Teresie Hommersand am Brandenburger Tor
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

Gegen Wüstenwind mit dem Fahrrad fahren? Auf Schotterpisten durch Kriegsgebiete in Afrika? Im Tiefschnee über die Alpen und trotz Corona über Grenzen? Teresie Hommersand hat genau dies getan. Ihre Reise geht von Kapstadt in Südafrika bis zum Nordkapp in Norwegen. 24 Länder, 25.000 Kilometer. Gerade ist sie in Berlin, sitzt auf einer Bank im Kreuzberger Böcklerpark, lehnt sich zurück und erzählt, wie sie ist, „die Tour ihres Lebens“. Wie sie sich treiben ließ, hier ein bisschen blieb und da, sich dies und das ansah, wie sich irgendwann ihr Plan auflöste, wie aus einem Jahr drei wurden. Wie sie sich nicht stoppen lässt. Auch nicht durch Corona.

Das Fahrrad ist blau. Es sieht stabil aus und das muss es wohl auch sein, kein Hightech, kein Motor, sechzehneinhalb Kilo schwer, mit Stahlrahmen und so konstruiert, dass es auch in den abgelegensten Gegenden der Welt repariert werden kann.

Sie ist 34 Jahre alt, nicht besonders groß, dünn und drahtig. Kein Gramm Fett zeichnet sich unter ihren engen Biker-Sachen ab. Leicht wirkt auch ihr Wesen. Sie kommt aus einem kleinen Ort in der Nähe von Stavanger im südwestlichsten Teil Norwegens. Studiert hat sie in Bergen. An der Uni hat sie sich mit wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung beschäftigt. Für ihre Master-Arbeit kam sie nach Kapstadt im Rahmen eines Austauschprogramms, fühlte sich willkommen, wenn sie von Unbekannten auf der Straße begrüßt und in Gespräche integriert wurde.

Sie blieb sechs Jahre, arbeitete in sozialen Projekten. Ihre Arbeitserlaubnis lief ab, und sie machte eine Erfahrung, die Menschen überall auf der Welt machen – normalerweise allerdings eher umgekehrt. Für Teresie, als weiße Ausländerin in Südafrika, war es schwer, Arbeit zu finden, weil bei gleicher Qualifikation jemand mit schwarzer Haut bevorzugt wurde, um die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Schwarzen und Weißen zu verändern. „Ich fand es unfair, wenn ich in einer Gesellschaft mit hoher Arbeitslosigkeit um einen Platz kämpfe, obwohl ich auch andere Möglichkeiten habe“, sagt sie.

Die Idee für ihre Fahrradtour wurde inspiriert von einem Institutsleiter an der Universität in Kapstadt, der sich aus umweltpolitischen Gründen grundsätzlich weigerte, in ein Flugzeug zu steigen. Teresie war beeindruckt von seiner Haltung und entrüstet über die Kritik an ihm. „All diese negativen Bemerkungen. Das war wohl der letzte Tropfen. Das hat mich inspiriert“, sagt Teresie. Sie beschloss, ihre Klimabilanz nicht mit einem Rückflug in die Höhe zu treiben. Die Tour war für sie auch ein umweltpolitisches Statement. Sie wollte für ein Umdenken werben. Das war im Jahr 2011, lange vor Greta Thunbergs Klimastreik.

BLZ/Sabine Hecher

In den ersten Tagen fuhr sie hundert Kilometer am Tag, später waren es oft nur noch 50. Je länger die Reise dauert, umso langsamer wird Teresie. Sie ändert ständig ihre Route und fährt durch Länder, an die sie anfangs nicht gedacht hatte. „Es ist nicht so, dass ich nicht nach Hause will, aber es gibt so viel zu sehen. Ich muss mich nicht beeilen“, sagt sie.

Sie plant nicht viel, überlegt sich die Dinge nur so ungefähr und manchmal nur von Tag zu Tag. Sie hat ja alles dabei, was sie braucht: Zelt, Matte, Schlafsack, Kocher, Essen. Sie lebt von Erspartem. Freunde organisierten eine Crowdfunding-Kampagne. Sie schreibt Artikel und hält Vorträge. Fragt bei Outdoor-Herstellern an, ob sie fehlendes Material ersetzen. In Kroatien brachte ihr der Botschafter von einer Norwegen-Reise Winterreifen mit.

Am Anfang fand sie es unheimlich nachts allein im Zelt, die Geräusche der Tiere, das Ungeschützte. Sie gewöhnte sich dann an, nachmittags einfach Leute, denen sie begegnete zu fragen, ob sie ihr Zelt in deren Garten aufstellen dürfe. Das klappte fast immer. Oft wurde sie sogar eingeladen, im Haus zu schlafen und bekam auch etwas zu essen.

Wer noch nie in Afrika war, findet wahrscheinlich gerade die Länder dieses Kontinents zum Fürchten. Vor allem für eine Fahrradtour. Auch Teresie hatte manchmal Angst, aber meist hat sie Afrika anderes erlebt. „Der Fokus ist bei Afrika immer auf dem Negativen. Meine Reise ist der Beweis des Gegenteils. Die Leute dort sind so interessiert. Sie heißen einen willkommen und sie wollen alles über die Reise wissen. Es ist so anders, dort zu sein, als in den Nachrichten irgendetwas über diese Länder zu hören“, sagt sie.

Die Nähe zu den Menschen ist vielleicht die wichtigste Erfahrung, die Teresie Hommersand auf ihrer großen Tour gemacht hat. Es ist die Gewissheit, überall auf jemanden zu treffen, der einen aufnimmt und hilft. Wenn nicht plötzlich ein Virus dazwischenfunkt.

Teresie war gerade in Österreich, als das neue Coronavirus die Welt veränderte, alles zum Stillstand brachte und die Menschen in ihre Häuser trieb. Die neue Wirklichkeit sickerte nur nach und nach in ihr Bewusstsein. „Ich sehe ja nicht jeden Abend fern. Ich bin unterwegs. Freunde schickten mir Textnachrichten, ich könne nicht mehr Fahrradfahren. Es war sehr verwirrend“, sagt sie. Das war im März.

Als sie an die deutsche Grenze kam, war die Einreise nicht erlaubt. Eine Viertelstunde erklärte sie den deutschen Grenzbeamten ihr Projekt. Die beschlossen, sie als Transitreisende zu betrachten, nur auf der Durchreise, ohne Kontakt zur Bevölkerung. Sie ließen sie durch.

Deutschland war eine Herausforderung. Eine ganz andere als der Sudan, wo sie bei 50 Grad im Schatten fast verdurstet wäre. Wo die Reifen wegen der Hitze explodiert waren. Piff, einfach so. Anders auch als Ägypten, wo sie sich gegen sexuelle Übergriffe wehren musste. Wo ihr Fremde an die Brust fassten und sie mit einer Wut zurückließen, die sie bis dahin von sich selbst gar nicht gekannt hatte. Anders auch als in Kenia, wo schwer bewaffnete Männer sich davon überzeugen wollten, dass sie sich in kriegerische Auseinandersetzungen nicht einmischen würde.

Deutschland unter Corona war für Teresie Hommersand so einsam wie eine Mondlandschaft. Es ging nun ums Abstandhalten. Das hieß, nicht mehr drinnen zu schlafen, sondern draußen. Auch wenn es kalt war. Und Wildcampen verboten. Es gab kein Wasser mehr, keine Toiletten in Gaststätten und Tankstellen, die sie aufsuchen konnte. Zum Glück blieben Supermärkte geöffnet. Sie schlief in Garagen, ohne dass die Besitzer es merkten, in den hintersten Ecken ihrer Gärten, packte im Morgengrauen, bevor das Licht im Haus anging. Versuchte die Kälte mit Bewegung zu überwinden. In Kirchen lud sie ihr Mobiltelefon auf.

So einsam wie eine Mondlandschaft

„Alles war leer. Ich habe niemanden mehr gesehen. Ich hatte keine Gespräche mehr. Es war das genaue Gegenteil von den engen Verbindungen zu Menschen bis dahin“, sagt sie. Sie vermisste die Begegnungen und den Austausch. Sie war oft traurig. „Ich lernte nichts mehr. Vor Corona hatte ich das Gefühl, meinen Traum zu erleben – wegen der Menschen. Dieser Traum war zu Ende.“

Sie hat nicht aufgegeben, ist immer weitergefahren. Anders als Menschen, die von Weltreisen, aus Austauschprogrammen und von Expeditionen zurückkehren mussten, konnte das Virus sie nicht von ihrem Kurs abbringen.

Teresie Hommersand ist froh, dass sich jetzt alles lockert und sie noch ein bisschen Deutschland in einem annähernd normalen Zustand erleben kann. Sie hat jetzt ein paar Wochen in Berlin verbracht bei Freunden. In den nächsten Tagen will sie aufbrechen. Aber sie wird zurückkehren. Das ist ihr Plan. Sie will bis zum Nordkapp fahren, ein bisschen Zeit mit ihrer Familie daheim verbringen, den Eltern, den Freunden, um im kommenden Jahr nach Berlin zurückzukehren und sich hier eine Arbeit suchen.

Für eine gewisse Zeit, sagt Teresie Hommersand. So hat sie sich das überlegt. Berlin erscheint ihr multikulturell, „irgendwie divers“, jedenfalls nicht so konform und homogen wie Norwegen und auch interessanter wegen der vielen verschiedenen Menschen, die hier wohnen. Wenn sie schon nicht mehr unterwegs sein kann, braucht sie einen Ort, der ihr all das bietet, was sie in den letzten drei Jahren schätzen gelernt hat. Andere Sprachen, andere Kulturen, andere Hautfarben, viele Begegnungen. Berlin, findet sie, könnte dieser Ort sein.