Tradition

Mutzbratenstadt, Spitzenstadt, Stiefelstadt: Das sind die kuriosen Beinamen ostdeutscher Städte

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen tragen Städte inoffizielle Beinamen, die Historie und Tradition verkörpern.

Author - Sebastian Krause
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Die Stadt Plauen in Sachsen hat einen besonderen Beinamen. Sie wird auch als "Stadt der Spitze" bezeichnet.
Die Stadt Plauen in Sachsen hat einen besonderen Beinamen. Sie wird auch als "Stadt der Spitze" bezeichnet.Zoonar.com/Markus Hötzel/imago

Wer durch Sachsen, Sachsen‑Anhalt oder Thüringen fährt, stolpert über große Namen: Lutherstadt, Hansestadt, Bad. Offiziell verliehene Zusätze, die auf Ortsschildern stehen dürfen und meist an klare Voraussetzungen gebunden sind.

Viele Städte und Gemeinden haben besondere Beinamen

„Bad“ etwa hängt in Deutschland am Kurorterecht der Länder. Und „Hansestadt“ verweist auf einen historischen Bezug zur Hanse. In den drei Ländern gibt es aber viele verschiedene Städte und Gemeinden, die sich mit einem inoffiziellen Beinamen schmücken. Damit wollen sie kurz und knapp erzählen, wofür sie stehen, was sie geprägt hat und was sich Besucher merken sollen.

Schmölln in Thüringen ist „Knopf- und Mutzbratenstadt“

Auf eine kulinarische Tradition beruft sich das thüringische Schmölln. Die Kleinstadt im Altenburger Land ist die „Knopf- und Mutzbratenstadt Schmölln“, wie seit 2021 ein braunes Hinweisschild an der A4 verkündet. Schmölln sei im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der Knopfindustrie mit zeitweise 30 Fabriken gewesen, erklärt Stadtsprecherin Maja Persch.

Die Stadt Schmölln in Thüringen trägt den schönen Beinamen „Knopf- und Mutzbratenstadt“.
Die Stadt Schmölln in Thüringen trägt den schönen Beinamen „Knopf- und Mutzbratenstadt“.Hanke/imago

Das aber ist heute nur noch eine Erinnerung, die mit dem Beinamen gepflegt wird. Deutlich präsenter ist der Mutzbraten – ein Stück Schweinefleisch, das mit Salz, Pfeffer und Majoran gewürzt und über Birkenholzfeuer gebraten wird. „Gerade in den Sommermonaten gehört Mutzbraten vielerorts ganz selbstverständlich zu Gartenanlagen, Vereinsleben und Dorffesten“, so Persch.

Gerade in den Sommermonaten gehört Mutzbraten vielerorts ganz selbstverständlich zu Gartenanlagen, Vereinsleben und Dorffesten.

Maja Persch, Stadtsprecherin Schmölln

Schmölln geht mit Identität offensiv um

Schmölln spielt seine Identität offensiv aus. Die Stadt selbst erzählt die Knopf‑Story rund um Rohstoffe wie die Steinnuss, Fabriken, Bahnanbindung und den historischen Boom. Gleichzeitig bleibt der Duft vom Birkenholzfeuer ein lebendiges Aushängeschild, das man im Altenburger Land sofort versteht.

Für Persch sei der Beiname für die Stadt weit mehr als nur ein Slogan. „Er bündelt Geschichte, Besonderheiten und Identität in einer Form, die für Menschen schnell verständlich und einprägsam ist.“ Solche Titel machten eine Stadt nicht neu – „aber sie machen sichtbar, was sie besonders macht“.

Plauen in Sachsen trägt den Beinamen „Spitzenstadt“

Genau das treibt auch das sächsische Plauen an. Die Stadt nennt sich „Spitzenstadt“ und will damit an die vogtländische Spitzen‑ und Stickereiindustrie erinnern. Auf dem Höhepunkt ihrer Blütezeit im Jahr 1912 sollen in Plauen 16.000 Stickmaschinen im Einsatz gewesen sein, wie die Stadt in einer „Geschichte der Plauener Spitze“ schreibt.

Die Stadt Plauen trägt den Beinamen „Spitzenstadt“. Deswegen heißt das große Stadtfest auch „Spitzenfest“.
Die Stadt Plauen trägt den Beinamen „Spitzenstadt“. Deswegen heißt das große Stadtfest auch „Spitzenfest“.Hendrik Schmidt/dpa

Im Zweiten Weltkrieg zerbombt, in der DDR verstaatlicht, nach 1990 privatisiert: So hat die Plauener Spitze verschiedene Epochen überlebt – und wird noch heute produziert. Dass es nicht bei Folklore bleibt, zeigt der Blick in die Gegenwart. Der Branchenverband Plauener Spitze und Stickereien e. V. existiert seit 1990 als Zusammenschluss der regionalen Branche. Und das große Stadtfest in Plauen heißt – natürlich – „Spitzenfest“.

Döbeln und Leisnig sind die „Stiefelstadt“

In Mittelsachsen geht es aber noch größer. Mit Döbeln und Leisnig haben gleich zwei Städte einen riesigen Stiefel als Symbol, blicken auf eine große Schuhmacher‑Tradition zurück und werden deshalb auch „Stiefelstadt“ genannt.

In der "Stiefelstadt" Döbeln gibt es im Sitzungssaal im Rathaus einen 3,70 Meter hohen Stiefel.
In der "Stiefelstadt" Döbeln gibt es im Sitzungssaal im Rathaus einen 3,70 Meter hohen Stiefel.Waltraud Grubitzsch/dpa

Damit nicht genug: Es gab sogar einen „Stiefelkrieg“ zwischen den ungefähr 20 Kilometer entfernten Städten. Der hatte sich am ersten Döbelner Riesenstiefel entzündet. 1925 hatten Döbelner Schuhmachermeister den 3,70 Meter hohen Stiefel angefertigt. Er gelangte nach Leisnig und wurde dort seit den 1950er Jahren jahrzehntelang auf der Burg Mildenstein gepflegt und ausgestellt.

„Wiege des Skat“ liegt im thüringischen Altenburg

Vor Gericht wurde schließlich entschieden, dass das überdimensionale Schuhwerk zurück nach Döbeln muss. Doch auch die Leisniger haben längst wieder einen Riesenstiefel. Er wurde von zwei Schuhmachermeistern im Geheimen angefertigt und 1996 zur 950‑Jahr‑Feier Leisnigs präsentiert.

Mit 4,90 Metern übertrumpft er den historischen Döbelner Riesenstiefel in der Höhe. „Gemeinsam werben beide Städte für die Stiefelregion“, erklärt Döbelns Stadtsprecher Thomas Mettcher.

In Altenburg in Thüringen gibt es eine lange Skat-Tradition. Deshalb gilt der Ort auch als "Wiege des Skat".
In Altenburg in Thüringen gibt es eine lange Skat-Tradition. Deshalb gilt der Ort auch als "Wiege des Skat".Jens Schulze

An Skat kommt in Altenburg niemand vorbei. In der thüringischen Stadt werden seit 500 Jahren Spielkarten hergestellt und sie gilt deshalb als „Wiege des Skat“. In Altenberg gibt es auch ein Spielkartenmuseum mit rund 30.000 Kartenspielen sowie den Sitz des Deutschen Skatverbandes und des Internationalen Skatgerichts.

„Schachdorf Ströbeck“ pflegt seine lange Tradition

Außerdem sprudelt aus einem Skatbrunnen in der Stadt Wasser. Skat ist als immaterielles Kulturerbe anerkannt und seit Kurzem spielt auch ein Altenburger Skatverein in der 1. Bundesliga, wie Stadtsprecher Christian Bettels berichtete. Kurzum: Altenburg ist die „Skatstadt“ – und das mit voller Überzeugung: „Wir denken nicht, dass uns ein anderer Ort diesen Ehrentitel streitig machen wird“, sagte Bettels.

Im "Schachdorf Ströbeck" gibt es an der Grundschule "Dr. Emanuel Lasker" Schach als Pflichtfach.
Im "Schachdorf Ströbeck" gibt es an der Grundschule "Dr. Emanuel Lasker" Schach als Pflichtfach.Matthias Bein/dpa

Was für Altenburg Skat ist, ist für das Dorf Ströbeck in Sachsen‑Anhalt Schach. Seit 2016 zählt die Schachtradition zum immateriellen Kulturerbe. Das „Schachdorf Ströbeck“, ein Ortsteil von Halberstadt, widme sich dieser Tradition auf einzigartige und vielfältige Weise, heißt es.

Schach Pflichtfach an Grundschule in Ströbeck

„Einer Legende nach spielen Ströbecker bereits seit dem Jahr 1011 Schach.“ Seit mehr als 200 Jahren wird an der Grundschule in Ströbeck zudem Schach als Pflichtfach unterrichtet. Und auch wer neu nach Ströbeck zieht, wird wohl bald mit dem Denksport in Berührung kommen. „Neubürger werden durch die vielseitigen Formen der Traditionspflege in die Schachgemeinschaft einbezogen.“

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