Deutliche Worte vom früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck (86). In der ARD-Talkshow „Caren Miosga“ hat der gebürtige Rostocker über den wachsenden Frust vieler Bürger mit Politik und Staat gesprochen und dabei besonders den Blick auf Ostdeutschland gerichtet.
Gauck warnt vor wachsendem Vertrauensverlust in den Staat
Gemeinsam mit der Managerin Julia Jäkel und dem Schriftsteller Lukas Rietzschel diskutierte Gauck über den wachsenden Vertrauensverlust in die Demokratie. Für viele Menschen wirke der Staat inzwischen überfordert. Laut Jäkel zeigen Umfragen, dass 73 Prozent der Bürger den Staat als überfordert wahrnehmen.
Für Gauck ist das ein alarmierendes Zeichen. „Das Hauptproblem, um das es hier geht, ist der Verlust von Vertrauen“, sagte er in der Sendung.
Auch über die Bürokratie sprach der frühere Bundespräsident ungewöhnlich offen. Zwar sei sie grundsätzlich sinnvoll, weil sie Entscheidungen nachvollziehbar mache. Doch inzwischen sei vieles übertrieben. Man sei „im Exzess gelandet“.

Besonders aufmerksam hörten viele Zuschauer zu, als Gauck über Ostdeutschland sprach. Auf die Frage, warum die AfD dort so stark ist, antwortete er mit einem Satz, der für Diskussionen sorgen dürfte. „Sie sind im Grunde genommen altdeutsch“, sagte Gauck über viele Menschen im Osten.
Damit meint er: In der DDR hätten gesellschaftliche Entwicklungen stattgefunden, die im Westen längst Alltag gewesen seien. Gauck nennt als Beispiele die Studentenbewegung der 68er-Jahre oder die Öffnung durch Migration und kulturelle Vielfalt.
Gauck über demokratische Entwicklung im Osten
Die Menschen im Osten hätten diese Erfahrungen nicht gemacht. Deshalb passiere vieles erst jetzt. „Und jetzt holen wir das hier im Osten alles nach“, so Gauck.
Auch die demokratische Kultur sei anders gewachsen. Die Zivilgesellschaft sei „nicht so weit, als hätten wir seit der Nachkriegszeit schon die Demokratie errichtet“.
Rietzschel widerspricht Gaucks Einschätzung
Doch nicht alle im Studio sahen das so. Der Schriftsteller Lukas Rietzschel widersprach Gaucks Analyse. Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen sei kein rein ostdeutsches Phänomen. Dieses Problem gebe es inzwischen in vielen Ländern Europas – teilweise sogar weltweit.


