Besucher aus der rechten Szene treffen sich 2018 zu einem Neonazi-Konzert in Thüringen. Foto: Steffen Ittig/dpa

In Kloster Veßra, einem 120-Seelen-Dorf nahe der Werra im Thüringer Süden, wird das Mittagsmahl zur Weltanschauungsfrage. Denn die beiden einzigen gastronomischen Einrichtungen an der Hauptstraße des Dorfes – links das Gasthaus Goldener Löwe, rechts der Imbissstand Refektorium – trennt mehr als nur eine schmale Nebenstraße.

Im Goldenen Löwen, einem prächtigen dreistöckigen Fachwerkbau mit Terrasse und freier Sicht auf die mehr als 800 Jahre alte Klosteranlage des Ortes, werden Bierflaschen mit Wehrmachtssoldaten und Hitlerjungen auf dem Etikett und auch schon mal Hitler-Schnitzel angeboten; 20 Meter daneben, im Refektorium, gibt es außer Rostbrätl und Bratwurst auch Kaffee in Emaille-Bechern mit der Aufschrift „Kein Ort für Nazis“. Ein Zettel am Imbissstand verrät, dass 50 Cent von jedem verkauften Kaffee als Spende an das Netzwerk „Wir für Thüringen – Kein Ort für Nazis“ gehen, das sich unter anderem gegen Neonazi-Konzerte engagiert. Gegen solche Konzerte also, wie sie auch vom Wirt des Goldenen Löwen, dem über Thüringen hinaus bekannten Rechtsextremisten Tommy Frenck, organisiert werden.

Die einen essen links, die anderen rechts

Die Entscheidung darüber, wo man das Mittagessen einnehmen will, ist in Kloster Veßra also im doppelten Sinne eine zwischen rechts und links. Ob das allerdings noch lange so bleibt, ist fraglich: Vor Gericht will die Gemeinde erreichen, dass der Kauf des Goldenen Löwen durch den Neonazi Frenck vor sechs Jahren für unwirksam erklärt wird. Welche Partei in diesem jahrelangen Rechtsstreit am Ende die besseren Karten haben wird, steht allerdings in den Sternen.

„Die meisten Einwohner von Kloster Veßra wollen Frenck weghaben, deshalb geht auch kaum jemand aus dem Dorf dorthin“, sagt Schneider. Der 59-Jährige betreibt das Refektorium, eine kleine Holzbude mit gemauertem Grillofen und einem Bretterzaun, hinter dem ein paar Tische und Stühle stehen. Es ist nach 14 Uhr, und Schneider hat für heute zugesperrt. Nun sitzt er auf einer Bank, gemütlich an die noch warmen Mauersteine seines Grills gelehnt und die Arme über dem ansehnlichen Wirtsbauch verschränkt. Die runde Nickelbrille hat er auf die Nasenspitze geschoben. Vier Stunden lang hält er unter der Woche täglich seinen Imbiss offen. Es gibt Frühstück ab 10 Uhr, später dann für die Mittagsgäste Rostbrätl, Bauernfrühstück, Bratwurst und hausgemachte Sülze. Wer also nicht beim Nazi essen will, kann es bei Uwe tun, wie ihn hier alle nennen.

„Ich sehe den nicht als Konkurrenten“, sagt Schneider und nickt mit dem Kopf in Richtung des Gasthauses. „Konkurrenz setzt ja voraus, dass man ein gleiches Anliegen hat und darum wetteifert, wer dem Gast das bessere Essen vorsetzt. Aber für den Frenck ist das nur nebensächlich. Der benutzt den Löwen, um seine rechten Truppen zu organisieren und um Kohle zu machen mit seinem Nazi-Zeug.“

Schneider macht aus seiner Verachtung für Frenck keinen Hehl, wirkt aber gleichwohl sehr entspannt und gelassen, wenn er über seinen Nachbarn spricht. Keine ideologische Verkrampftheit schwingt da mit, erst recht kein Hass. Es ist die Gelassenheit eines Menschen, der eine Haltung vertritt, daraus aber keine große Sache macht. Deshalb will er auch nicht als Linker bezeichnet werden. „Ich habe mit den Linken nichts am Hut, hab ja schließlich bei den Kommunisten in der DDR im Knast gesessen“, sagt er. „Trotzdem bin ich für den da drüben und seine Freunde natürlich der links-versiffte Gutmenschen-Imbiss. Sei’s drum.“

Auf dem T-Shirt der Kellnerin steht: „Auch ohne Sonne braun“

Aber lebt er nicht gefährlich, wenn er sich so offen gegen Frenck und sein Gasthaus stellt? Schneider zuckt mit den Achseln. „An den Wochenenden, wenn die rechten Horden im Löwen sind, geht immer mal wieder was kaputt. Dann werden meine Blumenkästen vom Holzzaun geschubst oder meine Tür wird eingetreten“, sagt er. Auch eine Brandflasche sei mal in den Imbiss geworfen worden. Die Polizei sei ja nicht immer da an den Wochenenden. „Nur wenn Frenck eine Veranstaltung im Löwen offiziell anmeldet, dann steht die Straße voll mit Polizei. Aber oft genug treffen sich die Rechten auch so dort, inoffiziell. Dann sieht man hier Busse und Autokarawanen mit Kennzeichen aus Bayern und Hessen und sonst woher.“

Während das Refektorium schon geschlossen hat, sind nebenan, auf der Terrasse vom Goldenen Löwen, an diesem sonnigen Herbsttag noch immer einige Tische besetzt. Ältere Leute zumeist. Sie haben offenbar keine Probleme damit, dass die blond gezopfte Kellnerin in einem schwarzen T-Shirt mit der Aufschrift „Auch ohne Sonne braun“ herumläuft. Darüber prangt eine halbe schwarze Sonne, das Erkennungssymbol der SS früher und der Neonazis von heute.

In der Speisekarte, die sie den Gästen reicht, werden unter anderem das Landser-Frühstück (mit Großvaters Leberwurst und Kommissbrot), das an der italienischen Küche orientierte Schnitzel „Duce“ und die Schnitzelplatte „Achsenmacht“ angeboten. Zu trinken gibt es „Deutsches Reichsbier“, „Reichsschorle“ und – ganz neu – „Reichs-Trunk“ in vier verschiedenen Geschmacksrichtungen. Auf den Etiketten sind Wehrmachtsoffiziere mit dem Eisernen Kreuz um den Hals abgebildet und – beim „Reichs-Trunk 12 Zylinder“ – ein deutscher Panzer aus dem zweiten Weltkrieg.

Spätestens beim Gang auf die Toilette muss auch dem letzten Terrassenbesucher klar werden, dass der Goldene Löwe eher doch ein brauner ist. Denn in der Gaststube sind auf Tischen Berge von T-Shirts mit eindeutigen Botschaften ausgebreitet. „Make Germany white again“ steht auf einem, „Aryan Resistance“, „Ultrarechts – Braunau am Inn“, „18-Division“, „Haken Kreuz“ oder „Htlr-Schntzl“ auf anderen. In und auf Glasvitrinen stehen Bausätze von Wehrmachtsfahrzeugen, Postkarten mit Landsermotiven, Liköre, die „Afrika-Korps“ heißen oder nach Kriegsverbrechern der Wehrmacht benannt sind, diverse CDs von Nazi-Rockbands wie Skrewdriver, Übermensch und Stahlgewitter.

Das kleine Nazi-Kaufhaus im Goldenen Löwen wird vom Versandhandel Druck 88 betrieben, wobei 88 die in rechten Kreisen übliche Chiffre für „Heil Hitler“ ist. Das Versandgeschäft ist neben den von ihm organisierten Rockkonzerten die wichtigste Einnahmequelle des Löwen-Wirts. „Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist“, bringt Frenck seinen Geschäftssinn auf den Punkt. Der 33-Jährige, keine 1,70 Meter groß, trägt bei unserem Gespräch ein T-Shirt mit einem überdimensionalen Eisernen Kreuz und der Aufschrift „German Sport Division“. Frenck war mal Gewichtheber, das sieht man, hat einen aufgepumpten Oberkörper und tätowierte Arme, die sich mit zwei Händen kaum umfassen lassen. Den Schriftzug „Aryan“ (Arier), den er sich auf den Hals hat tätowieren lassen, verdeckt das Shirt.

Bekannte rechte Szenebands auf einer Wiese am Dorfrand

2014, so erzählt er, habe er den Gasthof gekauft. Für 85.000 Euro. „Der Vorbesitzer hatte Probleme, bekam das Haus nicht mehr ins Laufen. Ich habe es dann auf einer Immobilienseite entdeckt und bin mit dem Besitzer ins Geschäft gekommen.“ Frenck, der Koch gelernt hat, versucht nicht zu verbergen, dass es ihm beim Goldenen Löwen nicht nur um das Restaurant ging. „Ich wollte das Gasthaus als Treffpunkt und Veranstaltungsort für meine Kameraden haben“, sagt er. „Bis dahin hatten wir in der Region immer schlecht Räumlichkeiten gefunden für Feiern oder Konzerte. Staatsschutz und Bürgermeister machten immer Druck auf die Wirte, die Rechten sorgen nur für Ärger und so, reden sie denen ein.“

Mit dem Löwen in Kloster Veßra habe die Szene nun einen Anlaufpunkt, hier können sie sich treffen, feiern, Musik hören. „Jedes Wochenende ist die Hütte voll“, berichtet Frenck. ‚„Aus ganz Deutschland kommen dann die Jungs. Da brummt der Laden.“ Weil er den Löwen am 20. April 2015 eröffnet hat, wird jedes Jahr an diesem Tag Geburtstag gefeiert. Dass das Datum mit Hitlers Geburtstag zusammenfällt? „Reiner Zufall“, sagt Frenck.

Seit 2017 hat der Wirt, der für das von ihm gegründete Bündnis Zukunft auch im Kreistag von Hildburghausen sitzt, mehrmals Rechtsrockkonzerte im Nachbarort Themar organisiert. Auf einer Wiese am Dorfrand, die einem Freund gehört, traten bekannte Szenebands vor Tausenden Neonazis auf, die aus ganz Europa angereist waren. Auch hier machte Frenck Kasse, und das nicht nur mit den Ticketpreisen. So verkaufte er unter anderem T-Shirts mit der Aufschrift „Sturm auf Themar“ für einen Stückpreis von 24,95 Euro.

Der Verfassungsschutz stuft das Gasthaus längst als „überregionalen Szenetreffpunkt“ ein

Aus Sicht der Landtagsabgeordneten Katharina König-Preuß hat sich der Goldene Löwe in Kloster Veßra längst zu einem Ort entwickelt, der der Vernetzung innerhalb der Neonazi-Szene und zur Verbreitung volksverhetzender und verfassungsfeindlicher Positionen dient. „Frenck erwirtschaftet von seiner Immobilie aus Gelder über Veranstaltungen, Gastwirtschaft, Label und Versand“, sagt die Linke-Politikerin. Seit 2015 hätten dort nicht nur 91 rechte Veranstaltungen und Aktivitäten stattgefunden, das Grundstück samt Gebäude sei offenbar auch eine kriminelle Hochburg.

„Die Landesregierung zählte seit Bestehen neben drei Ordnungswidrigkeitenverfahren sage und schreibe 66 Straftaten, die durch die Polizei registriert wurden. Dazu gehören Volksverhetzung, verbotene Neonazi-Symbole, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Körperverletzung, Beleidigungen, Verstöße gegen das Arznei- und Betäubungsmittelgesetz.“ Auch Verfassungsschutz und Landesregierung stufen das Gasthaus längst als „überregionalen Szenetreffpunkt“ ein, der für eine „zunehmend intensive Vernetzung innerhalb der rechtsextremistischen Szene“ sorgt.

Der Freistaat Thüringen, der Landkreis und Kloster Veßra selbst wollen Frenck also weghaben aus dem Goldenen Löwen, aber wie soll das gelingen? Die Gemeinde hat es immerhin schon geschafft, dass der 2014 erfolgte Verkauf des Grundstücks bis heute juristisch nicht vollzogen worden ist. Der Kaufpreis ist noch nicht geflossen, auch steht immer noch der alte Eigentümer im Grundbuch. Erreicht wurde das dadurch, dass die Gemeinde ihr Vorkaufsrecht für die Immobilie angemeldet hat, unmittelbar nachdem sich Frenck und der Vorbesitzer handelseinig waren. Begründet wird dies damit, dass es sich beim Goldenen Löwen um ein Einzeldenkmal handele, das wegen seiner Beziehung zum Kloster von großer geschichtlicher Bedeutung für den Ort sei.

Frenck hat dagegen vor dem Verwaltungsgericht in Meiningen geklagt. „Bevor ich den Gasthof erworben habe, stand er jahrelang zum Verkauf, da hat sich niemand im Gemeindevorstand darum gekümmert“, sagt er. „Und jetzt plötzlich reden sie davon, das Haus sei früher ein Hospital des Klosters gewesen und habe daher eine volkskundliche Bedeutung. Alles ein Fake. Die benutzen das nur als Vehikel, um mich hier fortzujagen.“

Der juristische Streit zieht sich nun schon seit einigen Jahren hin. Und so ganz chancenlos scheint Frenck dabei nicht zu sein. Am letzten Verhandlungstag ließ das Gericht durchblicken, dass es bislang noch nicht so recht überzeugt sei vom Denkmalcharakter des Gasthofes. Nun soll ein Sachverständigengutachten klären, wie sich der Goldene Löwe historisch in den Ort einbindet und welche Rolle er früher gespielt haben könnte.

Kloster Veßras Bürgermeister Wolfgang Möller, dessen Gemeinde zur Verwaltungsgemeinschaft Feldstein gehört, druckst am Telefon etwas herum, als er nach den Chancen in dem Rechtsstreit gefragt wird. Eigentlich dürfe er sich wegen des laufenden Verfahrens dazu nicht äußern, sagt er. „Aber wenn uns das Gutachten bestätigt, dass der Goldene Löwe auf dem Grundstück des einstigen Hospitals vom Kloster steht, dann haben wir gute Karten“, sagt Möller schließlich doch. Am Geld werde es jedenfalls nicht scheitern, das Gasthaus dem alten Besitzer abzukaufen. Und was wird dann aus dem Goldenen Löwen? „Wir haben schon ein Bebauungs- und Nutzungskonzept. Ein Dorfmuseum zur Ortsgeschichte soll rein, auch das Klostermuseum will Räume mitnutzen. Und wir wollen das Haus für Veranstaltungen der Gemeinde nutzen“, sagt Möller.

Tommy Frenck schnaubt nur verächtlich, wenn er das hört. „Für Kauf und Umbau kommen locker 300.000 bis 400.000 Euro zusammen, die hat die Gemeinde doch gar nicht“, sagt er. „Die sollen mal ihre Bücher offenlegen. “ Außerdem gebe es viele im Ort und in der Gegend, die sich an ihm nicht störten. Die Hotels zum Beispiel seien doch froh, wenn sie bei den Konzerten ihre Zimmer vermieten können. „Es gibt nicht einen von denen, der nicht dankbar dafür ist“, sagt er. „Ich bin kein böser Ausgestoßener hier, die meisten Menschen quatschen freundlich mit mir. Weil auch 80, 90 Prozent der Leute hier unpolitisch sind. Die interessiert gar nicht, was wir machen.“

Auf der anderen Straßenseite, im Refektorium, winkt Uwe Schneider ab, als er das hört. „Das ist die übliche Argumentation von Frenck, aber sie stimmt nicht“, sagt er. Im eigentlichen Dorf Kloster Veßra stünden gerade mal zehn, zwölf Leute hinter dem Neonazi, mehr aber nicht. „Richtig ist, dass viele Leute bequem sind, lieber ihr Gartentor zumachen, als sich mit dem anzulegen. Aber zum Beispiel im letzten Jahr, als Frenck seine Leute für den Gemeinderat aufstellte, da haben einige von uns quasi über Nacht ein Bündnis dagegen gebildet“, erzählt er. „Und das sitzt jetzt mit zwei Leuten im Gemeinderat, während Frenck nur einen Sitz abbekommen hat.“

In einer früheren Version dieses Textes trug Uwe Schneider einen falschen Nachnamen. Wir haben den Fehler korrigiert.