Im Italien-Urlaub 1980

Die Kronzucker-Entführung: Ein Kriminalfall, der Deutschland erschütterte

Dieter Kronzucker, einer der bekanntesten TV-Journalisten, wird 90. Vor 46 Jahren stand er selbst im Mittelpunkt der Berichterstattung. Seine Töchter und sein Neffe wurden damals entführt.

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Journalist Dieter Kronzucker und Schwager Ralf Wächtler (ganz l.) bei einer Pressekonferenz zur Freilassung ihrer Kinder (r.).
Journalist Dieter Kronzucker und Schwager Ralf Wächtler (ganz l.) bei einer Pressekonferenz zur Freilassung ihrer Kinder (r.).Rolf Hayo / Imago ; Sven Simon / Imago (Montage BK)

Dieter Kronzucker hat das Fernsehen geprägt. Als er 1978 das neu gegründete „heute-journal“ mit einer lässigen Begrüßung der Zuschauer eröffnete, war das ein Bruch zu dem bislang strengen Ton der Nachrichtensendungen. Der Journalist, der Reporter in Krisengebieten, Korrespondent in Spanien, Portugal, Nordafrika und Venezuela, später Leiter des NDR-Auslandsressorts und „Weltspiegel“-Moderator war und die Satiresendung „extra 3“ erfand, wird am Mittwoch 90 Jahre alt. Er war der Star der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. 1980 wurde er jedoch selbst zum Gegenstand der Nachrichten …

Die Geschichte der Kronzucker-Entführung

Im Juli 1980 verbringt die Familie Kronzucker gemeinsam mit Verwandten die Ferien in einer Villa in der Toskana in Italien. Die Kinder spielen am Pool, als maskierte Männer mit Maschinenpistolen auftauchen. Sie fesseln die Erwachsenen und verschleppen drei der vier Kinder: Susanne (15) und Sabine (13) Kronzucker sowie ihren Cousin Martin Wächtler (15).

Sabine (l.) und Susanne Kronzucker (2.v.r.) sowie ihr Cousin Martin (von hinten) waren Teenager, als sie entführt wurden.
Sabine (l.) und Susanne Kronzucker (2.v.r.) sowie ihr Cousin Martin (von hinten) waren Teenager, als sie entführt wurden.Rolf Hayo/imago

Die Entführer bringen die Jugendlichen in ein abgelegenes Waldgebiet. Dort werden sie in Zelten festgehalten – Martin in einem, die beiden Schwestern im anderen. Er wird angekettet und darf seine Cousinen nur kurz am Tag sehen.

Italien ist zu dieser Zeit von einer Welle krimineller Entführungen betroffen – ein „Geschäftsmodell“, das vor allem wohlhabende Familien trifft. Die Täter hatten vermutlich schwerreiche Prominenz in dem Ferienhaus vermutet.

Das erste Lebenszeichen erst nach 19 Tagen

Mit den Kronzuckers verfolgt eine ganze Nation das Schicksal der Kinder, es war das größte Nachrichtenthema des Sommers 1980. Hubschrauber kreisen über der Ferienvilla, internationale Politiker schalten sich ein. Kronzuckers Frau Renate fleht im italienischen Fernsehen die Entführer an: „Ich gebe euch mein letztes Hemd, aber bringt mir meine Kinder wieder.“ Auch Papst Johannes Paul II. richtet einen Appell an die Täter.

Journalist Dieter Kronzucker und Ehefrau Renate 1980
Journalist Dieter Kronzucker und Ehefrau Renate 1980Rolf Hayo/imago

Erst nach 19 Tagen erhält die Familie ein erstes Lebenszeichen der Kinder. Die Verhandlungen ziehen sich hin, bis schließlich eine Lösegeldzahlung von 4,3 Millionen D-Mark vereinbart wird. Da Lösegeldzahlungen in Italien verboten sind, muss das Geld heimlich ins Land gebracht werden. Die Übergabe erfolgt mithilfe katholischer Priester – ein riskantes Unterfangen, das später sogar Ermittlungen gegen die Familien nach sich zieht, die jedoch folgenlos bleiben.

Am 1. Oktober 1980 endet die Entführung. Die drei Jugendlichen werden freigelassen – erschöpft, aber körperlich weitgehend unversehrt. Die Erleichterung in Deutschland ist enorm; kaum ein anderes Ereignis hatte die Öffentlichkeit in diesem Jahr so bewegt.

Sabine (r). und Susanne Kronzucker und ihr Cousin Martin Wächtler nach der Entführung.
Sabine (r). und Susanne Kronzucker und ihr Cousin Martin Wächtler nach der Entführung.Rolf Hayo/imago

Hauptverdächtiger war der Bankräuber Mario Sale

Die italienische Polizei hatte früh vermutet, dass sardische Kriminelle hinter der Tat stehen – eine Tätergruppe, die in den 1970er-Jahren für zahlreiche Entführungen verantwortlich war. Tatsächlich gilt bis heute ein Mann als Hauptverdächtiger: der sardische Separatist und Bankräuber Mario Sale, der sich „Chaka II“ nannte. Sale war 1977 wegen Entführung, Erpressung und Mord verurteilt worden, jedoch aus dem Gefängnis von Siena geflohen. Weitere Beteiligte wurden 1985 in Florenz verurteilt.

Dieter Kronzucker mit seinen Töchtern Susanne (l.) und Sabine im Jahr 2001.
Dieter Kronzucker mit seinen Töchtern Susanne (l.) und Sabine im Jahr 2001.Rolf Hayo/imago

Nach dem Entführungsalbtraum neue Berufsstationen

Der Fall verändert Kronzuckers Leben. Er geht 1980 als Korrespondent nach Washington, später zurück zum „heute-journal“, wird Sonderkorrespondent in der DDR und wechselt 1990 zu Sat.1, wo er das Informationsprogramm prägt. Immer wieder betont er, wie sehr ihn die Berichterstattung über das eigene Leid geprägt hat – und dass Journalisten sich nicht „am Unglück anderer weiden“ sollten.

Der mit verschiedenen Preisen dekorierte Dieter Kronzucker zog sich nach verschiedenen weiteren Stationen, darunter auch als Professor, mittlerweile weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Im vergangenen November wurde ihm in der deutschen Botschaft an seinem jetzigen Wohnort in Wien das Bundesverdienstkreuz überreicht mit der Begründung, dass er als „heute-journal“-Mitbegründer die „deutsche Medienlandschaft maßgeblich geprägt“ habe.