Als Till Lindemann Anfang Januar in Dubai auf der Bühne steht und seinen Geburtstag feiert, wird es plötzlich ungewohnt vertraut. Hunderte Fans rufen ihm auf Russisch zu: „S dnjom roschdenja!“ – „Zum Geburtstag!“ Lindemann lächelt, bedankt sich erst auf Englisch, dann auf Russisch: „Spasibo bolschoye“ – „Vielen Dank.“
Was vom Russisch-Unterricht in der DDR geblieben ist
Till Lindemann hat nicht nur ein russisches Wörterbuch parat. Er beherrscht sein DDR-Russisch noch immer relativ sicher. Russisch war in der DDR ab der fünften Klasse Pflichtfach. Fünf Jahre lang. Vokabeln pauken, Texte übersetzen, kyrillische Buchstaben schreiben. Der berühmte erste Satz aus dem Schulbuch: „Nina, Nina, tam kartina, eto traktor i motor“.
Und vielleicht kommt dem einen oder anderen noch das sperrige Wort „Dostoprimetschatelnosti“ (Sehenswürdigkeiten) über die Lippen, einfach weil es so lang und unaussprechlich war.
Für viele blieb es bei diesen Bruchstücken. Doch selbst wer kaum noch einen ganzen Satz sprechen kann, hat etwas mitgenommen. Den Umgang mit einer fremden Schrift, mit einer anderen Lautmelodie und die Erfahrung, dass Lernen manchmal erst Jahre später seinen Wert zeigt.

Einer, bei dem sich genau das bis heute auszahlt, ist Till Lindemann. Der Rammstein-Sänger wurde 1963 in Leipzig geboren. Dass ausgerechnet russische Fans in Dubai so stark auf ihn reagieren, ist kein Zufall. Seit Beginn des Ukraine-Krieges treten weder Rammstein noch Lindemann in Russland auf. Die russische Fanbase der Band ist jedoch riesig. Also reisen viele Fans dorthin, wo sie ihn noch live erleben können. Sie fliegen für Rammstein nach Istanbul, nach Kasachstan oder in die Emirate. Dort treffen sie auf einen Künstler, dessen Musik sie lieben und der sogar ihre Sprache kennt.

