Brutale Selbstjustiz in Italien

Geschäftsfrau jagt Taschendieb mit SUV und überfährt ihn zu Tode

Eine Strandbesitzern ist in Italien wegen Mordes zu 18 Jahren Haft verurteilt worden. Sie hat einen Dieb mit ihrem Mercedes gejagt und getötet. Ins Gefängnis muss sie nicht.

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Das Bild aus den Aufnahmen der Überwachungskamera zeigt, wie die Frau mit ihrem SUV den Mann rammt. Danach überrollt sie ihn mehrfach.
Das Bild aus den Aufnahmen der Überwachungskamera zeigt, wie die Frau mit ihrem SUV den Mann rammt. Danach überrollt sie ihn mehrfach.Screenshot / Facebook

Ein Fall von tödlicher Selbstjustiz erregte in Italien Aufsehen – und endete jetzt mit einer Verurteilung wegen Mordes. Cinzia Dal Pino, 65, Unternehmerin und Besitzerin eines Strandbads in Viareggio, wurde zu 18 Jahren Haft verurteilt. Sie hat einen mutmaßlichen Dieb mit ihrem SUV verfolgt, gerammt und mehrfach überrollt. Doch ins Gefängnis muss sie nicht.

Mit ihrem SUV rammt die 65-Jährige den Dieb

Ein Abend im September 2024 in der toskanischen Küstenstadt Viareggio. Cinzia Dal Pino verlässt ein Restaurant, als plötzlich ein Mann ihre Handtasche entreißt und flüchtet. Laut Ermittlern soll er sie zuvor mit einem Messer bedroht haben. Die Unternehmerin sitzt Sekunden später in ihrem weißen Mercedes‑SUV – und beginnt eine Verfolgung, die außer Kontrolle gerät.

Die Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen, wie ein Mann - der Marrokaner Noureddine Mezgui - durch eine schmale Straße läuft. Der SUV taucht auf, beschleunigt, trifft ihn frontal. Der 52-Jährige wird gegen eine Hauswand gedrückt. Doch die SUV-Fahrerin stoppt danach nicht. Das Video zeigt, wie Dal Pino vor‑ und zurücksetzt und mehrfach über den am Boden liegenden Mann rollt. Schließlich steigt sie aus, beugt sich über ihn, greift ihre Tasche und fährt davon. Für Mezgui kommt jede Hilfe zu spät. Er stirbt noch am Tatort.

Gutachten sagt, die Frau war voll schuldfähig

Die Videobilder führen die Polizei schnell zur Täterin. Der Mercedes ist eindeutig zu identifizieren, die 65-jährige Unternehmerin wird festgenommen. Die Staatsanwaltschaft erhebt schwere Vorwürfe: vorsätzlicher Mord, erschwert durch besondere Grausamkeit, niedere Beweggründe und die Nutzung eines Autos als „heimtückisches Tatmittel“. Ein psychiatrisches Gutachten bestätigt: Dal Pino war voll schuldfähig. Im Prozess fordert die Anklage lebenslange Haft.

Ihre Verteidigung versucht, ein anderes Bild zu zeichnen: eine Frau, die nach einem Überfall in Angst und Schock handelte, die den Dieb nur stoppen wollte. Doch die Richter am Gericht in Lucca folgen dieser Darstellung nicht. Für sie ist die Grenze eindeutig: Notwehr endet, wenn der Angriff vorbei ist. Wer danach mit einem SUV losfährt und Jagd macht, jemanden mehrfach überfährt und anschließend seelenruhig die Tasche einsammelt, ist im Strafrecht nicht mehr Opfer – sondern Täter.

Für Mord verurteilt – doch Hausarrest statt Gefängnis

Der Fall spaltet Italien. Viele sehen in Dal Pino eine Frau, die in einem Moment der Verzweiflung die Kontrolle verlor. Andere sprechen von einer reichen „Signora“, die glaubte, sich ihre eigene Gerechtigkeit zu schaffen. Wochenlang diskutieren Medien, Talkshows und Politiker über Selbstjustiz, über Angst, über Wut, über Grenzen der Notwehr.

Das Berufungsgericht von Lucca jedenfalls befand die Strandbad-Besitzerin des Mordes für schuldig und fällte jetzt das Urteil: 18 Jahre Haft – die Cinzia Dal Pino aber nicht im Gefängnis absitzen muss. Die 65-Jährige darf die Strafe im Hausarrest verbüßen. Eine Entscheidung, die erneut Diskussionen auslöst. Die genaue Begründung des Urteils steht noch aus.

Großer Andrang auch von Medien vor dem Gerich in Lucca bei der Urteilsverkündung am 11. Juni 2026 gegen Cinzia Dal Pino.
Großer Andrang auch von Medien vor dem Gerich in Lucca bei der Urteilsverkündung am 11. Juni 2026 gegen Cinzia Dal Pino.Aleandro Biagianti / Agf / Imago