Sehr geehrter Herr Wadephul,
„Selber schuld“, sagen Sie.
Selber schuld, wer „in diesen Zeiten“ in eine Region wie Dubai gereist ist.
Selber schuld, wer Nächte versteckt in notdürftigen Betten in Kellern oder Tiefgaragen verbracht hat.
Selber schuld, wenn Kinder weinen, weil abgefangene Raketen Häuser erzittern lassen.
Selber schuld, wenn Hotels durch Drohnen oder herabfallende Raketenteile in Brand geraten.
Drei Tage haben Sie für diese Aussage gebraucht.
Seit dem 28. Februar herrscht auch in den Golfstaaten Ausnahmezustand. Am Samstagmittag waren erstmals auch in Dubai laute Knalle zu hören: zwei direkt hintereinander, der dritte wenige später. Und Sie? Schweigen.
Selber schuld?
Am Abend saßen wir in Dubai in Souk Madinat beim Essen. Gegen 19 Uhr wieder diese Knalle: BOOM, BOOM, BOOM. Kurz darauf rauschten Feuerbälle wie übergroße Sternschnuppen durch den Himmel. Ein etwa zwölfjähriges Mädchen klammerte sich an seine Mutter und begann zu weinen. Das Restaurantpersonal bat uns Gäste kurz darauf zu zahlen und schloss. Und Sie? Schweigen.

Selber schuld?
Auf dem Rückweg zum Hotel fuhr mein Taxi am Fairmont Hotel auf der berühmten Palme vorbei. Rauchschwaden über dem Gebäude, überall Polizei. Gerüchte über eine Evakuierung machten die Runde. In der Lobby meines Hotels standen Menschen, starrten auf ihre Handys, fragten an der Rezeption, ob ihre Rückflüge noch stattfinden. Andere rechneten schon damit, am nächsten Tag nicht abreisen zu können.
Und Sie? Schweigen.
Selber schuld?
Gegen 0.30 Uhr schlug mein Telefon Alarm
Zurück im Zimmer packte ich eine Tasche: Reisepass, Krankenkassenkarte, Portemonnaie, Wasser, Powerbank. Ich stellte sie vor die Tür und zog die schweren Gardinen zu, um mögliche Glassplitter vom Bett fernzuhalten. Dann suchte ich im Internet nach Informationen.

Gegen 0.30 Uhr schlug mein Telefon Alarm: „Aufgrund der aktuellen Situation besteht eine mögliche Bedrohung durch Raketen. Suchen Sie umgehend Schutz im nächsten sicheren Gebäude und halten Sie sich fern von Fenstern, Türen und offenen Bereichen. Warten Sie auf weitere Anweisungen.“
Ich nahm die Tasche und rannte vom vierten Stock in den Keller. Rund 1,5 Stunden saßen wir dort: Kinder, Schwangere, deutsche Staatsbürger. Und Sie? Schweigen.
Seitdem kam es zu weiteren Knallen und Erschütterungen durch Druckwellen. Wer da Angst hat, ist also „selber schuld“?
Mit mir sitzen rund 30.000 weitere deutsche Staatsbürger in der Golfregion fest. Wann wir nach Hause kommen sollen, weiß gerade niemand. Auf eine militärische Evakuierung oder Hilfe der Regierung können wir nicht zählen. Das haben Sie heute in Ihrem Statement klar gesagt. Stattdessen betonen Sie, dass wir Reisende für unsere eigene Sicherheit verantwortlich sind.
Herr Wadephul, etwas mehr Empathie würde guttun
Auf der Internetseite des Auswärtigen Amts gibt es einen Punkt:
„FAQ zur aktuellen Lage im Nahen und Mittleren Osten“
Eine Frage dort lautet:
„Mein Flug wurde storniert, wie komme ich nach Deutschland zurück?“
Die Antwort: Bitte kontaktieren Sie Ihren Reiseveranstalter oder Ihre Fluggesellschaft und prüfen Sie mögliche Ausreisealternativen. In Ländern mit gesperrtem Luftraum müssen Sie selbst abwägen, ob Sie Ihren Aufenthalt an einem sicheren Ort verlängern oder sich auf einen Weg über Land machen, dessen Gefahren Sie – und wir – nicht kennen.

Sehr geehrter Herr Wadephul, statt Schuldzuweisungen würde etwas mehr Empathie und Hilfe guttun. Verantwortung endet nicht an der Landesgrenze.
Mit freundlichen Grüßen aus Dubai,




