkatastrophe, dann kann das sehr viel auslösen, wird aber sehr gut verarbeitet.“ Ganz nach dem Credo: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Viel schlimmer seien wiederum für einen Einzelnen mittelschwere Krisen, mit denen man allein dasteht – wie zum Beispiel eine Scheidung oder Kündigung.
Sind wir Berliner schon total abgestumpft?
Menschen sterben, wir machen einfach weiter. Woran liegt das? Sind wir einfach schon total abgestumpft? „Menschen stumpfen nicht ab“, sagt der Trauma-Experte ganz klar. „Es geht um die emotionale Autonomie. Es geht darum, die eigenen Emotionen zu regulieren, zu steuern. Wir Menschen haben eigentlich ganz gute Schutzvorkehrungen.“
„Man kann das vergleichen mit dem Haus. Da haben wir einen Sicherungskasten“, erklärt Dr. Lüdke und weiter: „Wenn Toast anfängt zu rauchen, bevor die Bude abfackelt, fliegen alle Sicherungen raus. Das macht unser Körper auch. Unser Körper ist in der Lage, die Gefühle abzuschalten oder abzuspalten.“

„Wir können kurzfristig funktionieren. Wenn der Schock nachgelassen hat, kommen die Ängste später durch. Aber wir stumpfen nicht ab. Wir lernen, unsere Emotionen besser zu regulieren“, ergänzt der Psychotherapeut. „Menschen sind in der Lage, ihre Gefühle zu kontrollieren. Dass sie sich in solchen Situationen davon distanzieren können.“
Männer belasten Terrorvorfälle stärker
„Letztendlich reden wir über Resilienz, also eine mentale Robustheit.
Die ist nicht angeboren, die erlernen wir im Laufe der Jahre“, ergänzt Dr. Lüdke. Das fällt vor allem Menschen leicht, die stabil sind – die privat und beruflich zufrieden sind. „Die verarbeiten so etwas viel besser.“

„Wenn es aber Vorbelastungen gibt oder andere Krisensituationen, dann trifft das Menschen deutlich schwerer“, lenkt Dr. Lüdke ein. „Da sind Männer viel stärker gefährdet als Frauen. Das zeigen alle Studien. Alleinstehende Männer, die mit sich im Leben eher unzufrieden sind – keine Partnerin, keine sozialen Netzwerke, und darüber hinaus im Beruf eher unzufrieden –, die werden durch solche Ereignisse deutlich stärker erschüttert als alle anderen.“
„Frauen sind deutlich widerstandsfähiger und weniger verletzlich. Das liegt in der Natur der Frauen. Frauen können besser Schmerzen ertragen. Frauen können besser erdulden“, erklärt der Experte. „Sie können das viel besser emotional verarbeiten.“


